ZDF-Film über Anja Niedringhaus: Die Bilderkriegerin

    ZDF-Film über Anja Niedringhaus:Die Bilderkriegerin - Leben für ein Foto

    von Kai Jostmeier
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    Anja Niedringhaus war eine international anerkannte Fotojournalistin. 2014 starb sie in Afghanistan durch ein Attentat. Ein vom ZDF koproduzierter Kinofilm erzählt ihre Geschichte.

    Fotografin Anja Niedringhaus lacht, in ihrer Hand hält sie eine Fotokamera.
    Fotografin Anja Niedringhaus wurde am 4. April 2014 in Afghanistan getötet.
    Quelle: Reuters

    Anja Niedringhaus ist 26 Jahre alt, als 1991 der Krieg in Jugoslawien ausbricht. Ein Schlachtfeld mitten in Europa. Auf ihr unnachgiebiges Drängen hin schickt ihre Agentur, die European Pressphoto Agency, sie nach Sarajevo. Es ist ihr Traum, ein Foto zu schießen, das dazu beitragen kann, den Krieg zu beenden.

    Drei Jahre in Sarajevo als Kriegsfotografin

    Vor Ort wird sie mit der harten Wirklichkeit in der belagerten bosnischen Metropole konfrontiert. Es ist bitterkalt, es gibt keinen Strom, kaum Nahrung - und jeder in der Stadt ist in Lebensgefahr durch Scharfschützen, die selbst auf spielende Kinder schießen.
    Die meisten von Niedringhaus' männlichen Kollegen glauben, dass "das Mädchen" aus Deutschland bei der nächsten Gelegenheit dieser Hölle wieder entflieht. Sie aber bleibt mit Unterbrechungen fast drei Jahre.

    Anja Niedringhaus war eine international hoch anerkannte deutsche Fotojournalistin. 2014 starb sie durch einen Anschlag in Afghanistan. Der Film erzählt mit Spiel- und Dokumentarteilen wie aus einer zunächst wenig erfahrenen Fotografin eine der besten ihres Genres wird.

    Zu sehen ist der Film am Dienstag, 25. Juli 2023, 22.15 Uhr im ZDF und bereits seit dem 23. Juli 2023, jeweils ab 22.00 Uhr, für 30 Tage in der ZDF-Mediathek.

    Kriegsbilder für den Frieden

    In der Folgezeit steigt Niedringhaus zu einer der besten Fotojournalistinnen ihrer Generation auf. Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 dokumentiert sie das Geschehen in Afghanistan, Kuwait und im Irak. Ihre Fotos landen auf Titelseiten der großen Zeitungen in aller Welt.
    Ihre Bilder zeigen das Leid, aber auch die Hoffnung von Menschen an Brennpunkten von Krisen und Kriegen. Als Frau gilt sie als Ausnahme im gefährlichsten Genre des Fotojournalismus. 2005 erhält sie den begehrten Pulitzerpreis für ihren fotografischen Einsatz im Irak.
    2014 will Niedringhaus mit ihrer Kollegin Kathy Gannon während der Präsidentschaftswahlen in Afghanistan von den Menschen in der Provinz berichten, die trotz Bedrohung durch die Taliban wählen gehen. Doch vor einer gut bewachten Polizeistation eröffnet plötzlich ein Offizier das Feuer auf die beiden Frauen. Niedringhaus ist sofort tot, Gannon überlebt schwer verletzt.
    "Die Bilderkriegerin": Anja Niedringhaus (Antje Traue) sitzt vor einem ausgebranntem Auto.
    Antje Traue spielt die Fotografin Anja Niedringhaus in der ZDF-Koproduktion "Die Bilderkriegerin".
    Quelle: ZDF/Ishka Michocka

    Über 1.600 tote Journalisten in den letzten 30 Jahren

    Nach Zählung der UNESCO ist Niedringhaus eine von über 1.600 Journalistinnen und Journalisten, die in den vergangenen 30 Jahren getötet wurden. Manche starben durch Bombenangriffe oder bei der Explosion von Minen. Andere, wie Niedringhaus, fielen einem Attentat zum Opfer, einem gezielten Angriff auf Angehörige freier Medien.
    Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 sind auch Medienschaffende in der Ukraine an vielen Orten gefährdet, mehrere von ihnen sind bei der Berichterstattung verletzt oder getötet worden. Auch in diesen Tagen gerieten Reporter und Kameraleute wieder unter Beschuss.

