Forderung nach neuem Register :Empörung über Äußerung von Linnemann
von Henriette de Maizière
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Der Wahlkampf hat begonnen. Sind markige Forderungen wie die von Carsten Linnemann nach einem "Register für psychisch kranke Gewalttäter" deshalb salonfähig?
Eine Interview-Äußerung Carsten Linnemanns sorgt für viel Empörung.
Quelle: ddp
Korrigierte Fassung: In der ursprünglichen Fassung hatte die Autorin geschrieben, Linnemann hätte zuerst nur von einem "Register für psychisch Kranke" gesprochen. Richtig ist, er spricht zuerst von "psychisch kranken Gewalttätern". Die Überschrift wurde zudem nachträglich aus redaktionellen Gründen geändert.
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk spricht sich Carsten Linnemann für schnelle Aufarbeitung der Vorgänge in Magdeburg aus. Im Neujahrs-Taumel geht dabei beinahe eine pikante Äußerung vom CDU-Generalsekretär unter.
In dem Interview vom 30. Dezember 2024 sagt er, seine Lehre aus dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt sei:
Wir haben große Raster angelegt für Rechtsextremisten, für Islamisten, aber offenkundig nicht für psychisch kranke Gewalttäter.
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Carsten Linnemann
Linnemanns Fomulierung sorgt für Aufregung bei Verbänden und Betroffenen
Wenn Linnemann im weiteren Verlauf des Interviews sagt, es reiche nicht aus, "Register anzulegen für Rechtsextremisten und Islamisten, sondern in Zukunft sollte das auch für psychisch Kranke gelten", klingt es, als wolle er alle psychisch Kranken vorsichtshalber registrieren lassen. Damit hat er für große Aufregung bei Verbänden und einzelnen Betroffenen gesorgt.
Millionen Menschen sind von psychischen Erkrankungen betroffen. Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen sind keine Randphänomene. Sie sind alltägliche Realität.
Ein psychisch kranker Mensch hat eine medizinische Diagnose. Ein Gewalttäter ist ein Mensch, der eine Straftat begangen hat. Manchmal - und dann immer tragisch - kommt wie bei dem Täter in Magdeburg beides zusammen.
Psychiater: Forderung absolut abwegig und empörend
Der Psychiater Mazda Adli sagt gegenüber ZDFheute, der Vorschlag Linnemanns sei aus medizinischer Sicht absolut abwegig und aus ethischer Sicht empörend.
"Seit Jahrzehnten versuchen wir als Gesellschaft psychische Erkrankungen (die nebenbei bemerkt ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal im Leben betreffen) zu entstigmatisieren und setzen uns für einen tabufreien und offenen Umgang damit ein."
Unser größtes Problem ist, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen aus lauter Scham nicht öffnen und sich oft viel zu spät Hilfe organisieren. So ein Vorschlag wirkt daher völlig aus der Zeit gefallen.
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Prof. Dr. med. Mazda Adli, Psychiater und Chefarzt Fliedner Klinik Berlin
Und er sei auch sachlich falsch. Richtig sei: Menschen mit psychischen Erkrankungen sind nicht generell gefährlicher als psychisch gesunde Menschen. Es gebe einzelne Diagnosen, die mitunter in Zusammenhang mit Alkohol oder Drogen gewaltbereiter machen. Aber zu Terrorismus existiere kein kausaler Zusammenhang, so Adli.
Im Leben gibt es Krisen. Laut Studien hat jeder vierte Deutsche ein potenziell traumatisches Ereignis erlebt, die heftigste Form der Krise.01.10.2023 | 27:08 min
Gruppen warnen vor Vorverurteilungen
Die Depressionsliga veröffentlichte auf Instagram ein Statement, in dem sie kritisiert, Linnemann schere mit seiner Forderung alle psychisch Kranken (die im Übrigen nicht freiwillig krank geworden seien) über einen Kamm und vorverurteile sie. Das sei grober Unfug.
Psychisch krank zu sein bedeutet nicht, per se anderen Menschen schaden zu wollen oder straffällig zu werden.
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Depressionsliga auf Instagram
Statement der Depressionsliga auf Instagram
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Spinne man diese Denkweise weiter, müssten dann "beispielsweise alle Männer in einer Liste aufgeführt werden, weil sie potenzielle Gefährder ihrer Ehefrauen oder Partnerinnen sind?"
Bei welchen Hinweisen sollte man aufmerksam werden?02.10.2023 | 4:59 min
Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie sind in Deutschland jedes Jahr 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Nur 18,9 Prozent nehmen Kontakt zu Behandlern auf, ob aus Angst vor Stigmatisierung oder Mangel an Therapieangeboten, ist nicht bekannt.
Häufigste Erkrankungen:
Angststörungen (15,4 Prozent)
Depression (8,2 Prozent)
Störungen durch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch (5,7 Prozent)
Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland (nach Herz-Kreislauf-, Krebs- und Erkrankungen des Bewegungsapparates) zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie
Und die Gruppe Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz empört sich in einem offenen Brief an Linnemann:
Die (...) gewählte Rhetorik, insbesondere die Bezeichnung 'für diese Typen haben wir keine Raster', zeugt von einer stigmatisierenden und pauschalisierenden Haltung gegenüber Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.
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Gruppe Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz
Stress und Unsicherheiten prägen den Alltag vieler Menschen und beeinträchtigen ihr seelisches Gleichgewicht. Wie man es schafft, mental gesund zu bleiben.19.07.2023 | 5:20 min
Der Vorschlag Linnemanns brandmarkt eine ohnehin vulnerable Gruppe und nimmt eine weitere Stigmatisierung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung billigend in Kauf.
Wo bleiben Respekt und Anstand, die der Bundespräsident forderte?
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte in dem Statement am 27. Dezember zu seiner Entscheidung über die Auflösung des Deutschen Bundestages die Parteien zu einem fairen Wahlkampf gemahnt.
Natürlich kann die Debatte über die besten Lösungen auch mit Zuspitzungen und Schärfe geführt werden, gerade im Wahlkampf. Das verträgt unsere freiheitliche Demokratie, oder mehr noch: Sie braucht den Wettstreit der Ideen. Aber ich erwarte, dass dieser Wettstreit mit Respekt und mit Anstand geführt wird.
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Statement von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Respekt. Und Anstand. Das ist mit diesem Interview Carsten Linnemanns als Auftakt schon mal nicht gelungen.
Aktualisierte Fassung vom 07.01.2025
Quelle: dpa
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