Brexit: Britische Bauern beklagen gebrochene Versprechen

    Drei Jahre EU-Austritt:Bauern: Gebrochene Versprechen beim Brexit

    von Andreas Stamm, London
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    Das Brexit-Referendum war ein Wahlkampf um jede Stimme. Befürworter versprachen den Bauern oft das Blaue vom Himmel. Die Realität: eher blaues Wunder nach drei Jahren EU-Austritt.

    Farmer sein heißt immer wieder sich den Umständen anpassen, egal wie widrig sie auch sein mögen. Das ist das Motto von Landwirt Mark Bowyer. Der 54-Jährige hat südlich von London seine Nische gefunden: Grünzeug.
    Auf 400 Hektar baut er Spinat, Brokkoli und Gewürze an. Ein Saisongeschäft, bei dem er vor allem in den wärmeren Monaten auf rund 100 Arbeiter aus Osteuropa angewiesen ist. Drei Viertel seiner Leute kommen seit Jahren, haben den begehrten "settled status". Also das vor dem Brexit erworbene Recht, immer wieder nach Großbritannien zurückzukehren und arbeiten zu dürfen, erklärt Bowyer.

    Aber so langsam wird es schon eng, da immer mehr EU-Europäer nicht mehr wiederkommen.

    Mark Bowyer, Landwirt

    Ernte verrottet wegen zu wenigen Erntehelfern

    Für den Knochenjob Briten zu finden, das berichten alle Farmer, sei praktisch unmöglich. Die Regierung hat deshalb ein Visa-Programm für Erntehelfer aus aller Welt aufgesetzt. 30.000 Visa im Jahr, das sei okay, erklärt Optimist Bowyer. 70.000 hätten es sein sollen, erklären die Farmerverbände.
    "Da brach dann bei den Verbänden Panik aus. Von Ernteausfällen und Versorgungsengpässen war die Rede", erklärt Bowyer. "So schlimm ist es aber nicht gekommen." Dennoch verrottete im vergangenen Jahr auf britischen Feldern Obst und Gemüse im Wert von 25 Millionen Euro. Jeder dritte Landwirt war betroffen.

    Millionen an Mehrkosten für Papierkram

    Es muss halt irgendwie weitergehen! Ein Motto, das die Brexit-Stimmung in Britannien drei Jahre nach dem offiziellen Austrittstag recht gut beschreibt. Er habe Glück, erklärt Mark Bowyer. Seine Produkte landen alle auf dem heimischen Markt. Denn der jetzt notwendige Papierkram beim Export nach Europa setzt vielen anderen Farmen arg zu. Es bedeutet Millionen an Mehrkosten etwa für Fleischbauern, deren Produkte zu 70 Prozent in die EU gehen.
    Noch ist es nicht zu größeren Betriebsschließungen gekommen, aber die Zukunftsaussichten für Landwirte im Land sind ungewiss. Drei Dinge hatten die Brexit-Befürworter den Farmern versprochen:
    1. Nach dem Brexit werde es nicht an Erntehelfern mangeln.
    2. Die EU-Subventionen, die immerhin bis zu 60 Prozent des Einkommens aller Landwirte ausmachen und für mehr als ein Drittel überlebenswichtig sind, würden gleichwertig ersetzt.
    3. Neue Handelsverträge würden mehr Möglichkeiten schaffen, dabei würde der Austausch mit der EU genauso einfach bleiben.
    Gehalten wurden diese Versprechen eher nicht, so Experten.
    Am 31. Januar 2020 trat Großbritannien aus der EU aus. Die Katerstimmung in der Wirtschaft ist gewaltig. Unternehmer klagen, dass der Brexit schlimmere Folgen hat als Pandemie und Ukraine-Krieg. Viele müssen verkaufen oder verlegen ihre Standorte.12.01.2023 | 2:32 min

    Topf mit Subventionen kleiner als der von der EU

    Noch immer ist etwa unklar, wie die Subventionen aus Brüssel genau ersetzt werden sollen. Nur so viel ist klar: Der Topf wird rund 35 Prozent weniger Geld enthalten. Es soll grüner produziert werden. Umweltverträglichkeit wird als Maßstab wichtig. Nicht mehr allein die Größe des Betriebs.
    Eine große Umstellung sei das. Und was wirklich passiere, erklärt Sean Rickard, langjähriger Chefökonom des größten Bauernverbands NFU, sei deutlich weniger Geld für Farmer. Dazu viel Papierkram und Aufwand, um die neuen staatlichen Hilfen zu erhalten. Und, so Rickard, "in Zukunft werden Farmer nur noch dafür bezahlt, Flächen stillzulegen".