    Von Peter Arens und Stefan Brauburger

    Als wir uns für dieses Filmprojekt entschieden, entzog es sich jeglicher Vorstellungskraft, dass zum Sendezeitpunkt wieder ein verheerender Krieg in Europa toben würde. Dass bei der Berichterstattung vor Ort wieder Frauen und Männer ihr Leben riskieren müssen - auf ihrer schwierigen Suche nach der Wahrheit. Insofern gewinnt der Film über das Leben von Anja Niedringhaus traurige Aktualität.

    Sie hat es stets abgelehnt, als Kriegsfotografin bezeichnet zu werden. Obwohl sie in dem Vierteljahrhundert ihres Schaffens immer wieder von militärischen Operationen und Schauplätzen verheerender Bürgerkriege berichtete, von dort aus ihre eindringlichsten Fotografien in die Welt schickte und dafür ihr Leben riskierte. Ihr größter Traum war, Menschen mit ihren Fotos derart aufzurütteln, dass die Bilder vielleicht sogar dazu beitragen können, Konflikte zu beenden. Am Ende wurde ihr die eigene Leidenschaft, direkt an den Brennpunkten, an vorderster Front zu berichten, zum Verhängnis. Sie wollte immer mehr als nur Ereignisse abbilden. Ihre Fotografien sind Appelle gegen Menschenverachtung und Unrecht, aber auch Ausdruck der Hoffnung auf Frieden.

    Doch immer wieder plagten sie auch Zweifel, ob ihre Arbeit wirklich etwas bewirken könne, angesichts der andauernden und immer wieder aufflammenden Konflikte und Krisen. Afghanistan und seine Menschen, vor allem das wechselvolle Schicksal der Frauen, lagen ihr besonders am Herzen. Den hoffnungsvollen Aufbruch mutiger Kandidatinnen bei Parlamentswahlen begleitete sie mit ihrer Kamera, gab der Aussicht auf eine offenere Gesellschaft Namen und Gesichter.

    Anja Niedringhaus wurde ermordet, als sie das Wahlgeschehen in der afghanischen Provinz 2014 fotografisch dokumentieren wollte. Tödliche Schüsse rissen sie jäh aus der Geschichte, die sie mit Leidenschaft begleitete. Und das Geschehen in dem Land nahm in den darauffolgenden Jahren einen Lauf, der all dem zuwiderlief, was die preisgekrönte Fotografin sich erhofft hatte.

    Jene Bilder vom August 2021 sind unvergesslich, von Menschen, die sich am Flughafen von Kabul verzweifelt an Fahrwerke von Flugzeugen klammern, die sie außer Landes bringen sollen. Die Schritt für Schritt erkämpfte Öffnung der Gesellschaft, die mühsam erarbeitete Mitbestimmung der Frauen, ihr Chancen auf Bildung und freie Entfaltung wurden nach der Machtübernahme der Taliban wieder zunichte gemacht. Dabei hatte das Land nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs zur Ruhe kommen sollen, Wohlstand und Freiheit schienen erreichbar. Es ging darum, eine stabile demokratische Regierung, eine prosperierende Wirtschaft und vor allem Frieden zu sichern.

