Hilfslieferungen für Syrien: "Assad kann man nicht trauen"

    Hilfslieferungen für Syrien:"Assad kann man nicht trauen"

    von Marcel Burkhardt
    |

    Nach Russlands Nein im UN-Sicherheitsrat erlaubt Syriens Regierung überraschend Hilfslieferungen ins Oppositionsgebiet - doch zu Bedingungen, die viele Menschen dort ängstigen.

    Hilfslieferungen für Syrien
    Hilfslieferungen für Syrien
    Quelle: dpa

    Mitte dieser Woche haben sich in Nordwestsyrien Dutzende Kinder, Frauen und Männer vor den geschlossenen Toren des Grenzübergangs Bab al-Hawa versammelt, um ein Zeichen an die Welt zu senden: "Vergesst uns nicht, liefert uns Diktator Assad nicht aus!"

    Überraschendes Signal aus Damaskus

    Zuvor hatte Russland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) weitere humanitäre Hilfslieferungen über den einzig offiziell erlaubten Grenzübergang zwischen der Türkei und Nordwestsyrien blockiert.
    Arbeiter entladen Säcke voller Hilfsgüter aus einem LKW.
    Die UN-Hilfslieferungen nach Nordsyrien wurden zuletzt eingestellt. Russland hatte im UNO-Sicherheitsrat ein Veto gegen eine Mandatsverlängerung eingelegt.12.07.2023 | 0:22 min
    Wenige Tage später kündigte überraschenderweise die syrische Regierung an, Transporte aus der Türkei in die Rebellengebiete des Bürgerkriegslandes künftig wieder erlauben zu wollen. Dies aber zu Bedingungen, die Vertreter von Hilfsorganisationen für "unzumutbar" halten.

    Assad fordert volle Kontrolle über Hilfslieferungen

    Auf den Punkt gebracht fordert Syriens Regierung die volle Kontrolle über die Hilfslieferungen und damit Entscheidungshoheit darüber, wer Unterstützung bekommt - und wer nicht.
    Gleichzeitig sollen die UN nicht mit Organisationen in den Oppositionsgebieten kommunizieren, die von Damaskus als "terroristisch" eingestuft werden.

    Humanitäre Helferin: UN müssen standhaft bleiben

    Ola Batta, für die Welthungerhilfe verantwortlich für die Koordination der Nordwestsyrien-Hilfe, sagt im Gespräch mit ZDFheute:

    Die Bedingungen der syrischen Regierung sind nicht mit dem Völkerrecht und den humanitären Prinzipien vereinbar.

    Ola Batta, Welthungerhilfe

    Batta fordert, dass Damaskus Garantien gegenüber den Vereinten Nationen abgeben müsse, "dass die Hilfe an alle fließt, die sie benötigen - unabhängig davon, wo sie sich im Nordwesten Syriens befinden".

    Warnung vor Folgen des Kontrollverlusts

    Mehrere internationale Hilfsorganisationen warnen vor der Gefahr von "katastrophalen Folgen" für die 4,1 Millionen Menschen im Nordwesten Syriens.
    UN-Angaben zufolge sind insgesamt mehr als 60 Prozent der in der Region Idlib lebenden Menschen Binnenflüchtlinge, die im Bürgerkrieg ihre Heimat verloren haben. Ohne Lebensmittel- und Trinkwasserlieferungen wären 1,8 Millionen Menschen in kurzer Zeit in Lebensgefahr.
    Zahl der Geflüchteten auf Höchstwert
    Laut UN-Flüchtlingshilfswerk ist die Zahl der Geflüchteten weltweit auf einen Höchstwert gestiegen. Rund 110 Millionen Menschen sind momentan auf der Flucht.14.06.2023 | 0:22 min
    Bereits vor dem katastrophalen Erdbeben im Februar dieses Jahres waren laut UN 90 Prozent der Einwohner Nordwestsyriens auf humanitäre Hilfe angewiesen. Durch Bombardements des syrischen Militärs und seiner Verbündeten ist ein Großteil der medizinischen Infrastruktur vernichtet worden.

    Fortdauernde Gewalt und Misstrauen

    Derweil berichten lokal ansässige Medien von fortdauernden Angriffen des syrischen Militärs auf Oppositionsgebiete und vielen zivilen Opfern. Die syrische Journalistin Sarah Kassim sagt im ZDFheute-Gespräch:

    Diktator Assad kann man nicht trauen, ihm darf man auf keinen Fall die humanitäre Hilfe anvertrauen.

    Sarah Kassim, Journalistin

    Statt sich auf Assads Vorschlag einzulassen, fordern Oppositionelle in Syrien von den Vereinten Nationen eine Neu-Organisation der humanitären Hilfe für Nordwestsyrien. notfalls auch ohne russische Einwilligung im Sicherheitsrat.

    "Furcht, von der Gnade Damaskus' abzuhängen"

    Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten ZDFheute, dass sich viele Menschen in Nordwestsyrien "im Stich gelassen" fühlten. "Ich erhalte in diesen Tagen viele Anrufe von verzweifelten Menschen", sagt etwa Ola Batta. "Sie fürchten sich davor, künftig völlig von der Gnade Damaskus' abzuhängen."
    Versiegen die Hilfslieferungen durch das einzige Nadelöhr Bab al-Hawa, könne es schnell zu einer "humanitären Katastrophe" kommen, so Batta. "Es wäre mit zivilen Unruhen zu rechnen es könnte zu einer Konflikt-Eskalation kommen", schätzt die Hilfskoordinatorin die Lage ein.

    Humanitäre Lage seit Jahren "katastrophal"

    Zudem würde voraussichtlich eine große Anzahl von Menschen versuchen, in die Türkei zu flüchten - über eine Grenze, die sie seit Jahren nur illegal übertreten dürfen. "Die Lage ist einfach katastrophal für zu viele Menschen hier seit viel zu langer Zeit", sagt die syrische Journalistin Kassim.
    Thema

    Mehr zu Syrien