Obdachlos im Winter: Wie das Leben auf der Straße prägt

    Obdachlos im Winter:Wie das Leben auf der Straße prägt

    von Manuela Christ
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    Es kann so schnell gehen: Man hat einen festen Job, ein geregeltes Leben. Doch Uwe und Rolli wissen, wie es ist, wenn beides wegbricht und man plötzlich auf der Straße landet.

    Rolli lebt am Düsseldorfer Hauptbahnhof: Wie kann man Obdachlosen helfen?23.12.2022 | 13:49 min
    Sanfte Klaviertöne klingen durch den Raum, als Uwe das Präludium in C-Moll von Johann Sebastian Bach anstimmt. Er kann es fast auswendig, so viele Male hat er dieses Stück in seinem Leben schon gespielt. Doch seit fast acht Jahren hat er weder ein Klavier noch eine Wohnung, in der er spielen könnte. Uwe ist obdachlos und lebt in Düsseldorf auf der Straße.

    Kein Job, keine Wohnung

    Als junger Mann macht er vor vielen Jahren eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Dann aber folgt er seiner Leidenschaft und studiert Musik. 15 Jahre lang arbeitet er als Organist und Klavierlehrer. Doch seine Stelle wird gestrichen und auch die Schülerinnen und Schüler verschwinden nach und nach. Uwe landet 2015 auf der Straße. Rückblickend erzählt er:

    Es war anfangs sehr hart, weil man zunächst gar nicht wusste, wie man sich organisiert und wo man Hilfe bekommt.

    Uwe, Obdachloser

    Uwe
    "Musik ist mein Lebenselixier", sagt Uwe.
    Quelle: ZDF

    Inzwischen ist das für ihn Alltag. Einmal die Woche darf er in die Räume der Hilfsorganisation vision:teilen, dort ein altes gespendetes Klavier nutzen. Diese Zeit erfüllt den 65-Jährigen. "Musik ist mein Lebenselixier", sagt er.

    Ehrenamtliche unterstützen Uwe

    Heute stehen hinter dem Klavier einige Mikrofone, ein Laptop zeichnet sein Spiel auf. Max, ein ehrenamtlicher Helfer der Organisation, hat sein mobiles Ton-Equipment mitgebracht. So soll ein ganzes Album mit Uwes Musik entstehen.
    Für ihn geht damit ein besonderer Traum in Erfüllung: "Denn ich weiß ja nicht, wie lange ich mit den Fingern noch so gelenkig bin, dass ich spielen kann. Wenn ich 80 bin, bin ich dann vielleicht froh, eine Konserve zu hören."

    Wie kann man Obdachlosen helfen?




    Warme Suppe und Klamotten gegen die Kälte

    Viele, die wie Uwe auf der Straße leben, treffen sich jeden Abend am Gute-Nacht-Bus der Organisation vision:teilen. Um Punkt 22 Uhr steht dieser in der Düsseldorfer Altstadt. Es ist viel los, aber kein Gedrängel. Sie wissen, dass jeder dran kommt. Ehrenamtliche verteilen eine warme Suppe, heißen Tee, Kaffee und alles, was zum Überleben auf der Straße gebraucht wird. Bei den kalten Temperaturen sind das vor allem dicke Winterschuhe, Wollpullover, Jacken und Schlafsäcke.
    Nach der letzten Zählung vom Sommer 2022 leben allein in Nordrhein-Westfalen rund 5.300 Menschen auf der Straße. Doch die Zahlen sind nicht zuverlässig. Schätzungen gehen von dreimal so vielen Obdachlosen aus, als bislang statistisch erfasst. Daher hat das Land die Kältehilfen in diesem Winter verdoppelt.
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    Projekte helfen Obdachlosen bei Wohnungssuche

    Bis vor zwei Jahren lebte Rolli auch noch auf der Straße. Der Düsseldorfer war vier Jahre obdachlos und übernachtete meist am Hauptbahnhof oder am Flughafen. Über das Projekt "Housing First" hat er endlich eine eigene Wohnung bekommen. Das Projekt vermittelt obdachlosen Menschen eine eigene Bleibe, damit sie dann ihr Leben regeln und einen Job suchen können.
    Denn das Leben auf der Straße bedeutet Stress - und kaum jemand findet von selbst heraus. Auch Rolli musste sich an seinen neuen Alltag erst gewöhnen:

    Ich war einkaufen und habe zuhause dann gemerkt, dass ich gar keinen Topf hatte. Dann hatte ich mir den Topf besorgt und festgestellt: mir fehlte der Dosenöffner. Solche Kleinigkeiten, die für andere Leute selbstverständlich waren, waren es für mich nicht.

    Rolli, ehemaliger Obdachloser

    Rolli
    "Jeder, der mir geholfen hat, bekommt auch etwas zurück", sagt Rolli.
    Quelle: ZDF

    Ehemalige Obdachloser hilft anderen

    Seine Wohnungseinrichtung ist minimalistisch, noch immer schläft er auf dem Boden. Das Leben auf der Straße hat ihn geprägt. Deswegen möchte er auch etwas zurückgeben und hilft am Wochenende ehrenamtlich beim Suppe verteilen:

    Jeder, der mir mal geholfen hat, bekommt auch etwas zurück, das ist mir wichtig.

    Rolli, ehemaliger Obdachloser

    Der nächste Schritt ist für ihn ein neuer Job. Es wird nicht leicht, Rolli ist immerhin schon 61 Jahre alt. Aber er hat die Hoffnung noch längst nicht aufgegeben.
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