    Zwei Jahre ist es her, dass die unfassbaren Bilder des Desasters um die Welt gingen, und was würde sich Anja Niedringhaus fragen, würde sie noch leben? War alles vergebens? Ist ihr Werk aus der Zeit gefallen?
    Uns haben optimistische Antworten imponiert, die ehemalige Entwicklungshelferinnen in Afghanistan in einer ZDF-Dokumentation auf die Frage nach dem Sinn ihres Einsatzes gaben: "Unsere Arbeit ist in keinster Weise umsonst gewesen. Wir haben dort einer kompletten Generation die Möglichkeit gegeben, unsere Lebensweise, Freiheit und Toleranz kennen zu lernen, und zu erfahren, was machbar ist im Gegensatz zum Taliban-Regime". Diese Antwort hätte auch Anja Niedringhaus geben können. Ihre Fotografien vom Aufbruch in Afghanistan werden nach dem fundamentalistischen Rückfall in das Reich der Taliban noch bedeutender. Ihre Bilder zeugen davon, was in ferner Zukunft vielleicht doch noch einmal möglich sein wird. Insofern ist der Film auch Ausdruck einer Hoffnung, die nicht vergehen darf.

    Peter Arens ist Leiter der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft.
    Stefan Brauburger ist Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.

    Fotojournalisten: Zeugen von Zerstörung, Leid und Tod

    Journalisten kommt in Konfliktgebieten eine wichtige und herausfordernde Rolle zu. Sie sollen - wie etwa in der Ukraine - das wahre Gesicht des Krieges zeigen, wider die tägliche Propaganda der Kriegstreiber. Das macht sie zum Ziel derer, die ein Interesse daran haben, die Suche nach der Wahrheit zu unterbinden.
    Doch nicht nur die Gefahr für Leib und Leben ist hoch, auch die psychische Belastung. Fotojournalistinnen und -journalisten im Krieg sind unmittelbare Zeugen von Zerstörung, Leid und Tod. Viele lassen die Bilder nicht mehr los, auch sie leiden wie andere Kriegsbeteiligte noch Jahre unter den traumatischen Erfahrungen.
    Rosen liegen vor einem Bild der Fotografin Anja Niedringhaus, 48, die am 4. April 2014 in Afghanistan getötet wurde.
    Die Fotojournalistin Anja Niedringhaus berichtete aus Kriegsgebieten wie dem Irak und Afghanistan und riskierte dabei ihr Leben.
    Quelle: AP

    Die Taliban sind zurück - alles umsonst?

    Niedringhaus erlebte nicht mehr, wie die Schritt für Schritt erkämpfte Öffnung der afghanischen Gesellschaft nach der Machtübernahme der Taliban 2021 wieder zunichte gemacht wurde.
    Doch ihre Fotografien von den Aufbruchsjahren in Afghanistan könnten dadurch noch bedeutender sein. Sie zeugen davon, was für eine Zeit lang möglich war - und in ferner Zukunft vielleicht noch einmal möglich sein wird. "Sie sah in die Seele der Menschen", beschrieb eine Kollegin ihr Wirken. "Sie konnte mit ihren Bildern die Welt verändern", sagt ein anderer Wegbegleiter.
    Verlorenes Land? Afghanistan und der Krieg gegen den Terror:

    Traurige Aktualität durch den Krieg in der Ukraine

    Für das nun entstandene Dokudrama "Die Bilderkriegerin - Anja Niedringhaus" wurden Gespräche mit der Familie geführt, Kollegen und Zeitzeugen befragt, die an ihr leidenschaftliches Engagement für Frieden und Gerechtigkeit erinnern. Fotografien von Anja Niedringhaus bilden den roten Faden der Spielhandlung, die auf zentrale Schlüsselmomente im Leben der Fotografin fokussiert. Ergänzt wird durch dokumentarisches Archivmaterial vom Geschehen an den Krisenschauplätzen.
    Als das Filmprojekt zu Anja Niedringhaus entschieden wurde, war es außerhalb jeglicher Vorstellungskraft, dass zum Sendezeitpunkt wieder ein verheerender Krieg in Europa toben würde - dass bei der Berichterstattung vor Ort wieder Frauen und Männer ihr Leben riskieren müssen auf ihrer schwierigen Suche nach der Wahrheit. Insofern hat der Film über das Leben sie eine traurige Aktualität gewonnen.
    Quelle: ZDF

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