70 Jahre Londoner Abkommen: Schuldenerlass für Deutschland

    70 Jahre Londoner Abkommen:Schuldenerlass für das "Wirtschaftswunder"

    von Ayleen Over
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    Das Londoner Schuldenabkommen vom Februar 1953 ebnete Deutschland den Weg ins "Wirtschaftswunder". Taugt die deutsche Nachkriegsgeschichte als Vorbild für die Gegenwart?

    Hermann Josef Abs unterzeichnet Londoner Schuldenabkommen im Februar 1953.
    Hermann Josef Abs unterzeichnet das Londoner Schuldenabkommen im Februar 1953.
    Quelle: ap

    Londoner Schuldenabkommen? Nur wenige Menschen in Deutschland wissen mit diesem Begriff etwas anzufangen. Deshalb wird auch der 70. Jahrestag kaum wahrgenommen.
    Zu Unrecht, denn ohne dieses Schuldenabkommen und das Entgegenkommen der Gläubiger hätte Deutschland wahrscheinlich niemals sein "Wirtschaftswunder" erlebt. Prof. Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker von der Goethe-Universität Frankfurt/Main, sagt im Gespräch mit ZDFheute:

    Das Londoner Schuldenabkommen ist wahrscheinlich für die wirtschaftliche Entwicklung und die Wiedereingliederung der Bundesrepublik in die Weltwirtschaft von ähnlicher Bedeutung wie der Marshallplan nach 1948.

    Professor Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker

    1953: Deutschland in Trümmern und Altschulden drücken

    Gehen wir zurück in das Jahr 1953: Deutschland liegt immer noch in Trümmern. Moralisch und wirtschaftlich ist die junge Bundesrepublik immer noch kein Teil der internationalen Gemeinschaft. Sie versucht daher, wieder Vertrauen aufzubauen und Zugang zur Weltwirtschaft zu finden. Aber dafür braucht sie internationale Kreditwürdigkeit. Und da gibt es immer noch die Altschulden aus der Zeit vor dem Krieg sowie die seitdem angefallenen Zinsen.
    75 Jahre nach Kriegsende erinnert die Dokumentation mit privatem Filmmaterial und persönlichen Geschichten an die Wiederaufbauleistung im Deutschland der Nachkriegszeit.05.05.2022 | 43:47 min
    1953, das ist die Zeit des Kalten Krieges und der Blockbildung. Die westlichen Gläubiger haben daher hohes Interesse an einer stabilen Bundesrepublik. Zudem wollen die Gläubiger die Fehler der Weimarer Republik vermeiden, als Deutschland durch die Reparationsforderungen unter Druck geriet. Daher soll eine zu hohe Schuldenlast die junge Demokratie in der Bundesrepublik nicht gefährden. Die Gläubiger, das sind allen voran die West-Alliierten sowie unter anderem Kanada, die Schweiz und die Niederlande.

    Das Londoner Schuldenabkommen wurde am 27. Februar 1953 in London unterzeichnet und trat am 16. September desselben Jahres in Kraft.

    Zu den Gläubigern zählten die West-Alliierten sowie unter anderem Kanada, die Schweiz und Schweden; insgesamt gehörten 20 Gläubigerstaaten sowie Deutschland zu den Erstunterzeichnern; später folgten weitere Staaten.

    Die Auslandsschulden betrugen ca. 30 Milliarden DM, davon waren 13,5 Milliarden DM Schulden aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Durch das Abkommen wurden mehr als 50 Prozent der Vor- und Nachkriegsschulden erlassen, so dass am Ende circa 14 Milliarden DM beglichen werden mussten.

    Schulden sollten nur aus Handelsbilanzüberschüssen bedient werden, um zu verhindern, dass Deutschland neue Kredite aufnehmen muss.

    Die Schulden, die während des Zweiten Weltkrieges anfielen, wurden bewusst ausgenommen. Parallel wurde auch ein Abkommen zur Wiedergutmachung mit Israel geführt.

    USA verzichten auf Teil der Forderungen

    Die Verhandlungen in London klammerten die Schulden aus dem Krieg ganz aus. Zudem verzichteten die US-Amerikaner auf einen Teil ihrer Forderungen aus der Nachkriegszeit.
    Und noch ein Punkt war sehr wichtig, meint Plumpe: "Da die USA einen Teil der Altschulden erließen, konnten die jährlichen Tilgungsraten so angesetzt werden, dass die Bundesrepublik im Wirtschaftswunder sehr schnell die Devisen verdienen konnte, die notwendig waren, um diese Schulden abzutragen, die man dann auch bis in die 1960er Jahre hinein abgetragen hat."

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    "Das Schuldenabkommen ist bis heute in seiner Art einzigartig", sagt Jürgen Kaiser vom Entschuldungsbündnis "Erlassjahr" zu ZDFheute. Denn Deutschland verhandelte damals als Schuldner auf Augenhöhe mit den Gläubigern. Das sei bis heute nicht selbstverständlich. Auch Werner Plumpe betont den ungewöhnlichen Konsenscharakter der Verhandlungen: Nichts sollte im Konflikt gegen die deutsche Seite ausgehandelt werden.

    Blaupause für Wiederaufbau der Ukraine?

    Für Kaiser hat daher das Londoner Schuldenabkommen bis heute Vorbildcharakter - vor allem mit dem Blick auf die Ukraine, die momentan große Kredite als Unterstützung im Krieg und für den Wiederaufbau erhält. Die Gründe waren zwar unterschiedlich, die Folgen aber ähnlich: Sowohl Deutschland in den 1950er-Jahren als auch die Ukraine von heute seien kriegszerstörte Länder und gleichzeitig Teil einer Blockkonfrontation, so Kaiser von "Erlassjahr".
    Auch wenn bislang kein Kriegsende in Sicht ist, sei die Vorstellung von einer stabilen Ukraine schon heute wichtig. Gelder für den Wiederaufbau sollten auch nur für den Wiederaufbau verwendet werden und nicht zur Rückzahlung von Krediten, die aus der Zeit des Krieges stammen. Daher fordert Kaiser, "dass Deutschland im Falle von Verhandlungen eine Position einnehmen sollte, die seiner historischen Verantwortung gerecht werde."
    Auch die Historikerin Professor Ursula Rombeck-Jaschinski von der Universität Stuttgart, die viel zum Londoner Schuldenabkommen geforscht hat, hält fest, "dass Deutschland bewusst sein sollte, dass in früheren Zeiten viele Länder Deutschland geholfen haben."

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