Notstand in Sierra Leone: Zahlreiche Tote durch Kush
Zahlreiche Tote in Sierra Leone:Regierung kommt nicht gegen Zombie-Droge an
von Felix Schlagwein und Julian Hilgers
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Immer mehr Menschen in Sierra Leone rauchen Kush, eine synthetische Droge. Die Regierung hat den nationalen Notstand ausgerufen, die Ursache aber bekämpft das nicht.
Immer mehr Menschen aus Sierra Leone sind abhängig von der Droge Kush. Woraus sie besteht, weiß keiner so genau - Grundlage des Gemisches ist aber immer Cannabis.
Quelle: Felix Schlagwein
Nur wenige Meter hinter einer großen Polizeistation im Osten von Sierra Leones Hauptstadt Freetown leben sie, zu Dutzenden an einem verdreckten Fluss. Einige stehen nach vorne gekrümmt, eingefroren wie Zombies. Andere nehmen ein paar Züge der dünnen Zigaretten, blasen den Rauch aus und fallen dann sitzend mit geschlossenen Augen zur Seite.
Auf engstem Raum leben die meist jungen Männer hier, zwischen Bergen aus Plastikmüll, ohne Toilette, ohne Trinkwasser. Ibrahim ist einer von ihnen. Seit fünf Jahren raucht er Kush. "Wenn ich gewusst hätte, wie diese Droge mich manipuliert, hätte ich nicht damit angefangen", sagt er.
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Kush: Droge breitet sich aus
Kush hat Sierra Leone rasend schnell erobert und breitet sich zunehmend auch in den Nachbarländern aus. Woraus die Droge genau besteht, weiß kaum jemand. Grundlage ist immer Cannabis, dem allerdings meist Opioide wie Fentanyl beigemischt werden, außerdem hochgiftige Lösungsmittel wie Aceton. Die Mischung ist für viele Konsumenten tödlich. Genaue Zahlen über Todesopfer gibt es nicht.
Alle zwei, drei Tage stirbt einer dieser Jugendlichen in unserem Viertel an Kush.
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Saidu Bah, Gründer einer Hilfsorganisation für die Abhängigen
Saidu Bah hatte eine Hilfsorganisation für die Abhängigen am Fluss gegründet, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen - bis fast alle seiner Mitarbeiter selbst der Droge verfielen und er aufgeben musste. "Wir haben unser Bestes gegeben, aber es werden jeden Tag mehr", sagt Bah.
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Regierung in Sierra Leone bekämpft nur die Symptome
Anfang April hat Sierra Leones Regierung auf Druck internationaler Berichterstattung hin den nationalen Notstand ausgerufen und Kush den Kampf angesagt. Präsident Julius Maada Bio sprach von einer "existenziellen Krise" für sein Land. Neben mehr Prävention und besserer gesundheitlicher Versorgung für Suchtkranke versprach er, hart gegen die Dealer vorzugehen.
Seitdem sei "viel passiert", sagt Foday Sahr, Direktor der Nationalen Gesundheitsbehörde. Das Wort "erfolgreich" scheint er in Bezug auf die Maßnahmen allerdings nicht benutzen zu wollen. Nur so viel: "Wir sind auf dem richtigen Weg", so Sahr.
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Inflation und Korruption: Wirtschaftslage schwierig
Doch die Wurzel des Problems geht die Regierung kaum an. Die wirtschaftliche Lage im Land verschlechtert sich seit Jahren: Inflation und Preise für Lebensmittel sind auf einem Rekordhoch. Es gibt kaum Jobs, Korruption ist allgegenwärtig.
Viele junge Menschen sähen in Kush deshalb den einzigen Ausweg aus der hoffnungslosen Situation, in der sie stecken, sagt Saidu Bah. Kush hat eine stark sedierende Wirkung. Die Hoffnung vieler Konsumenten: dem Alltag entfliehen.
Viel zu wenig Platz für immer mehr Patienten
Einer der wenigen Orte, an dem Abhängige Hilfe bekommen können, ist das psychiatrische Krankenhaus im Osten von Freetown. 90 Prozent seiner Patienten seien Kush-Abhängige, sagt Leiter Abdul Jalloh. "Die Last auf unseren Schultern ist überwältigend. Allein seit Anfang 2024 hatten wir hier über 1.000 Kush-Patienten." Genaue Zahlen zu Kush-Abhängigen in Sierra Leone gibt es nicht, aber es dürften Zehntausende sein - etwa der Präsident spricht von dieser Größenordnung.
Therapie gegen Drogensucht setzt auf Sport
Neben der Isolierung von der Außenwelt und medizinischer Behandlung sei Sport ein zentraler Faktor in der Therapie, sagt Psychiater Jalloh. Im Hinterhof des Krankenhauses spielen Kush-Abhängige Fußball. Vom Spielfeldrand dröhnt laute Musik, Krankenschwestern feuern ihre Patienten an.
Abdul Jalloh: Direktor des psychiatrischen Krankenhauses in Freetown.
Quelle: Felix Schlagwein
"Jetzt geht es mir gut", sagt Sheik, schweißgebadet nach dem Spiel. Er habe keine Entzugserscheinungen mehr, so der 23-Jährige. "Zwei Wochen muss ich noch bleiben, dann will ich wieder in meinem Laden arbeiten", erzählt er. So wie Sheik wollen viele hier nach dem Entzug ein neues Leben beginnen. Psychiater Jalloh aber ist pessimistisch. Viele seiner Patienten würden rückfällig und stünden nach kurzer Zeit wieder vor der Tür.
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Quelle: dpa
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