Aufarbeitung der Nazi-Zeit:KZ-Gedenkstätten: Schulbesuche als Pflicht?
von Sophie Burkhart
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In manchen Bundesländern müssen Schulklassen eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Was sagen Jugendliche zu dieser Pflicht? ZDFheute hat mit einer Klasse aus Bayern gesprochen.
Sollten Besuche von KZ-Gedenkstätten wie in Buchenwald für Schulklassen verpflichtend sein? Was Schüler darüber denken.
Quelle: Mario Gentzel/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild
Die 9. Klasse der Paul-Hey-Mittelschule in Gauting hat sich im Stuhlkreis versammelt. Eben noch alberten die Schüler*innen herum, nun sitzen sie ruhig beisammen und betrachten Bilder aus der Gedenkstätte des Konzentrationslagers (KZ) Dachau.
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Vor wenigen Wochen hatte die Schulklasse die Gedenkstätte besucht; in der Schulstunde wollen sie jetzt das Gesehene und Gehörte besprechen. Auf den Fotos zu sehen: das Eingangstor, die Baracken, das Krematorium.
Anlässlich des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar gedenkt das Internationale Auschwitz Komitee der Ermordeten und Überlebenden des Vernichtungslagers der Nationalsozialisten.
Das ZDF überträgt die Gedenkstunde aus Berlin am 23. Januar ab 11 Uhr live.
Lehrerin Eva-Maria Mahr fragt: "Was war für euch ein Moment, in dem ihr gedacht habt: 'Hier ist wirklich etwas Schlimmes passiert'?" Ein Schüler antwortet: "Als ich durch das Tor gegangen bin. Ich dachte dann: Oh Gott, wie viele Leute da gestorben sind." Ein Klassenkamerad ergänzt: "Genau an der Stelle, wo wir jetzt stehen. Brutal ermordet und gefoltert."
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Keine bundesweite Besuchspflicht für Schulklassen
Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte ist in Bayern für die 9. Jahrgangsstufe an Gymnasien und Realschulen verpflichtend - für Mittelschulen wird er ausdrücklich empfohlen. So sollen die im Schulunterricht behandelten Inhalte "über konkrete Anschauung und die dort erfahrbare Authentizität" vertieft werden, sagte ein Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums.
Auch im Saarland gilt diese Pflicht seit Dezember 2024. Die Frage einer Besuchspflicht entscheidet jedes Bundesland selbst, denn Bildung ist Ländersache. Alle 16 Länder empfehlen zumindest den Besuch einer KZ-Gedenkstätte, heißt es vonseiten der Kultusministerkonferenz.
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NS-Zeit: "Alle sollen sehen, wie es damals war"
Bei den 27 Schüler*innen der 9. Klasse in Gauting herrscht Einigkeit. Sie finden: Jeder Schüler und jede Schülerin sollte während der Schulzeit eine KZ-Gedenkstätte besuchen.
Ich finde es wichtig, dass jede Schule eine KZ-Gedenkstätte besucht, weil so etwas vergisst man einfach nicht. Das bleibt in Erinnerung.
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9. Klässler an der Paul-Hey-Mittelschule
Nicht für alle Schüler*innen waren die NS-Zeit und die Verbrechen der Deutschen vor dem Gedenkstättenbesuch von Interesse. Ein Schüler erzählt:
Eigentlich hat es mich am Anfang gar nicht gejuckt.
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9. Klässler an der Paul-Hey-Mittelschule
Das habe sich mittlerweile geändert, auch wegen des Gedenkstättenbesuchs. Er findet eine Besuchspflicht richtig, denn "alle sollen sehen, wie es damals war."
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Dachau: Gedenkstätte setzt auf Freiwilligkeit
Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, sieht die Besuchspflicht eher kritisch. Sie freue sich, wenn Schüler*innen die Gedenkstätte Dachau besuchten, aber:
Um einen Lerneffekt zu erreichen, sollten Besuche an KZ-Gedenkstätten auf so freiwilliger Basis wie möglich erfolgen.
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Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau
Dies laufe dem Gedanken von Pflichtbesuchen zuwider. Die Besuche müssten zwingend vor- und nachbereitet werden. Eine Sorge sei, dass der Erinnerungskultur zu wenig Raum eingeräumt werde, wenn dem verpflichtenden Besuch zu viel Bedeutung beigemessen werde, sagt Hammermann.
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Richtige Vor- und Nachbereitung von Schulklassen
Lehrerin Eva-Maria Mahr spricht sich für eine Besuchspflicht aus, stimmt Gabriele Hammermann aber zu: Es brauche die richtige Vor- und Nachbereitung sowie Sensibilisierung der Schüler*innen.
Für Jüngere könne ein Gedenkstättenbesuch möglicherweise emotional überfordernd sein, überlegen die Schüler*innen in Gauting. Ab der 9. Klasse sei er aber zumutbar, finden sie. Ein Vorteil bei einem Besuch mit der Schule: Lehrkräfte könnten womöglich die Fragen der Schüler*innen besser beantworten als Eltern.
Verharmlosung des Nationalsozialismus ist "respektlos"
Lehrerin Eva-Maria Mahr sei von der Ernsthaftigkeit ihrer Klasse beeindruckt. Sie unterrichte in der Klasse auch Kriegsflüchtlinge. "Für viele ist es viel nachvollziehbarer, als wir denken. Was erschreckend ist, weil bestimmte Dinge nach wie vor da sind", sagt sie.
Sophie Burkhart arbeitet im ZDF-Landesstudio in Bayern.
Quelle: dpa
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