Kaum Bier & Wein: Warum Jugendliche weniger Alkohol trinken

    Verzicht auf Bier und Wein:Warum junge Menschen weniger Alkohol trinken

    von Malin Ilhau
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    Der Alkoholkonsum junger Menschen ist derzeit auf einem Tiefstand. Warum Alkohol in Europa trotzdem noch für eine hohe Zahl an Krebserkrankungen sorgt.

    Person mit einer Bierflasche in der Hand
    Junge Menschen trinken weniger Alkohol. Ein Blick in die Studentenstadt Göttingen soll zeigen, ob im Nachtleben Auswirkungen des Trends erkennbar sind.09.02.2024 | 6:15 min
    Kim Schulte arbeitet in der Studentenkneipe "Thanners" in der Göttinger Altstadt. Die ganze Nacht zapft sie Bier und schenkt bis in die frühen Morgenstunden aus.
    Sie hat vor zweieinhalb Jahren aufgehört Alkohol zu trinken. Ganz bewusst. Das Trinken passt nicht mehr zu ihrem Lebensstil. Damit ist Kim nicht allein.
    Ein Zettel, der um eine Weinflasche gebunden wurde, trägt die Aufschrift "Alkoholfrei".
    Alkoholfreie Getränke sind immer mehr im Trend.
    Quelle: dpa

    Alkoholkonsum junger Menschen auf Tiefststand

    Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist der Alkoholkonsum sowohl in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen als auch bei den 18- bis 25-Jährigen von 2001 bis 2021 deutlich gesunken.
    Noch nie haben junge Menschen in Deutschland seit Messbeginn des BZgA weniger Alkohol getrunken. Laut einer Statista-Umfrage trinken Jugendliche und junge Erwachsene im Vergleich zu älteren Generationen insbesondere weniger Wein und Bier.
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    Früher habe ich viel getrunken, die Entwicklung sehe ich an mir selbst. Ich bin eh schon die ganze Nacht unterwegs, da brauche ich morgens den Kater nicht.

    Kim Schulte, Barkeeperin

    Die 24-Jährige hat Sozialwissenschaften studiert im niedersächsischen Göttingen. In dieser Studentenstadt wird eigentlich viel getrunken. Es gibt unzählige Kneipen, Bars und Weinstuben.

    Weniger Alkohol gegen Ende des Studiums?

    Doch Kim beobachtet, wenn das Ende des Studiums naht, hören viele junge Menschen auf, regelmäßig Alkohol zu trinken. Auch Thorben trinkt bewusster, weil inzwischen bekannt ist, welche gesundheitlichen Risiken hinter Alkoholkonsum stecken können.

    Ich kenne immer mehr Leute in meinem Alter, die sagen, ich trinke keinen Alkohol. Ich persönlich würde sagen, man erkennt schon einen Wandel.

    Thorben Sanjo, Student

    Der 21-Jährige spricht oft mit seiner Mutter über dieses Thema. Es ist wie mit dem Rauchen. Früher wurde viel geraucht. Es war quasi normal. So ist das in alten Filmen zu sehen.

    Alkohol ähnlich krebserregend wie Asbest, Strahlung und Tabak

    Thorben glaubt, dass in Filmen in 20 bis 30 Jahren auf den übermäßigen Alkoholkonsum von damals hingewiesen werden wird. Dann würde in seiner Vision aufgrund der gesundheitlichen Folgen nur noch eine kleine Gruppe trinken.
    5 1/2 Fakten zu Alkohol
    Gute Nachrichten: Jugendliche trinken weniger Alkohol02.02.2024 | 3:35 min
    Alkohol wurde vom Internationalen Krebsforschungszentrum schon vor Jahrzehnten als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft - das ist die höchste Risikogruppe, zu der auch Asbest, Strahlung und Tabak gehören.

    Jedes alkoholische Getränk kann krebserregend sein

    Der Alkoholkonsum ist für mindestens sieben Krebsarten verantwortlich, darunter die häufigsten Formen wie Brustkrebs bei Frauen und Darmkrebs. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken von allen Regionen weltweit in Europa die meisten Menschen an Brustkrebs.
    Äthanol, also Alkohol, verursacht Krebs durch biologische Mechanismen, wenn die Verbindung im Körper abgebaut wird, sodass jedes alkoholische Getränk - unabhängig von Preis und Qualität - mit einem Krebsrisiko verbunden ist, so die Gesundheitsbehörde. Dieses Risiko wächst mit steigendem Alkoholkonsum erheblich.

    Auch geringe Mengen von Alkohol bedenklich

    Deshalb hat die WHO bekannt gegeben: Bei Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge. Lange herrschte die Meinung, das Glas Wein am Abend oder die zwei Bier, das schade wohl nicht. Es sei sogar noch gesund.
    Alkoholfreie und gesunde Drinks
    Alkoholfreie Cocktailrezepte und gesunde Drinks.13.03.2023 | 8:33 min
    Daten der Gesundheitsbehörde deuten darauf hin, dass die Hälfte der dem Alkohol zurechenbaren Krebsfälle in der Europäischen Region durch "leichten" bis "moderaten" Alkoholkonsum - weniger als 1,5 Liter Wein oder weniger als 3,5 Liter Bier oder weniger als 450 Milliliter Spirituosen pro Woche - verursacht werden.
    Laut WHO ist der Alkoholkonsum in Europa am höchsten und Krebs in den EU-Staaten die führende Todesursache. Darüber hinaus ist die Mehrheit aller alkoholbedingten Todesfälle auf verschiedene Krebsarten zurückzuführen.

    Alkohol als Krebserreger nicht überall bekannt

    "Obwohl es als gesichert gilt, dass Alkoholkonsum Krebs verursachen kann, ist diese Tatsache in den meisten Ländern immer noch nicht allgemein bekannt", kritisiert Dr. Carina Ferreira-Borges, zuständig für Alkohol und illegale Drogen im WHO-Regionalbüro Europa.

    Wir brauchen ein ausreichend geschultes und befähigtes Gesundheitspersonal, das sich in der Lage fühlt, seine Patienten über Alkoholkonsum und Krebsrisiken aufzuklären.

    Dr. Carina Ferreira-Borges, WHO-Regionalbüro Europa

    "Wir brauchen konkret auf Krebs bezogene Gesundheitsinformationen auf Etiketten von alkoholischen Getränken, wie schon bei Tabakprodukten der Fall", so Dr. Ferreira-Borges weiter.
    Eine gute Nachricht ist, das Rauschtrinken hat ebenfalls abgenommen: Im vergangenen Jahr sind so wenig Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gekommen wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr.
    Kalender
    Alkoholfasten im Januar - was bringt der Trend?02.01.2024 | 5:14 min

    Sorgen Influencer für sinkenden Alkoholkonsum?

    Dass sich Jugendliche offenbar immer seltener betrinken, hängt wohl auch mit den sozialen Medien zusammen. Viele Influencer trinken keinen Alkohol und berichten darüber.
    Die ehemalige Journalistin Nathalie Stüben erzählt in einem Podcast und auf Social Media, wie sie ihre Alkoholsucht bekämpft hat, und gibt Ratschläge an junge Menschen. Sie hat über 80.000 Follower. Die Vorbildfunktion in den sozialen Netzwerken greift wohl.
    Zudem gibt es im Netz viele negative Erfahrungsberichte vom Alkoholrausch. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass junge Menschen weniger trinken.

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