Militärexperte: Ukraine Angriffe auf russische Ziele erlauben
Militärexperte zur Flugabwehr:Ukraine-Hilfe: Westen agiert "nicht sinnvoll"
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Die Ukraine wird immer wieder von russischen Raketen getroffen - besonders verheerend waren nun die Angriffe auf Poltawa. Wie kann sich das Land gegen solche Schläge wehren?
Bei einem russischen Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Poltawa sind laut ukrainischen Angaben über 40 Menschen getötet worden. ZDFheute live ordnet die Lage ein.03.09.2024 | 24:27 min
Russland terrorisiert die Ukraine weiter mit Raketenangriffen. Am Dienstag sind bei einem Angriff in Poltawa zahlreiche Menschen getötet worden: Die Raketen schlugen auf dem Gelände einer Hochschule und eines nahegelegenen Krankenhauses ein. Bei der Hochschule handelt es sich um das Militärische Institut für Kommunikation.
ZDF-Reporter Henner Hebestreit berichtet aus der Ukraine: "Nach unseren Informationen ist es ein Campus: Die Schule und das Krankenhaus befinden sich offenbar auf dem gleichen Gelände." Es sei deshalb nicht auszuschließen, dass es "gezielte Angriffe auf Militär-Einrichtungen waren". Der Angriff gilt als einer der schlimmsten seit Kriegsbeginn.
Doch was war genau das Ziel der Angriffe? "Das waren die Menschen in diesem Institut", ist sich Militärexperte Nico Lange im Gespräch mit ZDFheute live sicher. "Russland wollte diese Menschen umbringen und hat es mit einer ballistischen Rakete gemacht." Das Gebäude sei vermutlich für Ausbildungszwecke genutzt worden.
Quelle: Tobias Koch
... arbeitet für die Zeitenwende-Initiative bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Von 2004 bis 2006 forschte und lehrte er in St. Petersburg. Später leitete er die Auslandsbüros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in der Ukraine und in den USA. Von 2019 bis 2022 war er Leiter des Leitungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung.
Militärexperte: Westen liefert Ukraine zu wenig Luftverteidigungssysteme
"Man kann einerseits sagen, das ist Alltag des Krieges leider", sagt Lange.
Und anderseits kann man sagen, die westlichen Partner der Ukraine reden jetzt schon seit Monaten von Luftverteidigung und dass sie Systeme liefern wollen und das ist noch nicht in ausreichendem Maße geschehen.
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Nico Lange, Militärexperte
Dadurch können Russland "weiterhin die schrecklichen Angriffe verüben". Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert in diesem Zusammenhang immer wieder, Kiew müsse auch Ziele in Russland mit westlichen Waffen angreifen dürfen, um die für den Abschuss der Raketen nötige Infrastruktur zu zerstören. Für Lange eine nachvollziehbare Forderung:
Jeder, der logisch denken kann, wird es ja nachvollziehbar finden, dass es sinnvoll ist, die Abschussrampen für ballistische Raketen zu bekämpfen und sich nicht einzubilden, man kann Luftverteidigung so aufbauen, dass man jede Rakete, die von diesen Abschussrampen aus abgeschossen wird, abfangen kann.
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Nico Lange, Militärexperte
Doch für Angriffe auf die Abschussrampen gebe es keine Erlaubnis des Westens. "Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass die westlichen Partner der Ukraine nicht die Instrumente geben, diese Abschussrampen auszuschalten und auch nicht die Genehmigung geben, selbst wenn die Ukraine solche Waffen von uns erhalten hat. Das ist eben militärisch nicht sinnvoll, aber ökonomisch auch nicht."
Bei einem russischen Angriff in der ukrainischen Region Poltawa sind dutzende Menschen getötet worden.03.09.2024 | 0:17 min
Liefern USA und Deutschland weitere Flugabwehrsysteme?
Die USA stehen laut der Nachrichtenagentur Reuters kurz vor einer Vereinbarung über die Lieferung von Marschflugkörpern mit großer Reichweite an die Ukraine, die tief ins Innere Russlands gelangen könnten. Allerdings müsse die Regierung in Kiew noch mehrere Monate auf die Raketen warten, da die USA vor einer möglichen Lieferung noch technische Probleme lösen müssten, teilten mehrere US-Insider mit.
Aus Sicherheitskreisen in Berlin ist wiederum zu hören, dass die Bundesregierung der Ukraine weitere sechs Flugabwehrsysteme von Typ IRIS-T SLM zur Verfügung stellen will. "Wir reagieren als Partner, angeführt von den USA, aber dann auch Deutschland immer zu spät", meint Lange.
Die entscheidende Frage ist doch: Ist es uns gelungen, die Energieinfrastrukturen in der Ukraine zu schützen? Und die Antwort lautet Nein.
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Nico Lange, Militärexperte
Eine weitere entscheidende Frage sei auch, ob es dem Westen gelungen sei, die Luftverteidigung in der Ukraine zu verbessern:
Ja, die Ukraine kann viele Dinge abfangen, aber es kommen eben auch viele Raketen durch, so wie heute in Poltawa.
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Nico Lange, Militärexperte
Das deutsche Vorgehen in dieser Angelegenheit sei für Lange "in der Langsamkeit und in der Behäbigkeit immer noch rätselhaft".
Das Ende der Sommerferien. In der Ukraine geht die Schule nun zum 3. Mal während der Kriegszeit los. Wie es mit den Kindern in dieser Zeit weitergeht.02.09.2024 | 1:49 min
Lange: Russland kann Raketen nachproduzieren
Es sei auch nicht davon ausgehen, dass Russland die Raketen ausgehen würden. "Wenn man sich die Salven der russischen Raketen, Marschflugkörper, Drohnen und so weiter anschaut, dann ist es ja nicht so, dass sie das jeden Tag machen. Russland muss eine ganze Weile produzieren und dann auch Angriffe planen, um so große Angriffe wie zuletzt in Kiew zweimal hintereinander vor wenigen Tagen durchzuführen."
Doch offenbar habe Moskau dafür das Geld und die Möglichkeiten. Es sei daher wichtig zu verhindern, dass Komponenten westlicher Hersteller in den Raketen verbaut werden können. Auch hier müssten sich Kiews Partner hinterfragen:
Warum beschränken wir uns nur auf Luftverteidigung und Hilfe bei Luftverteidigung, wenn wir doch wissen, dass diese Raketen von Schiffen aus gestartet werden, von Abschussrampen, von Luftwaffenbasen, von Bombern aus, die Russland im Moment gar nicht produzieren kann?
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Nico Lange, Militärexperte
"Also würden diese Bomber zerstört werden, hätte Russland nichts mehr, um bestimmte Marschflugkörper auszuliefern", sagt Nico Lange.
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Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.