Im Fadenkreuz der Mullahs: Demonstranten als Zielscheibe

    Im Fadenkreuz der Mullahs:Iranische Demonstranten als Zielscheibe

    Kamran Safiarian
    von Kamran Safiarian
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    Erfan und Milad haben im Iran gegen das Mullah-Regime demonstriert. Sicherheitskräfte schossen ihnen direkt in die Augen. Jetzt hoffen sie auf politisches Asyl in Deutschland.

    Als wir Erfan im Haus der Kulturen in Mainz treffen, sieht man bis auf sein Augenpflaster kaum, dass noch sieben Kugeln in seinem Körper stecken. Kaum etwas deutet darauf hin, dass er nur knapp dem Tod entkommen ist. Er stammt aus der iranischen Stadt Bandar Abbas am Persischen Golf. Nach dem Studium der Buchhaltung hat er sich dort ein Geschäft für In- und Export aufgebaut.
    Es ist der November 2022, wenige Wochen nach Beginn der Proteste im Iran, als er mit Freunden gegen das Regime auf die Straße geht. Dann fallen Schüsse. Erfan wird gezielt in die Augen geschossen - mit Schrotkugeln.

    Kugeln stecken noch im Körper

    Bis heute stecken Kugeln in seinem Körper, erzählt er uns.

    Ich wurde von fünfundzwanzig Schrotkugeln getroffen, sieben davon stecken noch in meinem Körper.

    Erfan, Geflüchteter aus dem Iran

    Erfan berichtet, wo er überall getroffen wurde: "In einem Auge, im Kiefer, in der Hand, in der Brust und im Hals." Doch der Horror ist für Erfan noch lange nicht vorbei. Unmittelbar nach dem Anschlag wird er zwar notdürftig versorgt, doch die iranischen Revolutionsgarden jagen ihn. Erfan kann nicht in ein Krankenhaus, denn die Revolutionsgarden haben Spitälern die Versorgung von verletzten Demonstranten untersagt. So muss Erfan auf eine Privatklinik ausweichen. Doch auch hier ist er nicht sicher.
    Mehrfach muss er aus Kliniken vor einer drohenden Festnahme fliehen. "Sie sagten, sie könnten mich nur lokal betäuben, denn ich müsste bei Gefahr fliehen können." Erfan wird dann von einem Arzt versorgt, der Verletzte in einem geschlossenen Krankenhaus betreut.

    Es waren unbeschreibliche Szenen. Überall lagen junge Menschen mit Schusswunden in den Augen herum.

    Erfan, Geflüchteter aus dem Iran

    Flucht vor den Revolutionsgarden

    Als er in seiner Heimatstadt Bandar Abbas aufgrund seines Augenpflasters von den Sicherheitskräften wiedererkannt wird, entkommt er einer Verhaftung nur knapp und beschließt, den Iran zu verlassen. Er besorgt sich für viel Geld ein Visum nach Italien, später kommt er nach Deutschland
    Heute wohnt er in einem Flüchtlingsheim und wird medizinisch von den Maltesern in Mainz betreut. Noch bis heute, Monate später, hat Erfan Schmerzen. Die Kugeln lassen sich nicht so leicht herausoperieren, haben ihm die Ärzte hier gesagt. Denn bei einer Operation droht ihm, die verbleibende Sehkraft zu verlieren.

    Erfan fühlt sich in Deutschland sicher, doch er weiß, dass die Sicherheitskräfte ihn auch hier auf dem Radar haben. Eines Tages bekam ich einen Anruf. Jemand sagte:

    Ist das Wetter in Deutschland schön? Wir kommen und schießen dir auch in das andere Auge.

    Erfan, Geflüchteter aus dem Iran

    Auch seine Familie im Iran, das weiß Erfan, ist im Visier der Sicherheitsbehörden.

    Mehrere Schrotkugeln treffen Milad aus Karaj

    Erfan ist kein Einzelfall. Auch Milad hat in Karaj bei Teheran demonstriert - und wurde durch Schüsse in die Augen schwer verletzt. Milad hatte Glück im Unglück, erzählt er uns. "Ich konnte gerade noch meine Hand heben. Von den Schrotkugeln trafen viele meine Hand und meinen Körper, nur wenige mein Auge, sonst wäre es ganz geplatzt." Für Milad ist die Strategie hinter diesem Vorgehen klar:

    Blind zu werden, erzeugt große Angst. Das Regime will die Menschen einschüchtern.

    Milad, Geflüchteter aus dem Iran

    Auch deswegen, glaubt Milad, seien die Proteste abgeebbt - denn das Regime schürt weiter Angst. Zuletzt wurden drei Männer hingerichtet. Unter Folter sollen sie zugegeben haben, bei einer Demonstration in Isfahan Sicherheitskräfte getötet zu haben. Überprüfen lässt sich das nicht.

    Exekutionswelle schürt Angst

    Ali Fathollah-Nejad, Iran-Experte beim Center for Middle East and Global Order in Berlin, glaubt, dass das Regime in Teheran durch die Exekutionswelle die Menschen nicht nur abschrecken, sondern auch all jene bestrafen will, die gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Erfan und Milad sind durch ihre Flucht einer möglichen Todesstrafe zuvorgekommen. Jetzt haben sie in Deutschland politisches Asyl beantragt. Doch langfristig wollen beide zurück, sagen sie.

    Ich bin jetzt hier, weil sie mich in Iran verhaften und umbringen wollten.

    Erfan, Geflüchteter aus dem Iran

    Erfan betont: "Mein Ziel ist es, den Iran zu befreien. Ich will die Stimme meines Volkes sein. Damit unsere Revolution erfolgreich wird. Wenn der Iran befreit ist, werde ich auf jeden Fall in meine Heimat zurückkehren."
    Erfan und Milad - zwei mutige Regimegegner, die ihr Leben riskiert haben. Und die wollen, dass das Schicksal der Menschen im Iran weltweit nicht in Vergessenheit gerät.
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