Was Cycle Breaker anders machen als ihre Eltern

    Wie der Vater, so nicht der Sohn:Wie Cycle Breaker zu anderen Eltern werden

    von Nadine Berger
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    Menschen wiederholen, was sie von ihren Eltern kennen: Perfektionismus, Vernachlässigung oder sogar Gewalt. Wie man es schafft, bei den eigenen Kindern anders zu handeln.

    Symbolbild: Großvater, Vater und Sohn
    Wie der Vater, so der Sohn? Verhaltensmuster in der Familie wiederholen sich oft über Generationen hinweg. (Symbolbild)
    Quelle: iStock/KatarzynaBialasiewicz

    Mark ist vor zwei Jahren Vater geworden. Doch in dieser neuen Rolle ist er unglücklich - und glaubt, dass er nicht mehr lange mit seiner Familie zusammenleben wird. Diese Geschichte erzählt die Psychologin Philippa Perry in ihrem Bestseller "Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen". Sie fragt Mark, wie seine eigene Kindheit war. Völlig normal, antwortet dieser. Sein Vater habe die Familie verlassen, als er drei war. Wie es ihm damit ging? Daran könne er sich nicht erinnern, sagt Mark.
    Perry konfrontiert Mark mit ihrer Theorie, dass er sich womöglich nicht daran erinnert, weil das zu schmerzhaft sei. Vielleicht sei es für ihn schwieriger, sich seinen Gefühlen zu stellen, als wie sein Vater die Familie zu verlassen?

    Anders handeln als die Eltern

    Den Kreislauf von Verhaltensmustern in der Familie zu durchbrechen - in Sozialen Medien wird unter dem Stichwort Cycle Breaking darüber diskutiert. Menschen entscheiden sich aktiv dazu, mit negativen Verhaltensweisen zu brechen, die sie von ihren Eltern kennen: mit hohem Druck durch perfektionistische Eltern, mit emotionaler Vernachlässigung, mit Alkoholismus, mit psychischer oder körperlicher Misshandlung.
    Distanzierte Mutter - distanzierte Tochter: Die Grafik zeigt, dass sich viele Verhaltensmuster von Generation zu Generation wiederholen. Cycle Breaker brechen aus diesem Kreislauf aus.

    Cycle Breaking als Form der Resilienz

    In der Psychologie zählt Cycle Breaking zu der Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu überstehen, erklärt die Psychologin Christina Hunger-Schoppe, Leiterin Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke: "Wie schaffen es Menschen, die Misshandlung und zum Teil wirklich schlimme sexualisierte Gewalt in Familien erlebt haben, das nicht an ihre Kinder weiterzugeben - obwohl sie das als wichtiges Beziehungs- und Bindungsmuster erlebt haben, wo Liebe über Schmerzen weitergegeben wird?"
    Studien zeigen: Wer in der Kindheit körperliche oder psychische Gewalt von den Eltern erfährt, hat ein höheres Risiko, den eigenen Kindern gegenüber auch gewalttätig zu werden. Aber Menschen schaffen es immer wieder, aus diesem Zyklus auszubrechen.

    Den negativen Kreislauf durchbrechen

    Dafür muss man zuerst die Familienmuster erkennen. "Der Vergleich mit anderen Familien kann dabei helfen", sagt die Psychologin Hunger-Schoppe. Der nächste Schritt ist zu verstehen, warum die Eltern auf eine bestimmte Art und Weise gehandelt haben - und wie sich dies auf das eigene Verhalten auswirkt. Danach können Wunden heilen und man kann das eigene Verhalten ändern. Eine Psychotherapie kann dabei helfen. 
    Doch oft sei das Durchbrechen des familiären Kreislaufs keine bewusste Entscheidung, sagt Hunger-Schoppe: Erst im Nachhinein werde der Person bewusst, dass sie anders als ihre Eltern gehandelt habe. Dabei spielen Bildung und ein guter sozialer Anschluss eine Rolle. So kommen Eltern mit alternativen Erziehungsmodellen in Berührung und können ihr eigenes Verhalten besser hinterfragen. Gesunde Partnerschaften unterstützen zudem die emotionale Stabilität und somit den Umgang mit den Kindern.

    Wie Eltern auf Cycle Breaker reagieren können

    Es sei höchst individuell, wie die Herkunftsfamilie damit umgeht, wenn Familienmitglieder anders als gewohnt handeln, sagt Hunger-Schoppe. Die Eltern könnten Verständnis zeigen und erleichtert darüber sein, dass sich schädliche Muster nicht wiederholen. Doch die veränderte Familiendynamik könne ebenso zu Konflikten führen.
    "Manche müssen den Kontakt mit der Herkunftsfamilie abbrechen, weil es sie zu viel Kraft und Energie kostet", sagt Hunger-Schoppe. Doch auch das sei ein Kraftakt. "Denn gleichzeitig vermissen sie ihre Eltern. Vielleicht hätten sie sie gerne bei einer Feier dabei - bei der Hochzeit oder wenn sie Kinder kriegen."
    Warum Frauen und Kinder noch immer nicht gut genug vor Gewalt geschützt sind. 08.03.2023 | 12:34 min
    Studien zeigen: Die Kinder von Cycle Breakern haben kein höheres Risiko mehr, psychisch zu erkranken, verglichen mit Kindern, deren Eltern nicht misshandelt wurden. Darum ist es laut Hunger-Schoppe auf jeden Fall gut, schädliche Familienmuster zu durchbrechen: "Sowohl für die psychische Gesundheit der Kinder als auch für die eigene."

    Die Vergangenheit verarbeiten

    Mark konnte dank Psychotherapie seine Gefühle gegenüber seinem Vater, der ihn im Stich gelassen hatte, verarbeiten. Und so über den Gedanken hinwegkommen, "dass ich einfach nicht dazu geschaffen sei, in dieser Beziehung zu leben oder Vater zu sein". Er fühle sich jetzt auch seinem Sohn wieder näher und hoffe, dass dieser dadurch "Liebe geben kann, wenn er älter ist, sodass er sich wertvoll fühlt".

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