Vertuschungsvorwürfe: Papst wird zum Politikum in Polen

    Vorwürfe gegen Johannes Paul II:Polen und der "Krieg" gegen seinen Papst

    Natalie Suzanne Steger
    von Natalie Steger, Warschau
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    Seit eine TV-Doku Johannes Paul II vorwirft, sexuellen Missbrauch durch Priester vor seiner Papstwahl verheimlicht zu haben, schwingt sich Polens Regierung zur Ehrenrettung auf.

    Hat der frühere Papst Johannes Paul II als Erzbischof von Krakau pädophile Priester geschützt? Das legt eine TV-Dokumentation nahe. 10.03.2023 | 2:06 min
    Da stehen sie im polnischen Sejm fast wie Aktivisten, rund um ihren nationalkonservativen Übervater Jaroslaw Kaczynski. Die Abgeordneten der Regierungspartei PiS, fast jeder hat ein Konterfei von Johannes Paul II in den Händen. Mit ihrer Mehrheit im polnischen Parlament drücken sie einen Antrag durch, zum "Schutz des guten Namens", des Papstes.
    Zuvor hatte sich Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in einer Videoansprache an die Einwohner gewandt:

    Der Krieg wird heute nicht nur an unserer Ostgrenze geführt. Leider gibt es Kreise, die versuchen, in Polen nicht nur einen militärischen, sondern einen zivilisatorischen Krieg zu provozieren.

    Mateusz Morawiecki, Polens Ministerpräsident

    Seit der Ausstrahlung einer neuen TV-Doku Anfang der Woche holen die Nationalkonservativen den großen Hammer raus. Als Attacke bezeichnet etwa die erzkonservative Europaabgeordnete Beata Kempa die Doku, als Versuch, die "jungen Polen von seiner Heiligkeit Johannes Paul II zu entfremden".

    Journalist befragt Zeitzeugen von Karol Wojtyla

    Es geht um die Zeit vor seiner Papstwahl 1978, als Karol Wojtyla Erzbischof von Krakau war. Der polnische Journalist Marcin Gutowski hat Zeitzeugen befragt, Dokumente ausgewertet, unter anderem des polnischen Geheimdienstes zur Zeit des Kommunismus - und damit kirchenfeindlich. Insgesamt kommt der Journalist zum Schluss, dass der spätere Papst drei Fälle des Missbrauchs von Kindern durch Priester sehr milde behandelt habe.
    Einen pädophilen Priester soll Wojtyla nach Österreich entsorgt haben, aber in einem Schreiben an den damaligen Wiener Kardinal die Vorwürfe verschwiegen haben. Gegenüber der Presseagentur Kathpress hat der Wiener Diözesansprecher bestätigt, dass es in dem Fall keine Hinweise aus Krakau in Sachen Missbrauch gab.

    Empörungswelle in den Medien

    Nun ist Polens katholische Kirche nicht dafür bekannt, die Aufarbeitung von Pädophilie in den eigenen Reihen besonders voranzutreiben. Sie ermittelt zögerlich und intern, eine staatliche Kommission fordert seit Jahren Einblick in die Kirchenakten.
    Die Reaktion auf die TV-Doku war entsprechend reflexartig: Von einem zweiten Attentat auf Johannes Paul II, spricht der Krakauer Erzbischof Marek Jedraszewski. Der langjährige Privatsekretär von Wojtyla, Stanislaw Dziwisz, warnt vor der "Selbstvernichtung" Polens und seiner Identität.
    Flankiert wird die Empörungswelle von den öffentlich-rechtlichen Medien. "Beschämender Angriff auf den polnischen Papst", nennt es TVP, rechtsnationale Medien wittern die Opposition dahinter, die einen "Krieg gegen Johannes Paul II" führe.

    Opposition in kniffeliger Lage

    Seit Tagen diskutieren die Polen. Sie lasse es nicht zu, sagt eine Passantin gegenüber dem ZDF, dass etwas gegen den Papst gesagt werde oder gegen "unsere Religion". Andere sagen, er sei ja nun tot, die Sache erledigt.
    Ein Befragter meint, der Papst werde politisch reingewaschen: "Aber ich denke nicht, dass die Kirche was damit tun wird." Diese Stimmen stammen aus Warschau, auf dem Land dürfte die Sache noch eindeutiger pro Wojtyla ausfallen.
    Für die Opposition ist es kniffelig. So boykottiert die konservativ-liberale größte Oppositionsfraktion zwar die Abstimmung zum "Schutz des guten Namens", aber wirklich laute Kritik an der nationalen Ikone kann nach hinten losgehen. Und im Herbst sind Wahlen.
    "Die Reform, die ansteht, ist nicht mehr aufzuhalten", so die katholische Theologin Angelika Fromm zum Syndonalen Weg.09.03.2023 | 5:16 min

    Polen beschwerte sich bei US-Botschafter

    Auch außenpolitisch wird man laut, um innenpolitisch Stärke zu zeigen. Polens Außenministerium beschwerte sich beim US-Botschafter über den polnischen TV-Bericht von TVN24, der Sender gehört zu einem US-Konzern. Das unabhängige TVN ist das große Ärgernis der PiS, alle Versuche, den Sender verschwinden zu lassen, sind gescheitert, weil der große Bruder Amerika das nicht zulässt.
    Die Beschwerde beim wichtigsten Verbündeten über Journalismus dürfte die USA völlig kaltlassen. Die Nationalkonservativen werden ihre Mission Ehrenrettung trotzdem weiter vorantreiben.

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