    Also nicht mehr für ihre Arbeit, sondern dafür, dass sie damit aufhören.

    Sean Rickard, Chefökonom des Bauerverbands NFU

    Arbeitskräftemangel wird größer

    Nach dem Brexit haben etwa 330.000 Arbeiter aus der EU dem Land den Rücken gekehrt. So das Ergebnis einer gerade veröffentlichten Studie der Londoner Denkfabrik Centre for European Reform. Hauptbetroffen ist die Landwirtschaft. Die Visaprogramme der Regierung seien zudem nicht ausreichend, um den Ausfall zu kompensieren, heißt es in der Studie.
    Dass diese Lücke weiter größer werden dürfte, davon ist auch Erunas überzeugt. Der Litauer ist Traktorfahrer auf Mark Bowyers Hof. Immer mehr Erntehelfer fänden besser bezahlte Jobs in anderen EU-Ländern, erzählt er. Ohne bürokratische Hürden. Das Reisen dorthin sei nicht so anstrengend. Und das Pfund ist viel schwächer geworden, was bedeute, dass sie immer weniger Geld in Euros für die gleiche Arbeit bekämen. Erunas Fazit: "Es werden immer weniger von uns, es wird nicht besser."

    Minderwertige Ware ersetzt langsam britische Agrar-Produkte

    Das größte gebrochene Versprechen allerdings seien die neuen Handelsverträge, die britischen Farmern neue Absatzmärkte bescheren sollen, erklärt Ökonom Rickard. "Die Regierung behandelt uns wie Idioten." Sie wisse, dass London nur mit Ländern Verträge abschließen könne, die über riesige Agrarmärkte verfügen. Die viel billiger produzierten und denen britische Landwirte preislich nichts entgegensetzen könnten. Langfristig billigeres Essen sei das Ziel. Das allerdings erreicht nur werde, da außerhalb Europas nicht die gleichen, hohen Standards bei der Produktion gelten.
    Minderwertige Ware würde heimische Produkte langsam, aber sicher ersetzen. Dazu führten vor allem die Handelsverträge mit Australien und Neuseeland, erklärt Rickard weiter. Selbst der an den Verhandlungen beteiligte britische Agrarminister hatte nach seiner Entlassung erklärt, dass die Verträge der britischen Landwirtschaft schwer schaden würden.

    Während die Konjunkturprognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) für 2023 in großen Teilen der Welt Erleichterung ausgelöst hat, herrscht im Vereinigten Königreich Katerstimmung. Die Kernaussagen der IWF-Experten:
    • Anders als in vielen anderen Teilen der Welt wird die britische Wirtschaft in diesem Jahr nicht wachsen, sondern um 0,6 Prozent schrumpfen.
    • Großbritannien bildet das Schlusslicht in der Konjunkturprognose für die G7-Staaten 2023 und schneidet selbst schlechter ab als das wegen seines Angriffskriegs gegen die Ukraine mit Sanktionen belegte Russland.
    • Hintergrund für die düsteren Aussichten seien die Steuerpolitik der Regierung, die straffere Geldpolitik der Zentralbank und noch immer hohe Energiepreise, die den Geldbeutel der Haushalte belasteten

    Experten zufolge sind es in nicht unerheblichem Maße Brexit-Folgen, die der Konjunktur zu schaffen machen. Unter anderem sei der Mangel an Arbeitskräften auf den Brexit zurückzuführen, der die Einwanderung aus der EU erheblich erschwert hat.

    Quelle: dpa

    Rückkehr in den EU-Binnenmarkt als letzte Rettung?

    Drei Jahre Brexit bedeute nur gebrochene Versprechen, so der Tenor bei den Funktionären. Man sei verraten und verkauft worden. "Wir sind auf dem Altar des Brexits geschlachtet worden", so Sean Rickard.

    In fünf bis zehn Jahren wieder zurück in den EU-Binnenmarkt kommen, das könnte die einzige Chance auf Rettung sein.

    Sean Rickard, Chefökonom des Bauerverbands NFU

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