Nord-Stream: Ermittler vermuten "Andromeda"-Crew in Ukraine

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    Nord-Stream-Anschläge:Fahnder vermuten "Andromeda"-Crew in Ukraine

    von Julia Klaus, Nils Metzger, Christian Rohde
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    Deutsche Ermittler zweifeln kaum noch, dass mithilfe der Segeljacht "Andromeda" Nord Stream gesprengt wurde. Vor und nach der Sabotage soll die Crew in der Ukraine gewesen sein.

    Bug des Segelschiffs Andromeda in der Ostsee mit Wellengang
    Wer steckt hinter den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines? Für deutsche Ermittler verdichten sich die Spuren in Richtung Ukraine - eine Spurensuche auf der Ostsee.25.08.2023 | 36:08 min
    Die Hinweise verdichten sich: Hinter den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines könnten Täter mit Verbindungen in die Ukraine stecken. Offiziell ermittelt die Bundesanwaltschaft weiter gegen Unbekannt. Doch nach Informationen von ZDF frontal und "Spiegel" halten mit Ermittlungen Vertraute vor allem die Spuren in die Ukraine für überzeugend. Zu Tatverdächtigen aus Russland gebe es keine belastbaren Belege.
    Die bisher vorliegenden Erkenntnisse der Ermittler wiesen klar in Richtung Ukraine, hieß es. Im Fokus der Fahnder steht weiter ein sechsköpfiges Kommando an Bord der Segeljacht "Andromeda". Vor und nach den Explosionen in der Ostsee soll sich die Gruppe in der Ukraine aufgehalten haben. Darauf deuteten technische Daten hin, die die Fahnder auswerten konnten. Das erfuhren "Spiegel" und ZDF aus Sicherheitskreisen.
    Möglicherweise könnten auch Videoaufnahmen der mutmaßlichen Täter aus dem polnischen Hafen Kolberg - wo die "Andromeda" Halt machte - existieren.
    Sehen Sie oben die ZDF-frontal-Dokumentation in voller Länge.

    Deutschlands Unterstützung für Kiew sei alternativlos

    Auch das Kanzleramt beobachtet den Fall intensiv. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) habe mehrfach mit Beratern besprochen, wie die Bundesregierung mit möglichen ukrainischen Tätern politisch umgehen könne.  
    Ein Wendepunkt seien dabei Veröffentlichungen der "New York Times", der "Zeit" und des RBB Anfang März gewesen. Im selben Monat habe Jens Plötner - der außenpolitische Berater von Scholz - mit dem Selenskyj-Vertrauten Andrij Yermak telefoniert und dabei auch über Nord Stream gesprochen, heißt es. Yermak habe betont, dass die ukrainische Regierung nicht hinter dem Anschlag stecke. Nach dem Telefonat sah Bundeskanzler Scholz - trotz der brisanten Hinweise - Deutschlands Unterstützung für Kiew weiter als alternativlos an.

    USA warnten Ukraine vor Anschlag auf Pipeline

    Ebenfalls in die Ukraine weist eine brisante Geheimdienst-Meldung. Monate vor den Anschlägen ging beim niederländischen Militär-Nachrichtendienst eine Warnung ein: Sechs Personen wollten von einem kleinen Boot aus zu den Nord-Stream-Röhren tauchen und sie sprengen - es seien Ukrainer, so die Information. Auch beim Zeitraum legte sich die Quelle fest: Mitte Juni 2022, während einer Nato-Übung auf der Ostsee. 
    Die brisante Meldung leiteten die Niederländer auch an den US-Geheimdienst CIA weiter, der im Juni 2022 den deutschen Nachrichtendienst BND informierte. Darüber hatte die "Washington Post" als erstes berichtet. 
    Weil das vom Informanten genannte Zeitfenster verstrich, ohne dass es zu einem Anschlag kam, habe Deutschland 2022 keine weiteren Schutzmaßnahmen für die Pipeline getroffen, erfuhren ZDF und "Spiegel". Auch hatten sich die USA bereits informell an Kiew gewandt und von möglichen Anschlagsplänen dringend abgeraten, wie "Zeit" und ARD berichteten.

