Digitalisierung in Schulen: "Schere geht weit auseinander"

    Bildung in Deutschland:Digitale Schulen: Schere geht auseinander

    von Sven Class
    |

    Wie läuft die Digitalisierung an Deutschlands Schulen? Ginge es nach Schulnoten, gäbe es Fachleuten zufolge eine "lieb gemeinte 4+". Es gibt aber auch Lichtblicke.

    Auf der Bildungsmesse in Stuttgart, der didacta, geht es vor allem um das Thema Digitalisierung. Dabei sind die Unterschiede an deutschen Schulen enorm, während manche bei der Digitalisierung weit vorne sind, haben andere noch enormen Nachholbedarf.10.03.2023 | 1:53 min
    Die einen programmieren gerade eine Drohne, die exakt so fliegen und landen soll, wie gewünscht. Die anderen sind nebenan mit VR-Brillen in einer virtuellen Welt unterwegs. Silas und Luke sitzen zur gleichen Zeit an einem Rechner, mit dem sie einen Lasercutter steuern. Zwei Schülerinnen programmieren einen animierten Film an einem großen Touchscreen-Tisch.
    Diese Szenen an der Schlossbergschule in Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg zeigen: Es gibt sie also, die Leuchttürme in Sachen Digitalisierung bei den Schulen. Doch es gibt eben auch noch viel Schatten. 

    Lehrer: Digitale Elemente müssen in alle Fächer

    Makerspace nennen sie den eben beschriebenen Raum an der Schlossbergschule, ausgestattet mit allen möglichen technischen Geräten. Ein digitaler Experimentierraum, der wichtige Fertigkeiten für die zukünftige Berufswelt vermitteln soll. "Wir arbeiten hier mit wichtigen Elementen in der digitalen Bildung", erklärt Lehrer Simon Grohnberg.

    Es geht hier vor allem um das Kennenlernen von Grundlagen, aber für Interessierte auch um die Vertiefung dieser Technologien.

    Simon Grohnberg, Lehrer in Vaihingen an der Enz

    Eingerichtet haben sie den Raum zusammen mit Wissenschaftlern der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. "Mir ist wichtig, dass alle Fächer mit einbezogen werden, zum Beispiel auch Deutsch, Geschichte und Englisch, nicht nur die MINT-Fächer", erläutert Sebastian Wehner, der Schulen zu Makerspaces berät.
    Und auch ansonsten sind sie an der Schlossbergschule digital ziemlich weit vorne dabei: Tablets im Unterricht gehören an dieser Gemeinschaftsschule inzwischen genauso zum Standard wie Beamer und Whiteboards.

    Die Lebenswelt und Gesellschaft hat sich dramatisch verändert. Darauf müssen auch wir an den Schulen reagieren.

    Jürgen Joos, Schulleiter

    Anschaffen konnten sie Technik und passende Lernsoftwares durch Spenden. Dazu kamen Mittel aus dem Digitalpakt, den Bund und Länder 2019 geschlossen haben. 6,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung an Schulen hat der Bund damals zugesagt und die Mittel im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal um 1,5 Milliarden aufgestockt. Zusätzlich gab es noch Geld von den Ländern.

    Digitalisierung: Deutschland nur im Mittelfeld

    Also alles gut in Sachen Digitalisierung an deutschen Schulen? Mitnichten. Auf die Frage, welche Schulnote sie für das bisher Erreichte geben würde, sagt Christine Sälzer, Bildungsforscherin und Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Stuttgart: "Eine lieb gemeinte 4+."
    Man sehe schon, dass sich etwas in die richtige Richtung bewege, aber es bewege sich viel zu langsam. "Der Digitalpakt besteht ja schon seit 2019, jetzt haben wir 2023. Da stellt sich schon die Frage: Warum hat das so lange gedauert?"
    Ärger in der Hauptstadt: In Berlin wurden tausende gekaufte Tablets für Schulen nie benutzt. 06.03.2023 | 2:36 min
    Forscherin Sälzer bemängelt auch die riesigen Unterschiede zwischen den Schulen in Deutschland: "Es gibt Schulen, da läuft es sehr, sehr gut. Die gehen mit einer großen Selbstverständlichkeit mit digitalen Geräten um, die haben Lehrkräfte, die damit umgehen können. Und es gibt Schulen, die haben all das eben noch nicht. Die Schere geht weit auseinander."
    Das liegt auch daran, dass die Anträge für Fördermittel häufig sehr aufwändig und kompliziert sind - an vielen Schulen fehlen schlicht Zeit und Expertise, sich damit auseinanderzusetzen. Und so bleibt Deutschland alles in allem im internationalen Vergleich laut Sälzer unter dem Durchschnitt, während sich die Länder, die eh schon vorn dabei sind, mit großen Schritten weiterentwickeln.

    Aus- und Fortbildung von Lehrern notwendig

    Ihre Einschätzung deckt sich mit dem, was die Ständige Wissenschaftliche Kommission den Kultusministern im vergangenen September ins Aufgabenheft geschrieben hat: Die Experten sehen einen großen Handlungsbedarf unter anderem bei der Anpassung von Bildungsinhalten, in der Entwicklung passender Lernmaterialien und bei der Aus- und Fortbildung von Lehrern.
    Man sei "sehr froh" über dieses Gutachten, sagt die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Die Grünen) im ZDF-Interview.

    Wir sind zunehmend dran und haben bei uns hinterlegt, was da alles an Hausaufgaben zu tun ist.

    Theresa Schopper, Kultusministerin in Baden-Württemberg

    Schopper verweist auf Fortschritte in der Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern, bei der Ausstattung mit passenden Unterrichtsmaterialien und bei der Ausstattung mit technischen Geräten.

    Lehrkräfte warten Geräte in ihrer Freizeit

    Tatsächlich hat vor allem die Corona-Pandemie die Ausstattung vieler Schulen mit Tablets und anderen digitalen Tools deutlich vorangebracht. Und dennoch gibt es selbst an Schulen, die die Digitalisierung mit viel Einsatz vorangetrieben haben, noch Probleme im Alltag: Beispielsweise die Bandbreite des WLANs, das in die Knie geht, wenn zu viele Schüler gleichzeitig online sein müssen.
    Und dann ist da noch die Wartung der Geräte, die beispielsweise an der Schlossbergschule engagierte Lehrer in ihrer Freizeit übernehmen. Sie kommen in den Ferien in die Schule, um die 180 iPads der Schule upzudaten, anders geht es derzeit nicht. Schulleiter Jürgen Joos treibt unterdessen noch eine andere Frage um.

    Ich frage mich, was in fünf oder sechs Jahren ist, wenn die ersten digitalen Geräte kaputtgehen. Bekommen wir dann einen Digitalpakt 2.0?

    Jürgen Joos, Leiter einer Gemeinschaftsschule

    Tatsächlich steht ein solcher zweiter Digitalpakt im Koalitionsvertrag der Ampelregierung. Die Nachfrage von ZDFheute beim Bundesbildungsministerium, wann dieser tatsächlich kommt und wie er ausgestaltet werden soll, blieb unbeantwortet. Die Hoffnung vieler Schulen und Experten ist, dass es bald so weit ist, dass Antragsverfahren einfacher werden. Und, dass der Rückstand bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich zumindest aufgeholt werden kann.

    Mehr zu digitaler Bildung