EM 2024: Schottisches Feuer trifft deutschen Eventfan
Interview
Fanforscher zum Eröffnungsspiel:Schottisches Feuer trifft deutschen Eventfan
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Der Fanforscher Prof. Dr. Harald Lange spricht über die legendären schottischen Fans - und die Unterschiede zur Fankultur hierzulande.
Von der Leidenschaft der schottischen Fußballfans können sich Deutschland-Anhänger eine Scheibe abschneiden.
Quelle: dpa
Zehntausende schottische Fans werden zum Eröffnungsspiel der EM nach München kommen. Zu erwarten ist eine spektakuläre Party in der Innenstadt und Arena, denn die "Tartan Army" genießt einen besonderen Ruf.
ZDFheute: Herr Lange, was macht die schottische Anhängerschaft aus?
Harald Lange: Die schottischen Fans gelten auch in kleinen Gruppen als lautstark und inszenieren einen wirklich mitreißenden Support. Zu den Vorurteilen gehört, dass sie gerne alkoholisiert sind, aber eine vergleichsweise friedliche Fankultur haben. Und das, obwohl sie extrem emotional und leidenschaftlich sind.
Die Bravehearts sind abgekommen vom schlichten kick and rush. Viel zu tun hat der spielerische Ansatz damit, dass mittlerweile viele Schotten im Verein ein hohes Level erleben.
von Maik Rosner
Aber sie fallen selten auf wegen Schlägereien. Es sind in der Regel faire Sportfans, und die Nationalmannschaft bestärkt die eigene Identität. Das ist übrigens ganz anders als in Deutschland.
ZDFheute: Inwiefern?
Lange: Seit einigen Jahren hat die Nationalmannschaft hierzulande im Vergleich zum Vereinsfußball einen völlig anderen Stellenwert.
Im Grunde ist die DFB-Auswahl nur noch ein Produkt für sogenannte Eventfans.
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Fanforscher Prof. Dr. Harald Lange
Das ist in Schottland anders. Dort kommen die Klubfans mit der gleichen Leidenschaft zum Nationalteam wie zu ihren Vereinen.
ZDFheute: Spielt für die legendäre Leidenschaft der schottischen Fans auch eine Rolle, dass sie eher selten Erfolge feiern können und entsprechend geringe Erwartungen haben?
Lange: Das ist auch ein auffälliger Unterschied beispielsweise zu den Fans der deutschen Nationalelf. Wir haben in einer Studie die EM-Vorfreude zu verschiedenen Zeitpunkten gemessen. Unmittelbar vor den Tests im März gegen Frankreich und die Niederlande waren die Vorfreude sowie das Image des DFB und der Nationalelf im Keller.
Nach den beiden Siegen wurden die Erwartungen und die Vorfreude regelrecht in die Höhe katapultiert. Die Vorfreude hängt in Deutschland also maßgeblich von den Leistungen und Ergebnissen ab.
ZDFheute: Und in Schottland?
Lange: Ist das nicht der Fall, weil sie ohnehin selten oben mitspielen können. Für die Fans dort ist jedes Spiel ein Highlight und sie freuen sich über jede gelungene Aktion. Ähnlich wie Klubfans fühlen sie sich zugehörig und verbunden. Die Fans entwickeln eine Leidenschaft, denn man kann auch Bindung aufbauen, wenn man leidet. Bei der deutschen Auswahl ist das allerdings nicht der Fall.
ZDFheute: Warum nicht?
Lange: Zurückführen lässt sich das auf die Kommerzialisierung unter dem früheren Teammanager Oliver Bierhoff. Dadurch ist die Nationalelf zum künstlichen Produkt "Die Mannschaft" geworden, das nur dann richtig zieht, wenn es erfolgreich ist. Das sieht bei Schottland völlig anders aus, und deshalb haben die schottischen Fans auch keine Hemmungen, von Anfang an wie wild zu feiern.
Quelle: ZDF
Prof. Dr. Harald Lange, 55, ist der Leiter der Fan- und Fußballforschung am Institut für Sportwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht.
Denn man feiert seine Mannschaft, seinen Verband, das Ereignis und sich selbst und stellt erst gar nicht die Frage: "Können wir Europameister werden?" Das ist völlig egal, die schottischen Fans sagen: "Wir fahren dahin, haben eine gute Zeit und sind stolz, dass wir da sind."
ZDFheute: Was für eine EM erwarten Sie insgesamt mit Blick auf die Fankultur?
Lange: Ich erwarte ein sehr buntes, fröhliches, friedliches Fußballfest mit viel Austausch, ob in den Städten, auf Reisen, beim Public Viewing, im Hotel oder beim Camping. Wir sollten dabei die Aufmerksamkeit vor allem auf Fans der Gäste lenken. Jede Fankultur wird andere Farben und Eindrücke hinterlassen. Dabei werden wir auch entdecken, was wir in unserer Fankultur nicht mehr finden. Das fängt an beim Support während des Spiels.
Das ist auch mein Tipp für das Eröffnungsspiel Deutschland - Schottland in München: Da werden ein paar Tausend schottische Fans die deutschen Anhänger phasenweise in Grund und Boden singen. Darauf können wir uns einstellen - und vielleicht ja auch davon lernen und uns inspirieren lassen.
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