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Polizeigewalt in den USA - Mehr als Rassismus

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George Floyd wurde Opfer brutaler Polizeigewalt, von der in den USA Schwarze besonders häufig betroffen sind. Daran ist nicht allein Rassismus Schuld, die Probleme liegen tiefer.

von Johanna Sagmeister und Michaela Waldow

Polizisten fürhen am 02.06.2020 einen Demonstranten in Los Angeles ab.
Menschen die Minderheiten angehören sind in den USA von Polizeigewalt besonders betroffen.
Quelle: AP

Die USA erleben momentan die schwersten Unruhen seit dem Attentat auf Martin Luther King 1968. Anders ist im Vergleich zu damals, dass es heute ein Video gibt, dass die Polizeigewalt an dem Afroamerikaner Georg Floyd schonungslos dokumentiert und der Welt im Internet offen legt.

Was in dem Video zu sehen ist - nämlich ein weißer Polizist, der mit seinem Knie minutenlang auf Hals und Nacken des auf dem Boden liegenden Floyd drückt und was zu hören ist, nämlich Floyds flehendes "Ich kann nicht atmen" - wurde nicht im Polizeibericht erwähnt. Dass daraufhin vier Polizisten entlassen und einer von ihnen wegen Totschlags angeklagt wurde, ist vor allem dem Videobeweis zu verdanken.

Schwarze sterben überproportional häufig durch Polizeigewalt

Der Fall Floyd macht deshalb nicht nur auf brutale Weise sichtbar, welcher Polizeigewalt sich viele Schwarze in den USA ausgesetzt fühlen, er verdeutlicht auch, wie schwer es ist, solche Fälle nachzuvollziehen. Vollständige Statistiken der Behörden über Polizeigewalt gibt es nicht. Informationen finden sich bei der "Washington Post" und dem Datenprojekt "Mapping Police Violence", das angibt, 90 Prozent aller Tötungsdelikte in den USA zu verfolgen und aus diesen Daten die Zusammenhänge von Todesfällen während Polizeieinsätzen zu ermitteln.

Zwar starben bei tödlichen Polizeieinsätzen seit 2015 absolut gesehen mehrheitlich Weiße, betrachtet man aber den Anteil der drei Gruppen an der amerikanischen Bevölkerung, so sterben Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe fast drei Mal so häufig bei Polizeieinsätzen.

  • Im Jahr 2019 gab es nur 27 Tage, an denen in den USA kein Mensch durch die Polizei erschossen wurde.
  • Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 1.099 Tötungsfälle.
  • Davon waren 24 Prozent Schwarze, obwohl sie nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Die Ursachen für die hohe Gewaltbereitschaft der Polizei gegenüber Schwarzen ist vielfältig. Neben Rassismus gibt es noch weitere, vor allem strukturelle Probleme, sagt Michael Hochgeschwender, der am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt.

  • Historisch gewachsene, rassistische Vorurteile: Noch aus der Sklavenzeit stammt die Vorstellung des "schwarzen Gewalttäters". Seit dem 19. Jahrhundert sei die amerikanische Polizei bereits "sehr stark rassistisch durchsetzt", sagt Hochgeschwender.
  • Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung: Armut und fehlende Bildung führen zu organisierter Kriminalität und Gewalt. Viele Jugendliche hätten keine andere Chance, als sich bewaffneten Gangs anzuschließen, um Respekt, Geld und Aufstiegschancen zu erlangen.
  • Mangelnde Professionalität der Polizei: Gewalthandlungen seien oft Ersatzhandlungen für eine hohe Belastung, schlechte Bezahlung und schlechte Ausbildung der Polizei, sagt Hochgeschwender.

Vor allem der Gedanke "wir, die Guten, gegen die anderen Bösen" spiele hier eine große Rolle, sagt Hochgeschwender. Polizeigewalt trifft in den USA nicht nur Schwarze, sondern auch Latinos, Indigene und arme Weiße. "Das hat neben Rasse auch viel mit Klasse zu tun", sagt der Kulturanthropologe.

Polizeigewalt in Minneapolis -
"Weiße müssen endlich für Schwarze einstehen"
 

Schwarze in den USA berichten uns von Rassismus und Gewalt - Erfahrungen, die Alltag seien.

von Alica Jung
Videolänge
1 min

Auch der weitverbreitete Waffenbesitz spielt eine Rolle. Mehr als 99 Prozent der von Polizisten getöteten Menschen trugen eine Schusswaffe bei sich. Diese Angst vor einem bewaffneten Konflikt sei täglicher Begleiter der Polizisten, und aus dieser Panik heraus würden viele dazu neigen, überzureagieren, so Hochgeschwender.

Inszenierung von Männlichkeit und Dominanz

Dass ein Unbewaffneter wie George Floyd brutaler Polizeigewalt zum Opfer fällt, hänge in diesem Fall mit einem "Kult von Männlichkeit" zusammen. "Da inszeniert sich dieser weiße Polizist ganz klar männlich, der den Schwarzen dominiert."

Grafik: Todesopfer durch Polizeigewalt in den USA
Polizisten werden in den USA nur selten für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen.
Quelle: ZDF

Die Entwicklung verschlimmert auch, dass fast alle Tötungen durch Polizisten ohne Anklage bleiben. Auch im Fall Floyd wurde nun bekannt, dass der Polizist schon mehrfach wegen Fehlverhaltens angezeigt wurde. "Viele Schwarze, Latinos oder arme Weiße wissen, dass es keinen Sinn macht, gegen übergriffige Polizisten vorzugehen, und viele Polizisten wissen, dass sie mit ihrem Verhalten durchkommen", erklärt Hochgeschwender.

Deshalb ist die Aufarbeitung des Falls George Floyd so wichtig. Das Augenzeugen-Video beweist nicht nur, welchen Ängsten Schwarze und andere Minderheiten in den USA im Alltag ausgesetzt sind, sondern es ermöglicht der Familie Floyd auch, in einem Prozess gegen den verantwortlichen Polizisten Gerechtigkeit zu erfahren.

Der Autorin auf Twitter folgen @JohannaSagt

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