Para-Sportler: "Wünsche mir Barrierefreiheit in den Köpfen"
Para-Sportler bei "Markus Lanz":"Wünsche mir Barrierefreiheit in den Köpfen"
von Michael C. Starke
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Was bleibt von den Paralympischen Spielen? Drei Medaillengewinner von Paris wünschen sich bei "Markus Lanz" vor allem eins: mehr Sichtbarkeit - nicht nur punktuelle Aufmerksamkeit.
Para-Schwimmer Josia Topf hat einen kompletten Medaillen-Satz in Paris gewonnen – also jeweils einmal Bronze, Silber und Gold.
Quelle: Markus Hertrich
10-mal Gold, 14-mal Silber und 25-mal Bronze - das ist die rein sportliche Bilanz für das deutsche Team bei den Paralympischen Sommerspielen 2024 in Paris.
Das bedeutet Rang elf im Medaillenspiegel - die deutschen Para-Sportler verbesserten sich damit um einen Platz im Vergleich zu Tokio 2021.
Einen kompletten Medaillen-Satz hat Para-Schwimmer Josia Topf in Paris gewonnen - also jeweils einmal Bronze, Silber und Gold. Der 21-jährige Erlanger wurde ohne Arme geboren. Und das stellt Topf im Becken vor eine ganz besondere Herausforderung: Er beendet seine Schwimm-Rennen mit einem Anschlag per Kopf - ungebremst, bei vollem Tempo an den Beckenrand.
Durchaus eine schmerzhafte Angelegenheit, gab Topf am Mittwochabend bei "Markus Lanz" zu - und nicht nur das: Eine Studie mit ihm habe ergeben, "dass definitiv meine kognitiven Fähigkeiten nach so einem Kopfanschlag beeinträchtigt sind". Und die Langzeitfolgen? Topf konstatierte eher nüchtern:
Wahrscheinlich habe ich ein höheres Risiko für spätere Demenz.
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Josia Topf, Para-Schwimmer
Aber das passt zu seinem Lebensmotto, das der Para-Schwimmer an anderer Stelle verriet: "Geht nicht, gibt’s nicht."
Schicksalsschläge als Teenager
Ein Motto, das auch Para-Kanutin Edina Müller und Prothesen-Weitspringer Markus Rehm im wahrsten Sinne vorleben. Anders als Josia Topf, der von Geburt an mit seiner Behinderung lebt, mussten beide als Teenager lernen, einen Schicksalsschlag zu verarbeiten.
Als 16-Jährige hatte Müller nach einem Volleyballspiel Rückenschmerzen, sie ging zum Arzt und dort sollte ein Wirbel eingerenkt werde. Doch dabei wurde das Rückenmark geschädigt - seither ist Müller querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.
Rehm wiederum verlor als 14-Jähriger nach einem Wakeboard-Unfall seinen rechten Unterschenkel - sein Bein war in die Schiffschraube eines anderen Bootes geraten.
Rehm: "Geht nicht um Medaillen, sondern Alltag"
Was Müller und Rehm zudem verbindet: Beide haben Berufe ergriffen, in denen die Hilfe für andere Menschen im Mittelpunkt steht. Müller arbeitet als Sporttherapeutin in einer Hamburger Klinik und hilft anderen nach Kräften dabei, ein Leben im Rollstuhl zu meistern.
Dass er sein Werkzeug auch bei Wettkämpfen dabei hat, weiß mittlerweile auch seine Konkurrenz: "Es kommt schon vor, dass ich an Ort und Stelle mal eine Reparatur machen muss", sagte der 36-Jährige scherzhaft. Über seinen Job sagte er:
Da geht es nicht um Medaillengewinnen, sondern um den Alltag.
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Markus Rehm, Prothesen-Weitspringer
Nur alle vier Jahre im Rampenlicht?
Die Spiele von Paris mit ihren emotionalen Höhepunkten sind vorbei - und wie ist es jetzt um die Aufmerksamkeit für den Para-Sport bestellt? Da fällt die Bilanz der Runde eher gemischt aus.
Positiv zu Buche schlug für Rehm, der auch Fackelträger bei der Eröffnungsfeier war, eine stärkere öffentliche Wahrnehmung:
Es war ein Highlight, dass in der Primetime übertragen wurde.
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Markus Rehm, Prothesen-Weitspringer
Ein eher punktuelles Interesse beklagte hingegen die heute 41-jährige Müller: "Gerade in den Jahren zwischen den Paralympischen Spielen ist da leider wenig." Dabei hätte ihre Sportart, der Kanusport, einen großen Vorteil, so die Fahnenträgerin von Paris:
"Wir haben alle internationalen Veranstaltungen gemeinsam mit den Kanuten zusammen. Das heißt, wir sind am gleichen Wettkampfort zur gleichen Zeit. Da wäre es ja auch einfach, das medial einfach mitzunehmen."
Topf: "Behindert werde ich"
Dass Sichtbarkeit wichtig ist, empfand auch Rehm so. Ihm zufolge sei wichtig, gerade Menschen, die in ähnlicher Situation sind, zu zeigen, was möglich ist. Dabei ginge es vor allem darum zu sehen, "dass man trotzdem ein selbstbestimmtes Leben führen kann".
Auch Para-Schwimmer Topf wünscht sich "mehr Barrierefreiheit in den Köpfen" - und schlug damit den Bogen zum Alltag von Menschen mit Behinderung:
Ich bin ein Mensch, der mit Einschränkungen auf diese Welt kam. Aber behindert werde ich.
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Josia Topf, Para-Schwimmer
Als konkretes Beispiel nannte er Behindertenparkplätze, ohne die er nicht am Leben teilnehmen könne, wenn sie besetzt sind. Und da mangelt es nicht an vorgeschobenen Begründungen: Ihm habe mal eine Person gesagt, "sie dürfe da stehen, weil sie Diabetes hat".
Topfs Fazit: "Da scheint es noch viel Aufklärungsbedarf zu geben."
Topf: "Neue Generation von Behinderten"
Doch Topf zeigte sich abschließend durchaus optimistisch, weil es seiner Einschätzung zufolge einen anderen Umgang mit Menschen mit Behinderung gebe - einen, der Menschen Berührungsängste beim Thema Inklusion nehme:
"Es gab diese Art von Generationen von Behinderten, die man irgendwie versteckt hat, die man ins Heim abgeschoben hat, mit denen man praktisch nur ab und zu Kontakt hatte. Aber jetzt, das ist eine neue Generation. Wir fahren Autos, wir studieren, wir sind in der Gesellschaft angekommen."
Quelle: dpa
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