Flucht über Tunesien: Der Traum von einem Leben in Europa

    Flucht über Tunesien:Der Traum von einem Leben in Europa

    von Lukas Nickel
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    Immer mehr Geflüchtete wagen die Flucht aus Tunesien über das Mittelmeer. Auch Boubacar riskiert eher den Tod, als in seine Heimat zurückzugehen.

    Ein geflüchteter junger Mann steht vor dem Mittelmeer und schaut in die Ferne.
    Boubacars erster Versuch, nach Europa zu kommen, ist zwar gescheitert. Aufgeben will er trotzdem nicht.
    Quelle: ZDF/Lukas Nickel

    Mitten in der Nacht hat die tunesische Küstenwache Boubacar und seine Mitgeflüchteten doch noch erwischt. Sie kamen, sagten kein Wort, nahmen ihnen den Motor für das Schlauchboot weg, verschwanden. Einige Stunden später findet ein Fischerboot die Geflüchteten. "Sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich tot", sagt der Malier mit leerem Blick, als wäre es ihm egal.
    Nun ist er wieder in Sfax, einer Küstenstadt in Tunesien. Überprüfen lässt sich die Geschichte nicht. Doch dass die Küstenwache nicht nur Retter in Not sei, sondern mitunter auch die Not herbeiführe, erzählen die Migranten immer wieder.

    Flüchtlingszahlen steigen drastisch

    In Tunesien wächst der politische Druck gegen Geflüchtete. In einer Rede Ende Februar forderte Präsident Saied öffentlich, härter gegen die "Horden" von Menschen, die aus Ländern südlich der Sahara stammen, vorzugehen. Diese würden versuchen, Tunesien in ein "afrikanisches" Land zu verwandeln, so der Präsident. Es kam zu massenhaften Verhaftungen und Angriffen auf Migranten aus Ländern südlich der Sahara. In der Folge fliehen immer mehr von ihnen aus Tunesien über das Mittelmeer und versuchen, Italien zu erreichen.
    Die Zahl der Geflüchteten aus Tunesien nimmt zu: Ein Grund dafür ist der zunehmende autokratische Kurs von Präsident Saied. Der Traum von einem besseren Leben in Europa ist groß.28.04.2023 | 2:36 min
    Dem italienischen Innenministerium zufolge haben seit Beginn des Jahres fast 41.000 Migranten Italien auf Booten erreicht. Im Vorjahreszeitraum waren es 10.000. Laut einem Bericht der EU-Grenzschutzbehörde Frontex hat Tunesien Libyen mittlerweile als Haupttransitland überholt. Mehr als die Hälfte der in Italien ankommenden Geflüchteten kommen aus Tunesien, so der Bericht.

    100 Euro für einen Monat Überleben

    Die meisten Migranten starten in Sfax, so auch Boubacar. Von der Mittelmeerstadt ist die Insel Lampedusa gut 180 Kilometer entfernt. Näher kommt man aus Tunesien nicht an Italien heran. Die Überfahrt hat Boubacar 700 Euro gekostet. Die Migranten legen zusammen und kaufen, was sie für die die Überfahrt benötigen: Weste, Boot, Motor, Benzin.
    Geflüchtete Menschen stehen am Wegesrand.
    Auf dem Markt in Sfax stehen die Subsahara-Afrikaner vor dem Markt, die Händler hingegen sind in der Medina.
    Quelle: ZDF/Lukas Nickel

    Für seinen gescheiterten Fluchtversuch hat Boubacar fast zwei Jahre gespart. Auch wenn er es so schnell wie möglich wieder versuchen möchte, fehlt ihm das Geld dazu. Da er kein Visum besitzt, darf er nicht legal arbeiten. Die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen: Am Rande des großen Marktes von Sfax Waren verkaufen.

    Produkte kommen von einem Großhändler

    Die gedrängten Gassen sind hier auch tagsüber dunkel. Handwerker hämmern an ihren Töpfen und Händler bieten ihr Fleisch und Gemüse feil. Auch im April ist es hier schon fast 30 Grad warm. Die Geflüchteten aus Subsahara-Afrika setzen sich auf den Boden vor die Tore der Medina und schützen sich vor der Sonne unter mitgebrachten Schirmen oder den wenigen Palmen. Die Frauen sind in den leuchtenden Stoffen aus ihrer Heimat gekleidet.
    Die andauernden Migrationsbewegungen erfordern eine "Zeitenwende in der Migrationspolitik", so Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds. Es brauche "langfristige, nachhaltige Strategien".20.04.2023 | 5:15 min
    Boubacar kann sich nicht aussuchen, was er verkauft. Er bekommt es von einem Großhändler zugeteilt. Zwei bis drei Mal in der Woche darf er sich vor den Markt stellen und Kleinigkeiten wie Maggiwürfel oder in Tüten abgepackte Gewürze verkaufen. Wenn so im Monat umgerechnet 100 Euro zusammenkommen, ist das schon gut. Was er den Rest der Zeit mache? "Nichts". Gar nichts?

    Es gibt ja nichts zu tun.

    Boubacar, Flüchtling in Tunesien

    Leichenhalle ist überfüllt

    In den vergangenen Wochen sind in Sfax nach Angaben des tunesischen Justizsprechers über 200 Leichen angespült worden. Solche Funde ereigneten sich in vergangener Zeit immer wieder. In der Leichenhalle des Krankenhauses von Sfax liegen derzeit über 170 Tote, dabei hat das Krankenhaus eigentlich nur 35 Plätze.

    Man muss endlich eine dauerhafte Antwort auf das Flüchtlingsproblem finden.

    Neila Sybi, Migrationsbeauftragte der Ärztegewerkschaft

    Trotzdem will Boubacar es auf jeden Fall wieder versuchen. Er steht an einem Quai am Meer etwas außerhalb des Zentrums von Sfax. Mit seinen Freunden kommt er öfter hierhin, um der Enge seiner Wohnung zu entfliehen. Zu sechst teilen sie sich ein kleines Zimmer in einem belebten Viertel von Sfax. Dort fällt er nicht besonders auf zwischen den dröhnenden Autos, den Cafés und den Modegeschäften.
    "Wir suchen Lösungen auf europäischer Ebene, die machbar und rechtens sind", dabei haben "Humanität und Ordnung" höchste Priorität, so Omid Nouripour, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.02.05.2023 | 5:39 min

    Boubacar träumt von einem neuen Leben

    Hier am Meer muss er oft an seine Freunde denken, die dort schon gestorben sind. Doch die Gefahren seien es wert, die Überfahrt zu versuchen. Zuhause gebe es keine Perspektive für ihn. Er holt sein Handy raus, zeigt ein Bild seiner Mutter mit verbrannten Beinen, die nicht richtig abheilen.
    Sie wurde bei einem Unfall in Mali von einem Motorrad verletzt, aber kann sich keine Behandlung bei einem Arzt leisten. "Deswegen will ich nach Europa", sagt er, und wirkt plötzlich gar nicht mehr, als wäre es ihm egal, im Mittelmeer zu sterben. Er möchte sich dort ein neues Leben aufbauen.

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