Al-Kaida feiert den TikTok-Trend zu Bin Laden

    "Brief an Amerika":Al-Kaida feiert den TikTok-Trend zu Bin Laden

    Jan Schneider
    von Jan Schneider
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    In Sozialen Medien rufen unzählige Nutzer dazu auf, einen Text des früheren Al-Kaida-Führers Osama Bin Laden zu lesen. In Foren der Terrororganisation wird das gefeiert.

    Osama Bin Laden (Bild von 2000)
    Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden. (Archivbild, 2000)
    Quelle: dpa

    Der Großangriff der Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober und die Reaktion Israels mit Angriffen auf den Gazastreifen haben weltweit zu Zusammenstößen zwischen Unterstützern Israels und der Palästinenser geführt. Die Stimmung bei Demonstrationen und teilweise auch in Alltagssituationen ist aufgeheizt.
    In dieser Situation feiert ein mehr als 20 Jahre altes Schriftstück ein überraschendes Comeback: Der "Brief an Amerika" des Al-Kaida-Anführers Osama Bin Laden verbreitet sich auf Plattformen wie TikTok und X millionenfach. Beim britischen "Guardian", der eine ungekürzte Fassung des Briefs auf seiner Seite veröffentlicht hatte, wurde der Text für eine Weile zum aktuell meistgelesenen Artikel - woraufhin das Medium den Brief aus dem Angebot entfernte, mit dem Hinweis:
    "Das auf unserer Webseite veröffentlichte Transkript wurde ohne den vollständigen Kontext häufig auf sozialen Medien geteilt. Deswegen haben wir uns entschlossen, ihn herunterzunehmen und Leser stattdessen zu dem Bericht weiterzuleiten, in dem er in Kontext gesetzt wurde", hieß es auf der "Guardian"-Webseite am Mittwoch. Für einige Stunden war das Dokument ohne diesen Hinweis nicht abrufbar gewesen.
    Nach dem Anschlag vom 11. September 2001 kann sich Drahtzieher Osama bin Laden jahrelang an einem geheimen Ort verstecken. Wie kamen ihm seine Verfolger doch noch auf die Spur?21.05.2023 | 14:15 min

    Was steht in Bin Ladens "Brief an Amerika"?

    Bin Ladens Text ist eine mehr als 20.000 Zeichen lange Abrechnung mit Amerika und dem Westen. Außerdem - und das ist vermutlich der Bezug zur aktuellen Situation - verurteilt er darin den Umgang Israels sowie Großbritanniens und der USA mit dem Volk der Palästinenser.
    Bin Laden erläuterte, dass die Unterdrückung der Palästinenser "gerächt" werden müsse, und rechtfertigt anschließend die Tötung von Zivilisten durch seine Kämpfer - etwa bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York.

    Das amerikanische Volk ist es, das die Steuern zahlt, mit denen die Flugzeuge finanziert werden, die uns in Afghanistan bombardieren. (...) Deshalb kann das amerikanische Volk nicht unschuldig an allen Verbrechen sein, die Amerikaner und Juden gegen uns begangen haben.

    Osama Bin Laden

    In Al-Kaida-Foren wurde die Verbreitung des Textes gefeiert, berichtet die auf Online-Extremismus spezialisierte SITE Intelligence Group. Ein Nutzer habe am Donnerstag vorgeschlagen, dass militante Islamisten den "anhaltenden Sturm in den sozialen Medien" nutzen und immer mehr Inhalte veröffentlichen sollten.

    Wie ist der Trend gestartet?

    Den ersten Aufruf zur Lektüre des Briefes scheint die TikTokerin Lynnette Adkins veröffentlicht zu haben: "Ich möchte, dass jeder mit dem, was er gerade tut, aufhört und den "Brief an Amerika" liest. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade eine existenzielle Krise durchlebe", teilte sie ihren knapp zwölf Millionen Followern mit.
    Wenig später folgten viele weitere Nutzer, die ähnliche Aufrufe äußerten und ebenfalls Millionen Nutzer damit erreichten. Die Reaktionen waren etwa "Mir wurden die Augen geöffnet" oder "Wir wurden unser ganzes Leben lang belogen".
    Die Lösch-Aktion des Guardian hat den Trend sogar eher noch angefacht. Abrufbar ist der Brief trotzdem weiter an vielen Stellen im Netz.

    TikTok sieht Medien als Verstärker des Trends

    Die chinesische Videoplattform TikTok hat sich im aktuellen Gaza-Krieg zum Brutkasten für allerlei Verschwörungserzählungen und Falschnachrichten entwickelt, versucht nach eigener Aussage aber, gegen das Pamphlet des Terroristen-Anführers anzukämpfen: Die Videos würden "proaktiv und aggressiv" entfernt, teilte TikTok am Donnerstag mit.
    Man habe auch den Hashtag "#lettertoamerica" in der Suchfunktion der Plattform gesperrt. Es habe anfangs nur "eine geringe Anzahl" der Videos gegeben. Laut einer Analyse wurden die seit Anfang der Woche veröffentlichten Videos zunächst rund zwei Millionen Mal angesehen, was nicht sehr viel für eine Plattform mit rund 150 Millionen Nutzern allein in den USA ist. Dann habe ein Zusammenschnitt der Aufrufe bei X neue Aufmerksamkeit darauf gelenkt.
    Alex Haurek, ein Sprecher von TikTok, sagte, dass die meisten Aufrufe erfolgten, nachdem Nachrichtenorganisationen über die Videos geschrieben hatten, und dass der Brief auch "auf mehreren Plattformen und in den Medien erschienen" sei. Bis Donnerstagnachmittag seien Videos mit dem entsprechenden Hashtag mehr als 15 Millionen Mal angesehen worden.

    Das Weiße Haus verurteilt das Teilen des Textes

    Am Donnerstag hatte sich auch das Weiße Haus zu dem Vorgang geäußert: Niemand solle die "2977 amerikanischen Familien, die immer noch um ihre Angehörigen trauern, beleidigen, indem er sich mit den abscheulichen Worten von Osama bin Laden in Verbindung bringt", sagte Andrew J. Bates, stellvertretender Pressesprecher des Weißen Hauses, in einer Erklärung.

    Es gibt niemals eine Rechtfertigung für die Verbreitung der abscheulichen, bösen und antisemitischen Lügen, die der Anführer von Al-Qaida kurz nach dem schlimmsten Terroranschlag in der amerikanischen Geschichte verbreitet hat.

    Andrew J. Bates, stellvertretender Pressesprecher des Weißen Hauses

    Die republikanische Präsidentschaftsanwärterin Nikki Haley nutzte den Anlass für neue Kritik an TikTok und schrieb, dass dies ein Beispiel dafür sei, "wie unsere ausländischen Feinde soziale Medien vergiften".

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