Gleichstellung, grüne Transformation: Island als Vorbild?
Interview
Islands Präsidentin Tómasdóttir :Was Deutschland von Island lernen kann
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Islands Präsidentin Halla Tómasdóttir ist überzeugt: Deutschland könnte von Islands Expertise profitieren - besonders bei den Themen grüne Transformation und Gleichstellung.
Islands Präsidentin Halla Tómasdóttir spricht im ZDF-Interview über Gleichberechtigung, grüne Transformation und Migration. Ein Ausschnitt des auf Englisch geführten Interviews.22.10.2024 | 4:51 min
Island ist für viele Deutsche politisch und kulturell eher ein großes Fragezeichen - und das, obwohl das Land mit seiner atemberaubenden Natur ein beliebtes Reiseziel ist.
Im Interview mit ZDFheute spricht Islands Präsidentin Halla Tómasdóttir über die Vorbildfunktion, die ihr Land in den Bereichen grüne Transformation und Gleichstellung zwischen den Geschlechtern übernehmen könnte. Außerdem erklärt sie, warum Migration auch in Island ein politisches Streitthema ist.
Auszüge aus dem auf Englisch geführten Interview sehen Sie auch im Video oben.
ZDFheute: Island liegt bei der Nutzung Erneuerbarer Energien ganz weit vorne, rund 85 Prozent des Energiebedarfs werden durch Erneuerbare gedeckt. Besonders Geothermie spielt in Ihrem Land eine große Rolle. Was kann Deutschland von Island für eine Transformation Richtung grüner Energie lernen?
Halla Tómasdóttir: Geothermie könnte 40 Prozent des deutschen Heizbedarfs decken, wenn sie genutzt würde. Derzeit liegt der Anteil zwischen ein und zwei Prozent, das Potenzial ist also erheblich. Island hätte den Deutschen Expertise in diesem Bereich zu bieten.
Island: eine Insel knapp unterhalb des Polarkreises. Gewaltige Naturkräfte, imposante Wasserfälle, Feuer speiende Vulkane und schier endlose Gletscher – das Land aus Feuer und Eis.
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Die geothermische Revolution fand in Island vor 50 Jahren statt. Wir waren dem Rest der Welt also weit voraus und nutzten sowohl unsere reichhaltigen natürlichen Ressourcen als auch unsere Arbeitsmoral und unseren Tatendrang.
Geothermie war eine der Säulen, die das Wachstum Islands seither getragen haben. Im Zuge des grünen Wandels, mit dem alle Länder der Welt ringen, haben wir uns auch mit Wind- und Solarenergie beschäftigt, die heute wirtschaftlicher sind als fossile Brennstoffe.
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Ich denke also, dass Island ein Leuchtturm sein kann, wie Geothermie funktioniert und unsere Wirtschaft bereichert hat. Und wir verfügen auch über ein gewisses Know-how, nachdem wir fünf Jahrzehnte daran gearbeitet haben.
ZDFheute: In Ihren Augen hängt grüne Energie auch mit Sicherheit zusammen. Inwiefern?
Tómasdóttir: Vielleicht sieht das nicht jeder so, aber ich glaube wirklich, dass die grüne Transformation im Moment unsere wichtigste Sicherheitsfrage ist. Denn wenn man darüber nachdenkt, können alte Machtspielchen und Kriegsmuster nur durch schmutzige Brennstoffe und schmutzige Mittel bestehen.
Wenn wir uns im Energiebereich unabhängig machen und mehr Frauen in Führungspositionen bringen würden, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir in einer friedlicheren und sichereren Welt leben würden.
Tómasdóttir: Ja, wir sind seit fast 15 Jahren auf Platz eins beim Thema Gleichstellung. An dieser Stelle teile ich immer gerne eine persönliche Geschichte: 1975, da war ich gerade sieben Jahre alt, beschlossen Frauen in Island, sich einen Tag "freizunehmen", also praktisch zu streiken.
An diesem Tag funktionierte in Island nichts.
