Wende im Wirecard-Prozess: Angeklagter bricht Schweigen
Ex-Chefbuchhalter vor Gericht:Wirecard-Prozess: Angeklagter bricht Schweigen
von Peter Aumeier, München
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Stephan von E. war Chefbuchhalter von Wirecard. Seit Prozessbeginn schwieg er. Nun schildert er erstmals seine Sicht der Dinge. Das könnte den Prozessverlauf entscheidend ändern.
Im Münchner Wirecard-Prozess hat der frühere Chefbuchhalter Stephan von E. nach rund anderthalb Jahren sein Schweigen gebrochen. Bei seiner Aussage vor dem Landgericht München räumte er Fehler ein.17.07.2024 | 1:56 min
Ist das nun das von einigen erwartete Geständnis? Stephan von E. sitzt im dunklen Anzug ruhig auf der Anklagebank im Gerichtssaal in München Stadelheim. So wie seit Prozessbeginn im Dezember 2022. Doch erstmals spricht der ehemalige Chefbuchhalter, will seine Sicht der Dinge erzählen, auch Fragen beantworten.
Stephan von E. geht von Anfang an in die Offensive. Er schildert sich als einen Mann der Zahlen, dem Informationen oft nur lückenhaft zu Verfügung standen, als einen Chefbuchhalter, der unter "hohem Druck" habe arbeiten müssen, dem es aber an technischer Ausstattung gefehlt habe, um "aussagefähige Reportings" zu erstellen.
Als Wirecard pleiteging, fehlten rund 1,9 Milliarden Euro in der Kasse. Geld, das angeblich auf Treuhandkonten in Asien sein sollte. Die Staatsanwaltschaft München ist überzeugt, dass es die Geschäfte für diese Milliarden nie gegeben hat. Stephan von E. jedenfalls behauptet, er habe über dieses Geschäft nicht allzu viel gewusst; die Buchhaltung jedenfalls sei nicht die Ursache, dass Zahlen fingiert gewesen sein könnten.
Wirecard-Prozess: War die Aussage des Ex-Chefbuchhalters ein Geständnis?
Sechs bis acht Jahre Haft erwarten Stephan von E. - wenn er gesteht. Das haben das Gericht, die Verteidigung und die Staatsanwaltschaft in zwei sogenannten Rechtsgesprächen schon einmal geklärt.
Noch ist schwer abzuschätzen, ob Staatsanwaltschaft und Gericht die heutige Aussage auch als mögliches Geständnis werten werden. Zumindest hofft die Verteidigerin von Stephan von E. nach der Aussage auf ein weiteres Rechtsgespräch.
Shareholder des insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard fühlen sich betrogen. Die Klage gegen ein Wirtschaftsprüfungsinstitute könnte erfolglos bleiben.13.04.2024 | 1:45 min
Manche der Beobachter im Gerichtssaal erinnern sich, als Ex-Wirecard-Chef Markus Braun im Februar 2023 erstmals aussagt. Selbstbewusst und mit lauter Stimme betont er: "Ich weise alle Anklagepunkte zurück" - und will schon mit seinen ersten Worten klar machen, er sei kein Betrüger: "Ich hatte keinerlei Kenntnis von Fälschungen und Veruntreuungen. Ich habe mich mit niemandem zu einer Bande zusammengeschlossen."
Schwieriger Moment für Ex-Wirecard-Chef Braun vor Gericht
Braun hört sich die Aussage seines ehemaligen Chefbuchhalters konzentriert und ohne erkennbare Regung an. Dabei hat der Ex-CEO derzeit vor Gericht einen schweren Stand. Sein Anwalt Alfred Dierlamm hat vor wenigen Wochen sein Mandat niedergelegt.
Der Grund: Der angesehene, aber auch teure Strafrechtsverteidiger bekam kein Geld mehr von Brauns Versicherungen. Braun wird nun von drei Pflichtverteidigern vertreten. Maximal drohen dem ehemaligen Wirecard-Boss insgesamt 15 Jahre Haft.
