Wie Mockenhaupt den Anschlag auf Boston-Marathon erlebt hat

    Anschlag auf Boston-Marathon:Mockenhaupt: "Kürzeste Nacht meines Lebens"

    von Heiko Oldörp
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    Am 15. April 2013 läuft Sabrina Mockenhaupt den Boston-Marathon. Als im Zielbereich Bomben explodieren, ist sie nur 300 Meter entfernt: "Das war die kürzeste Nacht meines Lebens".

    Sabrina Mockenhaupt-Gregor
    Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt.
    Quelle: imago/Eibner

    Sabrina Mockenhaupt beginnt zögerlich. "Boston habe ich eigentlich von meiner Festplatte gelöscht", sagt die ehemalige Langstrecken-Spezialistin im Gespräch mit ZDFheute. Doch je länger das Gespräch dauert, desto mehr Erinnerungen kommen in ihr wieder hoch.
    Erinnerungen an "die kürzeste Nacht meines Lebens." Erinnerungen an Hilflosigkeit, Angst, Verzweiflung. "Ich habe Gänsehaut", betont die heute 42-Jährige zwischendurch, als sie über ihre Erlebnisse vom 15. April 2013 redet.

    Guter zehnter Platz - na und?

    Sie habe "immer Boston" laufen wollen, sagt Mockenhaupt. Ihr damaliger Manager, Oliver Mintzlaff, habe ihr immer vom ältesten Städte-Marathon der Welt vorgeschwärmt. Und sie habe zuvor "ein paar schöne Tage" in der "Traum-Stadt" verbracht. Doch all das rückt ebenso in den Hintergrund, wie ihr guter zehnter Platz oder ihre Zeit von 2:30:09 Stunden. "Da hat sich keiner für interessiert", so Mockenhaupt.
    Als um 14:49 Uhr innerhalb von zwölf Sekunden zwei Bomben im Zielbereich explodieren, sitzt sie in ihrem Hotelzimmer, knapp 300 Meter entfernt. Sie hatte ihren ersten Boston-Marathon rund 90 Minuten zuvor beendet und spricht am Telefon mit ihrem Trainer, Carsten Eich, über das Rennen.
    2013 explodierten beim Boston-Marathon zwei Bomben. Im Vorfeld des diesjährigen Laufes fanden Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Terroranschläge statt.17.04.2023 | 1:22 min

    Chaos in Boston: Viele Fragen, keine Antworten

    "Da kracht irgendwas im Hintergrund", teilt sie Eich eher beiläufig mit. Da sie den Lärm zunächst nicht richtig einordnen kann, telefoniert sie einfach weiter. Das Ausmaß der Tragödie, die sich nur eine Straße weiter abspielt, bekommt sie erst so richtig mit, als sie den Fernseher einschaltet: "Da kamen sofort die Schreckens-Nachrichten".
    Viele TV-Sender unterbrechen ihr Programm für "Breaking news." Zunächst ist unklar, was überhaupt passiert ist. Ist eine undichte Gasleitung explodiert? Oder sind es tatsächlich Bomben gewesen? Viele Fragen - und zunächst keine Antworten, sondern nur Chaos.

    Mockenhaupt hilflos im Hotelzimmer

    Tausende Menschen rennen, schreien, weinen. Andere liegen verletzt oder leblos am Boden - einige haben Arme und Beine durch die Wucht der Detonationen verloren. Überall ist Blut. Die Rettungskräfte haben damals noch keine Tourndiquets, um die Blutungen an den abgerissenen Extremitäten stoppen zu können. Sie behelfen sich mit Schnürsenkeln, T-Shirts oder Gürteln.
    Sabrina Mockenhaupt geht aufgeregt in ihrem Hotelzimmer hin und her, weiß nicht, was sie machen soll. Mal schaut sie auf den Fernseher, dann hinaus aus dem Fenster, wo das weiße Medizinzelt direkt vor dem Hotel zur Notaufnahme wird.

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    Am 15. April 2013 explodieren beim Boston-Marathon zwei Bomben. Es gibt Tote, Verletzte, Chaos. Die Narben sind bis heute spürbar.
    von Heiko Oldörp, Boston
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    Mockenhaupt wollte nur noch weg

    Ihr Manager ist direkt nach dem Rennen zum Flughafen gefahren und bereits auf dem Weg zurück nach Deutschland. Mockenhaupt soll am Abend fliegen, doch sie kommt nicht mehr raus. Da sich ihr Hotel unmittelbar am Tatort befindet, gehört es zur Hochsicherheitszone und wird abgeriegelt. Draußen beginnt das FBI mit seiner Arbeit, drinnen sitzt Mockenhaupt und kämpft mit den Tränen.

    Ich weiß noch, wie ich am Fenster saß und nur noch weg wollte. Denn ich hatte Angst, dass noch mal was passiert.

    Sabrina Mockenhaupt

    Polizei und Spezialkräfte befürchten, dass es weitere Bomben geben und diese per Handy zur Explosion gebracht werden könnten. Sie entschließen sich, für mehrere Stunden das Telefonnetz der Stadt abzuschalten.

    Mockenhaupt ohne Kontakt in die Heimat

    Mockenhaupt kann deshalb niemanden in Deutschland anrufen, weder Familie, noch Freunden und Bekannten mitteilen, dass es ihr gut geht. Erst, als das Handynetz wieder freigeschaltet wird, sieht sie auf ihrem Telefon etliche Nachrichten und immer wieder die Frage: "Alles ok bei dir?" Tags darauf fliegt sie nach Deutschland.
    2016 verfilmt Hollywood die Tragödie. Mark Wahlberg, Kevin Bacon und John Goodman spielen die Hauptrollen in "Boston". Auch Sabrina Mockenhaupt, die 2019 geheiratet und den Namen Mockenhaupt-Gregor angenommen hat, geht ins Kino und schaut sich den Streifen an. Erst da, sagt sie, sei ihr klar geworden, welch "immenses Glück" sie damals gehabt habe.
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