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Und fünf Jahre später waren wir das erste Land, in dem eine Frau demokratisch als Präsidentin gewählt wurde. Ich glaube nicht, dass das passiert wäre, wenn wir nicht so sichtbar gezeigt hätten, dass Führung anders aussehen kann - weiblich, freudig, mutig.
Am Frauentag geht es um mehr als kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten - es geht um Gleichberechtigung, Sichtbarkeit, Anerkennung. Dafür wird am internationalen Frauentag demonstriert.
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ZDFheute: Was genau macht Island beim Thema Gleichstellung so gut?
Tómasdóttir: Wir haben wichtige politische Maßnahmen umgesetzt, zum Beispiel zur Elternzeit, die Väter und Mütter gleichermaßen nehmen. Wir bauten Infrastruktur auf, um sowohl Frauen als auch Männern Vollzeitarbeit zu ermöglichen. Später führten wir Geschlechterquoten in den Vorstandsetagen ein. Neben politischen Veränderungen gab es aber auch wichtige kulturelle Anstöße, um zu zeigen, warum es von Bedeutung ist, in einer gleichberechtigten Gesellschaft zu leben.
Manche glauben, es geht nur um Rechte und Gerechtigkeit. Darum geht es auch, aber Gleichstellung ist vor allem ein wirtschaftlicher Motor. Die Länder, die das volle Arbeitnehmerpotenzial ausschöpfen, haben ein höheres BIP-Wachstum, eine innovativere Kultur, ein höheres Umsatzwachstum in Unternehmen, die tatsächlich eine geschlechtsspezifisch ausgewogene Führung haben. Sie sind eher in der Lage, das Klima und die grüne Transformation auf ihre Agenda zu setzen.
Und generell verfolgen sie eher eine Definition von wirtschaftlichem Erfolg, die das Wohlergehen der Menschen, des Planeten und der Gemeinschaft einschließt. Jetzt ist die Zeit, in der genau das gebraucht wird.
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Rezession ist schlecht, Wirtschaftswachstum gut. Sonst ist unser Lebensstandard in Gefahr, heißt es. Doch der Planet ist am Limit. Wie lassen sich Lebensstandard und Klima gleichzeitig retten?14.11.2024 | 42:33 min
ZDFheute: Innenpolitisch ist Island im Moment eher in Aufruhr, besonders beim Thema Migration. Ende November stehen Neuwahlen an, weil die konservativ-grüne Koalition nach sieben Jahren zerplatzt ist. Schuld daran war unter anderem der Streit zu Migrationsfragen...
Tómasdóttir: Allgemein stehen die Menschen in Island momentan vor denselben Dilemmas wie andere Länder. Das Thema Migration stellt heutzutage das politische Gefüge in den meisten Ländern auf die Probe. Island hätte den Tourismusboom, der inzwischen 40 Prozent unseres BIP ausmacht, ohne Zuwanderung in den vergangenen zehn Jahren nicht stemmen können. 70.000 Menschen mit Migrationshintergrund halten hier die Wirtschaft am Laufen. Aber wir sind auch stärker als jedes andere OECD-Land gewachsen, in kurzer Zeit. Das stellt unsere Infrastruktur auf die Probe. Und natürlich haben die Menschen Fragen dazu, wie wir Ressourcen zuweisen.
Das Thema ist also wichtig und kompliziert. Und es polarisiert, in Island wie anderswo. Ich jedenfalls versuche, die Menschen dazu zu bringen, sich nicht von Desinformation ablenken zu lassen. Mehr partizipatorische Zusammenarbeit zwischen Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, zwischen den Generationen und den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft sind daher meiner Meinung nach unerlässlich, um aus dieser misslichen Lage, in der wir uns befinden, herauszukommen. Wir könnten in der Zukunft alles erreichen, wenn wir nur einen besseren Weg finden würden, in Zeiten wie diesen zusammenzustehen.
Ein Interview von Karl Hinterleitner und Annika Heffter.
Quelle: dpa
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