Als größter Widersacher Brauns vor Gericht und als Kronzeuge der Anklage gilt Ex-Manager Oliver Bellenhaus. Mit seiner Aussage hatte er Braun schwer belastet. Bellenhaus, der als ehemaliger Statthalter von Wirecard in Dubai das wichtige Drittpartner-Geschäft in Asien verantwortete, hatte erklärt, Braun habe bei dem mutmaßlichen Milliardenbetrug Wirecards eine zentrale Rolle gespielt. Anfang April kam Bellenhaus aus der Haft frei.
Vier Jahre Wircard-Skandal
Vor vier Jahren, am 18. Juni 2020 war der Dax-Konzern zusammengebrochen: Die Fin-Tech-Hoffnung aus Aschheim bei München, lange Zeit der Star an der Börse, meldete Konkurs an. Kleinanleger verloren daraufhin ihr Erspartes, Fondsmanager ihre Reputation und die Finanzaufsicht Bafin ihre Glaubwürdigkeit. Die Wirecard-Pleite erschüttert den Finanzplatz Deutschland.
Eine Recherche der Financial Times deckte Anfang Februar 2019 auf, dass Wirecard-Mitarbeiter in Singapur Kunden und Umsätze erfunden hätten, um eine Geschäftslizenz in Hongkong zu erhalten und die Ertragsziele von Wirecard zu erreichen. Im Oktober erneuerten Berichte der Financial Times den Vorwurf der Manipulation bei Wirecard. Interne Unterlagen würden nahelegen, dass Wirecard zu hohe Umsätze und Gewinne bei Tochtergesellschaften angegeben habe.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wurde von Wirecard mit einer Sonderprüfung beauftragt. Das Ergebnis der KPMG-Untersuchung wurde Ende April 2020 veröffentlicht. Danach konnten nicht alle Daten vollständig ausgewertet und somit die Vorwürfe nicht völlig ausgeräumt werden. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erstattete Anfang Juni 2020 wegen Verdacht auf Marktmanipulation Anzeige, dieses Mal gegen den Vorstandsvorsitzenden Braun und drei weitere Vorstandsmitglieder; die Staatsanwaltschaft ließ die Geschäftsräume von Wirecard durchsuchen. Die Wirtschaftsprüfung EY hatte die mutmaßlich gefälschten Bilanzen des früheren Dax-Konzerns über Jahre testiert.
Was folgt ist eine Anklage der Staatsanwaltschaft München gegen Ex-Vorstand Markus Braun, den Ex-Manager Oliver Bellenhaus und den ehemaligen Chefbuchhalter, Stephan von E.. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft wiegt schwer: Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Bandenbetrug und Untreue.
Seit dem 8. Dezember 2022 läuft das Verfahren. Der Verhandlungsort: ein fensterloser Hochsicherheitsgerichtssaal, der direkt an die Justizvollzugsanstalt in München-Stadelheim angebaut wurde.
Ex-Finanzvorstand Marsalek immer noch verschwunden
Wer auf der Anklagebank fehlt, ist der ehemalige Finanzvorstand von Wirecard: Jan Marsalek, der Mann der am besten wissen müsste, warum 1,9 Milliarden Euro fehlen. Doch Marsalek war kurz vor dem Kollaps untergetaucht und wird seitdem mit internationalem Haftbefehl gesucht.
Offenbar ist Marsalek nun auch ins Visier der deutschen Bundesanwaltschaft geraten und wird der Spionage für Russland beschuldigt. Generalbundesanwalt Jens Rommel habe Ermittlungen gegen den flüchtigen Ex-Vorstand des kollabierten Finanzdienstleisters eingeleitet, berichtete der "Spiegel".
von Julia Klaus, Nils Metzger, Christian Rohde, Ulrich Stoll
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