Straße ohne Autos? Ein Modellprojekt in München polarisiert

    Verkehrswende in München:Wie eine autofreie Straße ein Viertel spaltet

    Alexandra Hawlin
    von Alexandra Hawlin, München
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    Statt Autos und Parkplätzen - Rollrasen und Sand zum Spielen. Warum ein Pilotprojekt zur Verkehrswende einige Bewohner auf die Barrikaden bringt.

    Auf dem Bild ist eine umfunktionierte Straße mit Spielfläche zu sehen.
    Das Pilotprojekt "Autoreduzierte Quartiere" in der Münchner Kolumbusstraße spaltet ein ganzes Viertel. 29.07.2023 | 4:03 min
    Sie wirkt wie eine grüne Oase in einem Meer aus Asphalt. Die Münchner Kolumbusstraße in der Südlichen Au verwandelt sich für rund vier Monate in eine autofreie Zone.
    300 Meter sind für den Verkehr gesperrt - von Mitte Juni bis Oktober. Statt Asphalt gibt's plötzlich Rollrasen und eine Sandfläche zum Spielen, Sitzmöglichkeiten und Hochbeete für Urban-Gardening-Projekte. Es gibt Stationen für E-Autos und Lastenfahrräder zum Ausleihen. Getestet werden Modelle für die Stadt der Zukunft.

    Pilotprojekt polarisiert das ganze Viertel

    Viele im Viertel sehen die Verwandlung positiv. "Durch kleine Veränderungen hat diese unspektakuläre Straße an Flair gewonnen - als Begegnungsstätte und Ruhepol", sagt Paulina Palomino. Ihr ist es jedoch wichtig, zu betonen, dass sie nicht direkt in der Kolumbusstraße wohnt, sondern in einer Nebenstraße.

    Es ist wie ein Dorfplatz mitten in einer ganz normalen Wohngegend.

    Paulina Palomino, Bewohnerin des Viertels

    Rund 40 Parkplätze fallen vorübergehend weg. Vor allem die direkten Anwohner in dem gesperrten Abschnitt beklagen Lärm, Sand im Treppenhaus, die lange Parkplatzsuche und Fahrradfahrer, die auf den Gehweg ausweichen.

    Ich find's eine Unverschämtheit, uns einen Sandspielplatz einen Meter vors Schlafzimmer oder Wohnzimmer zu setzen.

    Claudia Fendt, Bewohnerin der Kolumbusstraße

    Die Stimmung ist aufgeheizt. "Es herrscht sowas wie Krieg, Befürworter und Gegner brüllen sich nur noch an", erzählt Claudia Fendt, die direkt in der Kolumbusstraße wohnt. Eine Gruppe von Kritikern will gerichtlich gegen das Projekt auf Zeit vorgehen, hat Klage eingereicht.

    München als Modellstadt für die Verkehrswende der Zukunft

    Das Pilotprojekt "Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt" (aqt) wird von Wissenschaftlern der TU München geleitet und von der Bundesregierung finanziert. Das Ziel: neue Konzepte für den Raum in Städten zu entwickeln und zu testen - mit der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
    Zudem können solche grünen Abschnitte Städte besser für Extremwetterereignisse rüsten. "Im Kontext des Klimawandels geht es auch darum, Straßenräume zu entsiegeln, also Flächen zu schaffen, wo das Wasser versickern kann und dann aber auch, wenn es heißer wird, wieder verdunsten kann. Das hat einen kühlenden Effekt", erklärt Projektleiter Marco Kellhammer.
    Die Verkehrswende auf Zeit in der Kolumbusstraße ist eines von insgesamt 14 Projekten, in dem die Wissenschaftler untersuchen wollen, wie die Verkehrswende in der Stadt gelingen kann. "Was wir in Deutschland benötigen, ist ein schnelleres Ausprobieren, auch mal mit einer Fehlerkultur reingehen, Sachen ertesten", sagt Oliver May-Beckmann, Geschäftsführer des Mobilitätsclusters MCube und Mitarbeiter der Technischen Universität München.
    Individuell könne er die Kritik an dem Projekt in der Kolumbusstraße verstehen. "Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass die Mehrheit hier kein Auto hat, die auf einmal den öffentlichen Raum für sich nutzen kann."

    Es geht nicht ums Wegnehmen und Geben, sondern um die Frage: Wie verhandeln wir als Gemeinschaft den Raum in der Stadt als Gemeinschaftsgut aus?

    Oliver May-Beckmann, Geschäftsführer MCube

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    Bürgersprechstunden als Diskussionsforum

    Ein Diskussionsforum dafür soll die Bürgersprechstunde sein. Zweimal im Monat haben Anwohner die Gelegenheit, Feedback, Kritik und Verbesserungsvorschläge zu geben. "Ganz den Kindern entfliehen kann man nicht, die sind nun mal hier", sagt ein Mann zu seiner Nachbarin, die sich über den Lärm vor ihrem Fenster beklagt.
    "Nein, das will ich auch gar nicht, aber so wie es angelegt ist, finde ich es unpraktikabel", erklärt Susanne Kußmaul. Wie viele andere beklagt auch sie, dass der Lärmpegel vor allem abends steigt und der Raum vorrangig auf Familien und Kinder ausgerichtet ist - nicht aber für ältere Bewohner oder Menschen mit Behinderung.

    Lehren für die Stadt der Zukunft

    "Das sind Dinge, die wir in Zukunft anders umsetzen würden", räumt Projektleiter Marco Kellhammer ein. "Wir haben nicht die optimale Lösung für die Verkehrswende. Daher interessiert es uns total: Was kommt gut an, was kommt schlechter an? Worauf muss man reagieren?", erklärt Oliver May-Beckmann.
    Die Kolumbusstraße im Herzen von München - ein Lehrstück für die Wissenschaftler und eine Spielwiese für die Stadt der Zukunft. Ob diese vor der eigenen Haustür sein muss, darüber sind die Bewohner gespalten.
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