Opfer des Ukrainekrieg: Die Frauen der Gefallenen

    Die Opfer des Krieges:Ukraine: Die Frauen der Gefallenen

    ZDF-Reporter Timm Kröger in Kiew / Ukraine
    von Timm Kröger
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    Sie haben ihre Ehemänner im Krieg verloren, die Trauer sitzt tief. Doch die sechs Frauen im ukrainischen Saporischschja kämpfen sich zurück ins Leben.

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    Wenn Aljona Prokopenko die Promenade am Dnipro-Fluss im ukrainischen Saporischschja entlangläuft, dann werden Erinnerungen wach. Hier hat sie vor sechs Jahren die Liebe ihres Lebens kennen gelernt: Ilja. Sie war mit ein paar Freundinnen unterwegs, er mit seinen Jungs. Nach einigen Monaten waren sie ein Paar, heirateten, hatten ein ganzes, gemeinsames Leben vor sich.
    Als die russische Offensive gegen das gesamte Land begann, meldete Ilja sich wieder als Soldat für die ukrainische Armee. Schon 2014 kämpfte er im Donbass. "Ich habe ihn für alles geliebt", sagt Prokopenko.

    Alles an ihm war einfach großartig. Er war ein so wunderbarer, außergewöhnlicher Mensch.

    Aljona Prokopenko, Ehefrau eines Gefallenen

    Projekt zur Trauerbewältigung: "Mein Liebster, ich lebe"

    Im Oktober 2022 wurde ihr Mann Ilja an der Front schwer verwundet. Der 31-Jährige kämpfte fünf Tage im Krankenhaus um sein Leben. Seine 27-jährige Ehefrau war an seiner Seite, so oft sie konnte.
    Als ihr Mann starb, brach ihre Welt zusammen. Aljona wurde klar, dass sie das nicht allein schafft. Eine Freundin half ihr das Projekt "Mein Liebster, ich lebe" auf den Weg zu bringen.
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    Nach einem Aufruf des Stadtrates von Saporischschja meldeten sich weitere Frauen, eine Psychologin stellte die Gruppe zusammen. "Grundsätzlich kann man zwar alles überleben, aber dieser Schmerz ist sehr individuell", sagt Psychologin Wiktorija Geraschtschenko.

    Ich würde es wie einen chronischen Schmerz beschreiben, der bleibt. Denn vergessen kann man das nicht.

    Wiktorija Geraschtschenko, Psychologin

    Die Frauen können erst an der Gruppe teilnehmen, wenn der Verlust ihrer Ehemänner bereits vier Monate her ist, weil sonst die Trauer noch zu tief ist.

    Der Austausch hilft den Trauernden zurück ins Leben

    Die sechs Frauen treffen sich einmal in der Woche, immer an anderen Orten. Sie reden, basteln, schreiben Briefe an ihre gefallenen Männer.
    Aljona Prokopenko hilft das sehr: "Durch die Trauer verlieren wir den Bezug zur Realität; und das hier hilft, diesen Bezug nicht zu verlieren." Sie könne wieder anfangen, sich auf das zu besinnen, was sie früher wollte, als noch alles gut war, sagt sie.
    Auch Iryna Malakhowa ist Teil der Gruppe: Als Russland die Ukraine im Februar 2022 angriff, brachte ihr Mann Witalij Tschujko sie und die gemeinsame Tochter nach Polen in Sicherheit. Er kehrte zurück und meldete sich zur Armee.
    Vor sieben Monaten ist er im Donbass gefallen. Einmal pro Monat geht sie zu seinem Grab, bringt frische Blumen. Für sie ist das jedes Mal emotional sehr aufwühlend.

    Gefühl der Unsicherheit bleibt bei den Hinterbliebenen

    Die Treffen mit den anderen Frauen helfen Iryna Malakhowa gegen die Einsamkeit, sagt die 43-Jährige. Sie geben ihr Kraft, sich um ihre 14-jährige Tochter Elina zu kümmern.
    Aber das Gefühl der Sicherheit kann ihr keiner zurückgeben. "Mit ihm waren wir wie hinter einer Steinmauer", sagt Malakhowa, "Er hat uns immer beschützt. Er hat immer allen geholfen. Er ist immer losgezogen, um alle zu unterstützen."
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    Es ist ein langer Weg zurück in das Leben für die sechs Frauen. Am Anfang jeder Gesprächsrunde erzählen sie sich, wie es ihnen in der Woche ergangen ist. Erste kleine Hoffnungsschimmer bei Iryna Malakhowa: "Diese Woche bin ich vielleicht emotional etwas ruhiger geworden, nicht mehr so ängstlich wie früher."

    Verbundenheit als Stütze auch über Kriegsende hinaus

    Auch bei Aljona Prokopenko geht es bergauf, sagt sie. Aber sie habe sich verändert, sei härter geworden. Sie hätte gerne ein Kind von ihrem Ilja gehabt. Vor allem hat Aljona Angst vor dem Tag, an dem der Krieg vorbei ist. Angst, dass die Erinnerung an ihren 'gefallen Helden' - wie sie ihn nennt, in der Ukraine verblasst.
    All das wird bei Kriegsende aufbrechen, glaubt sie. Aber auch dann wird ihr vielleicht die Verbundenheit mit den anderen Frauen helfen, die sich gegenseitig gestützt haben, in der wohl schwersten Zeit ihres Lebens.



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