Wohnungsnot auf Ibiza: Touristen feiern, Einwohner verzagen
Wohnungsnot auf Ibiza:Wo Touristen feiern, verzweifeln Einwohner
von Anna Feist, Ibiza
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Ibiza ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Doch viele Insulaner können sich das Wohnen auf der Insel kaum noch leisten. Anna Feist hat sie getroffen.
Der Tourismus auf Ibiza liegt auf einem Rekordniveau. Doch nur wenige Einheimische profitieren davon. Wohnen und Leben auf der Insel werden immer unbezahlbarer.29.05.2024 | 6:44 min
Ibiza - eine Insel im Mittelmeer mit einem legendären Ruf: Türkise Buchten, lange Sonnenuntergänge und rauschende Partys. Doch dieser Ruf hat seinen Preis: Der Eintritt zur Party kostet gerne 40 Euro, das Bier an der Bar bis zu 18 Euro.
Besonders für die Insulaner ist die Insel kaum noch erschwinglich - vor allem hohe Wohnungspreise bereiten ihnen Sorge, so wie Pepe Pisset.
Mietpreise auf Ibiza: Purer Wucher
Er ist Fischer in zweiter Generation, sein Boot gehörte schon seinem Vater. Doch leben kann er vom Fischfang längst nicht mehr. Das macht sich im Alltag bemerkbar. Das Inselleben: zu teuer.
Du kannst nicht einfach in irgendein Restaurant gehen, denn je nachdem wo du landest, wirst du mindestens 200 Euro zahlen.
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Pepe Pisset, Fischer
Zeit für sein Boot hat der Fischer nur nachmittags, vormittags arbeitet er zusätzlich in der Autowerkstatt für 1.600 Euro netto. Doch allein die Miete verschlingt 1.200 Euro. Und das ist noch günstig. Die Preise auf dem Wohnungsmarkt: purer Wucher.
Zwischen Mai 2023 und Mai 2024 sind die Mietpreise auf den Balearen laut dem spanischen Immobiliennetzwerk Idealista um 18 Prozent gestiegen, verglichen mit einem landesweiten durchschnittlichen Anstieg von 12 Prozent in Spanien. Laut dem Immobilienportal Indomio lag der Quadratmeterpreis zur Miete in der Inselhauptstadt Ibiza-Stadt im Mai 2024 bei knapp 28 Euro.
Insulaner zeltet auf Ibiza
Auch Felipe Keily hat diese Erfahrung gemacht. Der Argentinier mit italienischem Pass arbeitet als Musiker auf der Insel. Am Tag verdient er durchschnittlich 100 Euro. Genug, um ein gutes Leben zu führen, dachte er. Doch die Rechnung hat er ohne den völlig überteuerten Wohnungsmarkt gemacht:
Ich zahlte die berühmten 700 bis 900 Euro für ein Zimmer, für das man monatlich überall sonst auf der Welt nicht mehr als 150 bis 250 Euro zahlt.
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Felipe Keily, Musiker
Felipe Keily wollte das nicht weiter hinnehmen und ist in ein Zelt gezogen, das auf einem öffentlichen Parkplatz steht. Er kocht nun im Wohnwagen eines Freundes, geduscht wird im Fitnessstudio. Was für Felipe Keily eine freie Wahl war, ist für Maria und ihre Familie pure Not.
Auch in den Niederlanden können sich viele die Mieten nicht mehr leisten. Deshalb wohnt die Studentin Chiara zur Untermiete bei der 62-Jährigen Marian.27.03.2024 | 1:59 min
Familie berichtet von skrupellosem Landbesitzer
Bis vor neun Monaten lebte die elfköpfige Familie aus Paraguay verteilt auf verschiedene Zimmer auf Ibiza - Maria, ihre Schwester, eine Schwägerin und deren Kinder. Pro Zimmer zahlten sie 1.200 Euro. Doch dann wurden sie nacheinander gekündigt - weil andere noch höhere Preise zahlen. Auf einem Stück Land außerhalb von Ibiza-Stadt steht nun ihr Wohnwagen, den sie ausgebaut haben zu einem überdachten Bereich mit kleiner Hütte.
