Kopftuch: Irans Führung greift härter durch

    Widerstand der Frauen:Kopftuch: Irans Führung greift härter durch

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    Immer mehr Frauen im Iran gehen ohne Kopftuch aus dem Haus. Der Verzicht auf die vorgeschriebene Kopfbedeckung ist zum Widerstandssymbol geworden. Die Behörden erhöhen den Druck.

    Frauen mit Kopftücher in Iran, aufgenommen am 03.01.2018 in Teheran (Iran)
    Iran überwacht Kopftuchpflicht nun mit Videokameras. (Archivfoto)
    Quelle: dpa

    Riesige Plakate in Teheran verkünden es groß: Frauen sollten zu Ehren ihrer Mütter Kopftuch tragen. Doch vielleicht zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution 1979 entscheiden sich immer mehr Frauen dagegen. Das stellt eine neue Herausforderung für die religiösen Führer des Landes dar. Der offene Widerstand der Frauen legt Spaltungen im Iran offen, die jahrzehntelang verborgen geblieben waren.
    Die Behörden drohten mit juristischen Schritten, Polizei und Freiwillige ermahnten Frauen in U-Bahnen, Flughäfen und anderen öffentlichen Orten. In Textnachrichten wurden Fahrer davor gewarnt, Frauen ohne Kopftuch in ihren Fahrzeugen zu befördern. Und die Behörden schlossen zeitweise über 2.000 Geschäfte, die Frauen ohne Hidschab bedient hatten.
    [Der offene Widerstand der Frauen entwickelte sich mit monatelangen Protesten nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die von der Sittenpolizei festgenommen worden war, weil sie ihren Hidschab angeblich zu locker trug.]

    Iranische Frauen wehren sich

    Einige Frauen verkündeten jetzt, sie hätten genug: Ungeachtet der Konsequenzen wollten sie für mehr Freiheit im Iran und eine bessere Zukunft für ihre Töchter kämpfen. "Wollen sie alle Läden schließen?", fragt die 23-jährige Teheraner Studentin Scherwin, die ihr Haar nicht bedeckt. "Wenn ich zu einer Polizeistation gehe, werden sie die auch schließen?"
    Jina Mahsa Amini wird wegen ihres Kopftuches in Teheran verhaftet und stirbt. Ihr Tod entfacht eine Protestwelle in Iran. Wo steht das Land heute?20.04.2023 | 29:11 min
    Trotzdem: Aus Furcht vor Repressalien nannten die befragten Frauen nur ihre Vornamen. Die 29-jährige Vida betonte, ihr und ihren Freundinnen gehe es nicht nur um das Kopftuch:

    Es ist eine Botschaft an die Regierung: Lasst uns in Ruhe!

    Vida

    Bevor die Proteste ausbrachen, waren nur selten Frauen ohne Kopftuch zu sehen, auch wenn einige ihren Hidschab gelegentlich auf die Schultern fallen ließen. Heute sind in einigen Gegenden Teherans Frauen ohne Kopftuch alltäglich.
    Für gläubige Musliminnen ist das Kopftuch eigentlich ein Zeichen der Frömmigkeit, im Iran sind der Hidschab und der alles verhüllende schwarze Tschador seit langem auch ein politisches Symbol.
    Kopftuch im Iran: Vom Hidschab-Verbot zur Hidschab-Pflicht:



    Kopftuch-Pflicht: Irans Regierung greift härter durch

    Zunächst vermied die Regierung eine direkte Konfrontation, doch in den vergangenen Wochen setzte sie zunehmend die Macht des Staates ein. Anfang April erklärte Irans Oberster Führer, Ajatollah Ali Chamenei, dass "das Abnehmen des Hidschab weder islamisch noch politisch zulässig" sei. Chamenei behauptete, Frauen ohne Hidschab seien manipuliert:

    Sie sind sich nicht bewusst, wer hinter dieser Politik des Ablegens und Bekämpfens des Hidschab steht.

    Ajatollah Ali Chamenei, Irans Oberster Führer

    "Spione und Spionagedienste des Feindes verfolgen diese Angelegenheit. Wenn sie darüber Bescheid wissen, werden sie sich bestimmt nicht daran beteiligen."
    Die Frauenrechtlerin Masih Alinejad organisiert und engagiert sich wie viele andere im Exil. 13.02.2023 | 9:50 min

    Kleriker fordern Einsatz von Soldaten

    Einige Kleriker forderten nun den Einsatz von Soldaten und der paramilitärischen Revolutionsgarden, um das Hidschab-Gesetz durchzusetzen. Berichten der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Fars zufolge beschlagnahmten die Garden in der Nähe der Insel Hormus ein iranisches Fischerboot mit Frauen an Bord, die keinen Hidschab trugen.
    Der Polizei zufolge sollen Überwachungskameras mit "künstlicher Intelligenz" Frauen ohne Hidschab aufspüren. Nach einem von den iranischen Medien verbreiteten Video sollen die Aufnahmen der Kameras mit Ausweis-Fotos abgeglichen werden - wobei unklar ist, ob ein solches System derzeit funktioniert.

    Proteste: Es geht um mehr als ums Kopftuch

    Auch für die 33-jährige Sorajja ist klar: Es geht nicht mehr nur ums Kopftuch:

    Ich möchte nicht, dass meine Tochter demselben ideologischen Druck ausgesetzt ist, den ich und meine Generation erlebt haben.

    Sorajja

    Während sie ihre siebenjährige Tochter in einer Grundschule im Zentrum Teherans absetzt, sagt sie: "Es geht um eine bessere Zukunft für meine Tochter."
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    :Iran

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    Quelle: AP

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