Stadtplanung: Wie öffentliches Leben gendergerechter wird

    Stadtplanung:Wie öffentliches Leben gendergerechter wird

    Katharina Schuster
    von Katharina Schuster
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    Historisch gesehen galt das öffentliche Leben den Männern, das Private den Frauen. Städte werden oft immer noch nach diesem Ideal geplant. Das könnte auch anders gehen.

    Sachsen, Leipzig: Passanten gehen durch die Petersstraße in der Leipziger Innenstadt.
    Bei der Stadtplanung werden die Bedürfnisse von Frauen oft nicht mitgedacht.
    Quelle: dpa

    77 Prozent der Bevölkerung in Deutschland lebt in Städten (Stand 2020), die Hälfte davon sind Frauen. Trotzdem gebe es eine Tendenz, "die Bedürfnisse, Routinen, Körper und Erfahrungen von Männern als Standard oder universelle Norm zu sehen", sagt Leslie Kern, Expertin für Stadtplanung.
    Das führe in der Folge dazu, dass Frauen in der Planung des öffentlichen Lebens bestenfalls nachträglich berücksichtigt wurden. Warum das so ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher.

    Öffentlicher Raum vorwiegend für Männer gebaut

    "Viele der alten Trennungen im öffentlichen Raum bestehen oft fort, basierend auf traditionellen Vorstellungen von Männern in der Öffentlichkeit und Frauen in der Privatsphäre", stellt Urbact, ein euopäisches Projekt zur Förderung von nachhaltiger Stadtplanung, in einer Studie fest. Der öffentliche Raum, die Stadt, galt den Männern, das Private den Frauen. Danach seien Stadtplanungen weiter größtenteils ausgerichtet.
    Statistisch gesehen übernehmen immer noch Frauen einen Großteil der unbezahlten Arbeit wie Kindererziehung oder Haushalt. Laut dem zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2019 verwenden Frauen täglich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Umgerechnet sind das 87 Minuten Unterschied.
    Gut gestaltete städtische Räume könnten auch dazu beitragen, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu verändern, so Urbact. Verschiedene Studien kamen bspw. zu dem Schluss, dass Männer sich tendenziell leichter in familiäre Betreuungspflichten einbringen, wenn diese Aufgaben in einem öffentlichen und kollektiven Umfeld "sozialisiert" werden.
    Leslie Kern
    Leslie Kern forscht an der Mount Allison-Universität zu gendergerechter Stadtplanung.
    Quelle: Mitchel Raphael

    Beispiel Toiletten - Fall für "Geschlechterblindheit"

    "Die jüngste Modernisierung der öffentlichen Toiletteninfrastruktur in Berlin ist ein Paradebeispiel für Geschlechterblindheit", sagt Dellenbaugh-Losse. Die neuen Stadttoiletten kosteten 50 Cent für die Toilettenbenutzung, hätten aber kostenlose Urinale auf der Rückseite.
    Ein Bild, das vermutlich jede*r kennt: Vor Frauentoiletten entstehen längere Schlangen. Warum? Das liege unter anderem daran, dass es mehr Toiletten für Männer gibt, da Pissoirs weniger Platz als Kabinen benötigen. So gibt es laut einer Studie der Uni Gent in Belgien auf der gleichen Fläche zehn Klos für Frauen und zwölf für Männer.

    Geschäftsmodelle sollten nicht auf geschlechterblinden Konzepten aufbauen, die diskriminierend sind, auch wenn es unbeabsichtigt ist.

    Mary Dellenbaugh-Losse

    [ Wie Städte gestaltet werden können, dass Frauen sich sicherer fühlen, lesen Sie hier: ]

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    Städte weltweit experimentierten mit kleineren Innovationen, sagt Leslie Kern, "Toiletten für obdachlose Frauen, Ampelfrauen statt Ampelmännchen oder mobile Teams gegen häusliche Gewalt". Ein Best-Practice-Beispiel ist Umeå in Nordschweden. Die Stadt versucht sich am "Gender Mainstreaming" - Frauen und Männer von Beginn an gleichberechtigt mitzudenken.
    Beispielsweise ist dort Stadtplaner*innen aufgefallen, dass Spielplätze abends nur von jugendlichen Jungs benutzt wurden. Also erfanden sie "freie Zonen" - kleine überdachte Plätze mit großen Hängesesseln und Bluetooth-Lautsprechern in der Decke, die immer beleuchtet sind. Die Folge: Mittlerweile halten sich dort Jungs und Mädchen gerne auf.
    Ein anderes Beispiel: Die Stadt führte bestimmte Tage ein, an denen nur Mädchen auf den Fußballfeldern trainieren dürfen. Die Folge: Es beschwerten sich einige Bürger*innen über die "unfaire Bevorzugung", weil Mädchen schließlich weniger Interesse an Fußball hätten als Jungen, erzählt Dellenbaugh-Losse. Doch plötzlich wurde Freizeitfußball bei Mädchen beliebt.

    Heute trainieren dort fast genauso viele weibliche wie männliche Fußballspieler*innen.

    Mary Dellenbaugh-Losse

    Mary Dellenbaugh-Losse
    Mary Dellenbaugh-Losse berät Städte zu sozialer Inklusion und Gender-Partizipation.
    Quelle: Robert Funke

    Wie könnte das öffentliche Leben gendergerechter werden?

    Um Stadtplanung im öffentlichen Leben gendergerechter zu gestalten, sollten sich Entscheidungsträger*innen beim Bau von Plätzen, Tunneln, Spielplätzen etc. fragen, für wen sie gestalten. Vorher sollten Daten getrennt nach Geschlechtern gesammelt werden, so die Expertinnen Dellenbaugh-Losse und Kern. Für die Planung müssten "mehr Frauen und Menschen aus anderen "Randgruppen" in Planung, Design und Architektur vertreten sein", sagt Kern.
    Laut Urbact ist die Lösung der "multifunktionale Stadtraum", also Stadtviertel mit:
    • kurzen Anfahrtswegen und unmittelbarer Nähe zu Arbeit, Kinderbetreuung und Schulen
    • umfassendem Angebot an Geschäften und Dienstleistungen
    • sicheren Fußgängerumgebungen
    • attraktiven öffentlichen Räumen
    • leicht zugänglichen öffentlichen Verkehrsmitteln
    Ganz konkret bräuchten Frauen darüber hinaus Zugang zu kostenloser, sauberer und sicherer öffentlicher Toiletteninfrastruktur, stellt Dellenbaugh-Losse fest. Dem schließt sich auch Geografin Kern an und wünscht sich zudem öffentliche Toiletten mit Pflegeeinrichtungen wie Wickeltischen und Platz zum Stillen von Babys.
    [ Wie Städte ihre Verkehrsplanung gendergerechter gestalten können, lesen Sie hier: ]

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