VW-Chef: "Beherzt reagieren" für Standort

    Interview

    Wettbewerbsfähigkeit:VW-Chef: "Beherzt reagieren" für Standort

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    Mehr Elektromodelle, instabile Lieferketten und Inflation: Um wettbewerbsfähig bleiben zu können, fordert VW-Chef Oliver Blume im ZDFheute-Interview mehr Förderung.

    Oliver Blume, aufgenommen am 28.06.2023
    VW- und Porsche-Chef: Oliver Blume (Archiv)
    Quelle: AFP

    In diesen Tagen präsentieren Porsche und Volkswagen ihre Ergebnisse des ersten Halbjahres 2023. Ihr Chef Oliver Blume zeigt sich zufrieden. Doch um wettbewerbsfähig bleiben zu können, fordert er mehr Förderung für die Autoindustrie. Wie soll die aussehen?
    ZDFheute: Herr Blume, zuletzt war die Autoindustrie bemüht, Auftragsrückstände abzuarbeiten, die durch unterbrochene Lieferketten entstanden waren, Stichwort Halbleiter-Mangel. Dies scheint nun immer besser zu gelingen. Aber: Wie sieht es mit Folgeaufträgen aus?
    Oliver Blume: Die Märkte verändern sich von einem Engpass-Markt der Versorgung in einen stark nachfrageorientierten Markt. Und nebenbei haben wir es natürlich dann auch weiterhin mit Lieferketten-Problemen zu tun, mit inflationären Effekten, wodurch die Kosten steigen. Das macht sich natürlich auch bei den Verbrauchern bemerkbar. Moment profitieren wir noch stark von sehr großen Auftragseingängen und insofern blicken wir für dieses Jahr recht zuversichtlich nach vorne.

    ... ist seit Dezember 2022 der einzige Manager, der zwei DAX-Unternehmen leitet: die Porsche AG und die Volkswagen AG. 2013 wurde Blume Vorstandsmitglied bei Porsche, zwei Jahre später rückte er an die Vorstandsspitze. Den Vorsitz des Volkswagen-Vorstandes übernahm er 2022 nachdem Herbert Diess zurückgetreten war. Der 55-Jährige ist aus Braunschweig, wo er an der Technischen Universität Maschinenbau studierte und promovierte.

    ZDFheute: Sie sagen, die Marktsituation verändert sich. Wie wirkt sich das auf den Wirtschaftsstrandort Deutschland aus?
    Blume: Deutschland ist unser Heimatstandort. Die Vielzahl unserer Menschen arbeitet hier in Deutschland. Der große Teil unserer Fahrzeuge wird hier in Deutschland produziert, und insofern nehmen wir auch große Investitionen hier in Deutschland in die Hand, gerade wenn es in Richtung Elektromobilität geht. Im Volkswagen-Konzern haben wir uns für eine Batteriefabrik in Salzgitter entschieden. Wir haben bei Porsche für eine Batterieentwicklung und Batteriefabrik in Deutschland entschieden.

    Es ist aber auch wichtig, Deutschland mit einer Industrie fördernden Politik weiterhin wettbewerbsfähig im weltweiten Wettbewerb zu halten.

    Oliver Blume

     ZDFheute: Welche Art der fördernden Politik stellen Sie sich vor?
    Blume: Technologie und Industrie haben Deutschland stark gemacht in den letzten Jahrzehnten. Daher rührt unser Wohlstand, daher kommen starke Steuereinnahmen. Dadurch sind wir in der Lage, ein gutes Sozialsystem in Deutschland anzubieten. Und deshalb ist es auch in Zukunft wichtig, dass wir auf Technologien und auf Industrien setzen. Wir sehen aktuell in anderen Weltregionen, wie dort vorgegangen wird, wo dort die Wettbewerbsfähigkeit erhöht wird, beispielsweise in Nordamerika. Mit Tax Credits wird dort gearbeitet, Energiepreise spielen eine große Rolle, wo wir aktuell in Deutschland nicht wettbewerbsfähig sind. Und auch die Genehmigungsverfahren erleben wir in Nordamerika aktuell als sehr unbürokratisch.

    USA und Kanada bieten Steuernachlässen für Industrie-Neuansiedlungen. Dahinter steckt der Gedanke, dass Teile der Steuermehreinnahmen, die die Region aus der neuen Fabrik erzielt, an das Unternehmen zurückgezahlt werden. Diese Art der Subventionierung kann den Wettbewerb zwischen Regionen um möglichst geringe Steuersätze oder möglichst hohe Tax Credits befeuern.

    ZDFheute: Sind andere Weltregionen Vorbilder?
    Blume: Ich denke, wir können uns auch in anderen Regionen auf der Welt etwas abschauen. Aber wir haben auch viele Stärken bei uns in Europa. Wir haben ein tolles Ausbildungssystem, wir haben tolle Hochschulen, wir haben einen sehr starken Mittelstand, wir haben sehr motivierte Menschen, und insofern werden wir uns auf der Welt mal umschauen, welche Instrumente funktionieren. Da bin ich auch fest davon überzeugt, dass es gelingen wird, Deutschland wettbewerbsfähig aufzustellen. Das ist aber jetzt notwendig, beherzt zu agieren, dass wir auch in den nächsten Jahrzehnten weiterhin so erfolgreich fahren und auf Technologie und Industrie setzen können.
    ZDFheute: Welche Rolle kann beim Thema Energiepreise der Industriestrom spielen?
    Blume: Energiepreise spielen eine große Rolle, gerade wenn wir uns Batteriefabriken anschauen. Bei einer 20-Gigawattstunden-Fabrik macht ein Cent Unterschied im Energiepreis rund 100 Millionen Euro pro Jahr aus. Und wenn wir uns aktuell die Preise ansehen, die uns in Nordamerika geboten werden oder auch in anderen Weltregionen, da ist Deutschland weit davon entfernt und das ist natürlich wichtig, um einen Business Case für eine Batteriefabrik rechnen zu können.

    Und deshalb wäre es erstrebenswert, auch in diese Preisbereiche zu kommen, die uns in anderen Weltregionen angeboten werden.

    Oliver Blume

    ZDFheute: Herr Blume, wir danken Ihnen für das Gespräch.
    Das Interview führte Andreas Linke, Reporter im ZDF-Landesstudio Stuttgart.
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