    Niederländer geben entscheidenden Hinweis auf Segelboot

    Die "Washington Post" meldete auch, dass die damaligen Sabotagepläne ohne Mitwisserschaft des ukrainischen Präsidenten, aber unter dem Kommando des ukrainischen Oberbefehlshabers General Walerii Saluschny stattgefunden hätten. Kiew weist das zurück. Auf eine ZDF-Anfrage zu den neuen Vorwürfen reagierte die ukrainische Botschaft nicht.
    Am 26. September 2022 explodierten dann doch die Pipelines, so wie es die Quelle der Niederländer schon im Juni 2022 vorhergesagt hatte. Kurz nach den Anschlägen gaben die Niederländer den Deutschen einen weiteren Hinweis. Gesucht wurde anschließend ein Segelboot - erst so kamen die Behörden auf die Charter-Jacht "Andromeda".
    Segelyacht Andromeda auf dem Trockendock
    Die Sabotage an den Gas-Pipelines von Nord Stream in der Ostsee birgt immer wieder neuen politischen Sprengstoff. Jetzt schlägt eine verdächtige Segelyacht hohe Wellen.14.03.2023 | 11:18 min

    Woher stammt der Sprengstoff HMX?

    Im Januar ließ das Bundeskriminalamt dann das 15 Meter lange Boot durchsuchen. Dabei fanden Ermittler Sprengstoffspuren auf dem Tisch unter Deck. Reste desselben Sprengstoffs sicherten sie auch bei den Röhren am Meeresgrund. Es handelt sich um HMX, auch Oktogen genannt.  
    Marine-Experte Göran Swistek schätzt, dass davon 40 Kilogramm pro Explosionsstelle nötig gewesen seien. Doch woher kam das HMX? Gegenüber ZDF frontal sagte Swistek:

    In dieser Menge Sprengstoff gehe ich davon aus, dass das nicht unentdeckt geblieben wäre. Daher tendiere ich eher zu der Variante, dass es wahrscheinlich aus staatlichen Quellen kam, aus Militärbeständen, die man dann für diese Operation zur Verfügung gestellt hat.

    Göran Swistek, SWP

    Ex-Kampfschwimmer: "Andromeda" als Tauchbasis denkbar 

    Von der "Andromeda" aus hätten Taucher den Sprengstoff am Meeresgrund anbringen können, das bestätigen vom Generalbundesanwalt beauftragte Sachverständige. Auch der Ex-Bundeswehr-Kampfschwimmer Jens Höner hält das für machbar. Gegenüber frontal erklärt er, dass er dafür eine sogenannte Shotline benutzen würde - das ist ein langes Seil mit einem Gewicht dran. Das Gewicht lande dann unten auf oder direkt neben der Pipeline.
    "Der Taucher hält sich an der Shotline fest, taucht dann unten ab, legt die Sprengladung neben der Pipeline ab, geht wieder zum Grundtau zurück und macht dann seine Dekompression und geht wieder an Bord", beschreibt Höner ein mögliches Vorgehen.
    Auch die Sprengstoff-Reste auf dem Tisch der Jacht sind für Höner plausibel. Wer den Sprengstoff unauffällig auf die Jacht bringen wolle, könne ihn auf mehrere Taschen verteilen und dann an Bord zu einer Ladung formen.
    Lesen Sie hier, wie wir den Mann fanden, dessen Daten die Nord-Stream-Attentäter offenbar gestohlen haben:

    Nord-Stream-Anschlag
    :Saboteure nutzten wohl gestohlene Identität

    Die Nord-Stream-Attentäter nutzten einen gefälschten Pass. ZDF frontal und "Spiegel" haben den Mann besucht, dessen Daten offenbar gestohlen wurden. Eine Spurensuche.
    von Liliana Botnariuc, Julia Klaus, Nils Metzger, Christian Rohde
    Der Verdächtige Waleri K. in Tarnkleidung und mit Waffe in der Hand, offenbar bei den ukrainischen Streitkräften.
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    Was wären die Folgen einer möglichen ukrainischen Täterschaft?

    Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verspricht in der Causa Nord Stream immer wieder Transparenz und Aufklärung. Noch Mitte August hatte er gesagt:

    Wir versuchen, diejenigen, die das gemacht haben, derer habhaft zu werden und sie auch in Deutschland vor Gericht zu stellen.

    Bundeskanzler Olaf Scholz im August 2023

    Bisher vermeiden Kanzler und Bundesregierung jede Festlegung auf ukrainische Täter und verweisen auf die unabhängigen Ermittler der Bundesanwaltschaft. Deren Vertreter hatte vor dem Bundestag in geheimer Sitzung im Juni gesagt, grundsätzlich sei von einem Segelboot wie der "Andromeda" ein solch großer Anschlag ausführbar.
    Wird es jemals Haftbefehle geben? Ein mit den Vorgängen vertrauter Beamter sagt: "Wir brauchen viel Geduld." Sollte es dazu kommen, müsste die Bundesregierung der Öffentlichkeit erklären, warum sie die Ukraine weiter unterstützt. Selten waren Ermittlungen und ihre Ergebnisse politisch so brisant.
    Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

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    Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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