"Die Elendshütte", so habe der Besitzer des Landes ihren Bereich hämisch genannt, erzählt Maria. Der Mann sei skrupellos und wolle Kapital schlagen aus ihrer Not: "Er hat uns aufgefordert, ab nun 1.600 Euro pro Monat zu zahlen, weil wir den Wohnbereich mit Holz ausgekleidet haben", berichtet Maria.
Ilaria Lamera kommt aus Bergamo und studiert in Mailand - eine Wohnung in der Stadt konnte sie sich, wie viele andere Studierende, nicht leisten.04.06.2024 | 2:36 min
Immer neue Villen für Reiche
Für Marias Schwägerin Franzi ist besonders hart, mitanzusehen, dass ihre drei Kinder so aufwachsen müssen.
"Es tut mir sehr weh, so mit ihnen zu leben. Aber was soll ich tun? Niemand wird mir etwas mit meinen drei Kindern vermieten. Ich bin verzweifelt."
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Franzi
Die drei Frauen putzen in den Villen der Reichen, ihre Männer arbeiten schwarz auf dem Bau für die immer neuen Luxus-Appartements - beworben auf Englisch - mit Pool und Concierge für reiche Ausländer.
Zehntausende haben auf den Kanaren gegen Massentourismus protestiert. Insgesamt 55 000 Menschen gingen nach Angaben der Organisatoren auf den acht bewohnten und zu Spanien gehörenden Inseln auf die Straße.23.04.2024 | 3:15 min
Inselrat Ibiza: "Wucher ist kein Verstoß"
Es gibt keine genauen Zahlen, doch es dürften Tausende sein, die in solchen illegalen Camps wie Maria und ihre Familie leben. Die Inselregierung kennt das Problem, große Zuversicht für eine schnelle Lösung hat man nicht, wie Mariano Juan, Vizepräsident des Inselrats, von der konservativen Partido Popular erklärt: "Es gibt keine magischen Lösungen für das Wohnungsproblem, nicht auf der Insel Ibiza oder sonst wo." Und auch gegen Wucher könne man nichts tun: "Wucher ist kein Gesetzesverstoß", so Juan.
Laut dem spanischen Statistikinstitut (INE) besuchten im vergangenen Jahr rund 14 Millionen Touristen die Balearischen Inseln, zu denen auch Ibiza gehört. Zum Vergleich: Weniger als 160.000 Einheimische leben auf Ibiza. Ende Mai gehen rund 1.000 Menschen auf die Straße. Sie protestieren gegen den Massentourismus. Ibiza könne ihn nicht mehr ertragen und man müsse auf die negativen Auswirkungen des unkontrollierten Tourismus aufmerksam machen, so die Mitglieder der Aktivistengruppe "Prou Eivissa" ("Genug Ibiza"). Aufgrund der akuten Wohnsituation fordern sie etwa eine Begrenzung neuer Touristenorte.
Zehntausende haben auf den Kanaren unter dem Motto "Die Kanaren haben eine Grenze" gegen den Massentourismus demonstriert. Der Tourismus sei schädlich für Inselbewohner und Umwelt.
mit Video
Anzeigen auf Airbnb zurückgegangen
Immerhin haben die Strafverfolgungsbehörden erwirken können, durch die Androhung hoher Geldstrafen, dass illegale Ferienwohnung-Vermietungen zurückgegangen sind. Auf der Plattform "Airbnb" sanken diese etwa von noch 8.000 Wohnungen im Jahr 2019 auf 3.900 Ende 2023.
Außerdem habe die Inselregierung jüngst ein Gesetz verabschiedet für den Bau von Wohnungen zu "normalen Preisen", wie Mariano Juan erklärt. Doch: "Der Bau wird zwei, drei Jahre dauern. Aber wir werden ihn bald sehen", erklärt Mariano Juan vom Inselrat. Eine Perspektive, die all jenen, die in der Not leben, für den Moment wenig bringen dürfte.
Anna Feist berichtet als ZDF-Reporterin aus Ibiza.
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