NHS-Streiks: Das britische Gesundheitssystem am Boden

    NHS-Streiks ausgeweitet:Das britische Gesundheitssystem am Boden

    Andreas Stamm
    von Andreas Stamm
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    Erst zwei Tage hintereinander, bald drei Tage am Stück: Das Personal im britischen Gesundheitsdienst NHS weitet seine Streiks aus. Es wird hässlich - und potenziell tödlich.

    Streiks der Krankenschwestern und Krankenpfleger in Großbritannien
    Mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen: Pflegekräfte des britischen Gesundheitsdienstes NHS im Streik
    Quelle: dpa

    Übersterblichkeit ist einer dieser Fachbegriffe, der während der Hochphase der Corona-Pandemie in aller Munde war. In vielen Ländern sind die Diskussionen darüber mittlerweile abgeebbt. Nicht so im Vereinigten Königreich.
    Die Behörden vermelden für das vergangene Jahr über 20 Prozent mehr Tote als der fünfjährige Durchschnitt - ausgenommen das Corona-Jahr 2020 - erwarten lassen würde. Die Rede ist von 44.000 "Extra-Toten", eine makabere Formulierung.
    Der Brexit und Corona haben das britische Gesundheitssystem stark geschwächt:
    29.11.2022 | 2:18 min

    Schlangen vor Notaufnahmen, stundenlange Wartezeiten

    Die Frage nach dem "Warum" ruft dabei die Königliche Vereinigung der Notärzte auf den Plan. Die erklärt, dass momentan jede Woche 500 Patienten unnötig sterben würden, da die Krankenwagen vor den Notaufnahmen Schlange stehen.
    Es komme zu stundenlangen Wartezeiten vor überfüllten Krankenhäusern. Es brauche bis zu anderthalb Stunden, bis Rettungskräfte nach einem Herzinfarkt eintreffen.
    Diese Zahlen sind alarmierend. Und der Befund ist klar: Der Patient NHS liegt auf der Intensivstation, und alle, die daran herumdoktern, sind ratlos, wie die Krise zu meistern sei. Bei fast sieben Millionen Patienten, die auf eine notwendige Behandlung warten.

    Ein nationales Heiligtum kollabiert

    Der NHS gehört zum Inventar Großbritanniens, die steuerfinanzierte medizinische Versorgung für alle ist Teil des Nationalstolzes. Doch vom Stolz ist an den Streikposten vor dem St. Thomas Hospital in London wenig geblieben - das zeigte der vergangene Streik vom Montag.
    Im Herzen der Hauptstadt standen an diesem kalten Februarmittag rund 70 Streikende. "Der NHS sackt in sich zusammen", erklärte Catherine Mills, seit 25 Jahren Krankenschwester. "Wir sind die größte Beschäftigtengruppe, und viele können von ihrem Gehalt nicht mehr leben", so Mills.

    Wir gehen nach der Arbeit zur Tafel. Und viele Kollegen arbeiten lieber im Supermarkt, verlassen uns, weil da mittlerweile deutlich mehr gezahlt wird.

    Catherine Mills, Krankenschwester

    Egal mit wem man hier sprach, die Wut war spürbar. "Wir dachten in der Pandemie, es kann nicht schlimmer werden. Ist es aber", klagt Mills. Und die Regierung wolle nicht mal mit ihnen verhandeln. Das sei eine Schande, ergänzt sie.
    Am vergangenen Mittwoch hat in Großbritannien der größte Streik seit mehr als einem Jahrzehnt begonnen:

    50.000 Stellen im Pflegebereich nicht besetzt

    Rund 50.000 Stellen im Krankenpflegebereich sind nicht besetzt. Die aktuellen Zustände münden in einen Teufelskreis. Immer weniger interessieren sich für einen Job, immer mehr Pflegepersonal resigniert und kündigt. Was die Arbeitsbelastung und damit die Unzufriedenheit bei den Verbliebenen weiter erhöht.
    Und das alles vor dem Hintergrund, dass die Sparpolitik der vergangenen zehn Jahre und die aktuell explodierende Inflation die Reallöhne haben sinken lassen. Ein Minus von - je nach Berufsgruppe - 10 bis 20 Prozent rechnen Gewerkschaften vor.

    Die Regierung bleibt stur

    Seit dem 15. Dezember, dem ersten Streiktag in der 100-jährigen Geschichte des "Royal College of Nursing", der Vereinigung des Krankenpflegepersonals, werden die Ausstände größer. Doch die Regierung will nur über eine moderate Lohnerhöhung sprechen. Erklärt, alles andere würde die Inflation weiter anheizen.
    Schlechte Bezahlung, wenig Personal: Britische Krankenschwestern und -pfleger im Streik15.12.2022 | 1:54 min
    Eine These, die die meisten Ökonomen kritisch sehen. "Premierminister Sunak muss vor allem Stärke zeigen", erklärt die Wirtschaftsjournalistin Anne McElvoy vom "Economist".

    Er predigt Sparsamkeit angesichts leerer Haushalte und kann da der Forderung nach 19 Prozent mehr Lohn nicht annähernd nachkommen.

    Anne McElvoy, "Economist"

    Und als Premier sitze Rishi Sunak, der eigentlich Ungewollte in seiner Partei, noch immer nicht fest im Sattel. Doch dass seine Regierung sich nicht mal mit der Gewerkschaft an einen Tisch setzen will, verwundert dann doch, erklärt McElvoy. Vor allem, da das Pflegepersonal in der Pandemie von der Politik groß gefeiert wurde und noch immer eine Mehrheit der Bevölkerung hinter deren Forderungen stehe.

    Pflegende "haben nichts zu verlieren"

    Kein Nachgeben auf beiden Seiten. "Wir werden bis zum bitteren Ende streiken", erklärt die Intensivkrankenschwester Kati Harris.

    Wir werden so lange immer wieder hier stehen, bis sich was ändert.

    Kati Harris, Intensivkrankenschwester

    Wenn nicht, breche sowieso alles zusammen. "Wir haben nichts zu verlieren", sagt sie. Ihr St. Thomas Hospital laufe nur noch mit dem guten Willen und der Not der Arbeitnehmer, erklären die Streikenden. Dadurch, dass sie bereit seien, 14-Stunden-Schichten zu übernehmen, damit alle Patienten versorgt sind. Dadurch, dass viele Sieben-Tage-Wochen arbeiten würden, um genug verdienen zu können.
    Um sich aufzuheitern, erzählen sie die Geschichte des Queen-Elizabeth-Krankenhauses in Norfolk. Es muss durch mehr als 1.000 Stelzen gestützt werden, um es vor dem Einsturz zu bewahren. Weil rund zehn Milliarden Euro aus dem NHS-Budget für notwendige Reparaturen in die Akutversorgung umgeleitet werden mussten. Das nennt man Galgenhumor à la NHS.

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