"Ich habe das Buch für Götz George geschrieben"

Interview mit Autorin und Regisseurin Vivian Naefe

Vivian Naefe, in diesem Film Autorin und Regisseurin in Personalunion, bringt nicht nur die ernsten Saiten der Geschichte zum Klingen, sondern lässt uns auch herzhaft lachen. Diese Gratwanderung zwischen Humor und Ernst, die englische Filme oft perfekt beherrschen, ist für sie die Königsdisziplin. Das richtige Gespür für eine Szene ist dabei ganz entscheidend.


ZDF: Was hat Sie an diesem Film gereizt?




Vivian Naefe: Ich wollte von einem Kontrollfreak erzählen, dem die Kontrolle entzogen wird - einem Verkehrsplaner, der buchstäblich aus dem Verkehr gezogen wird, weil er in Rente gehen muss. Anschließend lernt er, sein Leben zu leben, indem er sich um andere Menschen kümmert und nicht nur um sich selbst.



ZDF: Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?


Naefe: Das Thema "Verkehrsplanung" hat mich von Kindheit an interessiert. Ich wollte schon immer wissen, wer die Ampeln schaltet und wer sich ausdenkt, wann wie gefahren werden darf, damit der Verkehr in der Stadt fließt und nicht zusammenbricht. Als ich vor acht Jahren mit Götz George in Südafrika gedreht habe, hatte ich die Idee, dass dieser Schauspieler wie geschaffen ist für die Rolle eines merkwürdigen Mannes, der seinen Beruf nicht loslassen kann, der immer alles kontrollieren muss und der zudem seine Familie nicht mag.


ZDF: Sie hatten also Götz George beim Schreiben von Anfang an im Kopf ... Naefe: Ja, ich habe das Buch für ihn geschrieben. Wir haben uns in Südafrika so gut verstanden, da habe ich ihm diese Idee vorgeschlagen. Und als Ironie des Schicksals habe ich seine Figur, diesen Kontrollfreak, mit einem kleinen Handicap - der Rot-Grün-Blindheit - ausgestattet.



ZDF: Sie sind Autorin und Regisseurin in Personalunion. Hat man da mehr kreative Freiheit?


Naefe: Ich kann beide Aufgaben sehr gut trennen: Ich bin erst ganz Autorin und dann ganz Regisseurin. Zwischen beiden Prozessen liegt auch immer ein Zeitfenster von mindestens einem Jahr. Genauso schön finde ich es aber, fremde Stoffe zu verfilmen.


ZDF: Was waren beim Dreh die besonderen Herausforderungen?


Naefe: Janina Stopper und der doch schon sehr erfahrene Götz George mussten unter einen Hut gebracht werden. Mit beiden Schauspielern ging ich sehr verschieden um: Götz George ist jemand, der sehr genaue Vorstellungen hat, und da musste ich meine Vision ab und zu durchsetzen. Ein so junges Mädchen wie Janina Stopper dagegen braucht noch eher Führung. Trotzdem sind beide Schauspieler sehr gut miteinander klargekommen, und die Arbeit mit ihnen war wunderschön.


ZDF: Und wie ist Janina Stopper auf Götz George zugegangen?



Naefe: Vor Drehbeginn mache ich immer Leseproben. Nach kurzer Zeit schon hatte sich die anfängliche Ehrfurcht verloren, weil Götz ein offener, netter Kollege ist, der respektvoll mit anderen umgeht.



ZDF: Wie kam es zu dieser Besetzung insgesamt?


Naefe: Mit Gundi Ellert zum Beispiel arbeite ich schon seit 20 Jahren zusammen. Auch die anderen Schauspieler haben schon mehrfach in meinen Filmen mitgespielt. Brigitte Hobmeier habe ich jetzt kennengelernt, und wir werden sicher auch wieder etwas zusammen drehen. Ich arbeite überhaupt gerne mit denselben Schauspielern, wenn es geht.


ZDF: Der Film beleuchtet ernsthafte Themen, die relativ leicht daherkommen. Wie schwierig ist die Gratwanderung zwischen Humor und Ernst?


Naefe: Für mich ist das englische Genre nun mal die Königsdisziplin: Romantische Komödie, Sozial- und Tragikomödie machen mir unglaublich viel Spaß. Die Gratwanderung zwischen Humor und Ernst ist dabei immer eine Gefühlssache: Als Regisseurin muss man immer spüren, ob ein Schauspieler eine Szene gerade zu ernst, zu schwer oder mit zu wenig schwarzem Humor spielt oder ob er in die andere Richtung abgleitet und etwas zu sehr auf Pointe trimmt. Ich achte immer darauf, dass jede Situation und jeder Satz ernst genommen werden, dass keiner komisch spielt oder zuviel Bedeutsamkeit in die Sätze legt. Im richtigen Leben passieren die Dinge ja auch sehr beiläufig.
ZDF: Im Film werden zwei Typen von Rentnern angesprochen: die einen, die nicht loslassen können, und die anderen, denen es nicht schnell genug geht, mit dem Job aufzuhören ...


Naefe: Ich habe Bekannte in jedem Lebensalter, von 20 bis 70, und dieser Querschnitt zeigt mir, dass jeder solange arbeiten dürfen sollte, wie es ihm Spaß macht. Denn solange Menschen ihren Beruf gerne ausüben, sind sie voller Leben. Mein Großvater zum Beispiel ist schon eine Woche, nachdem er in Rente ging, gestorben. Der Staat sollte die gestaffelte Rente einführen, nach der man frei entscheiden kann, wann man in Rente geht.
ZDF: Ist Ihr Film denn sozialkritisch?


Naefe: Ja, Politik fängt im Privaten an. "Papa allein zu Haus" ist aber vor allem eine persönliche Geschichte über einen sehr selbstgefälligen Mann, der aus seiner Einsamkeit befreit wird.


ZDF: Gibt es Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?


Naefe: Sicher die, dass ich auch immer zu viel kontrollieren will. Da kann ich mich durchaus mit der Figur von Götz George identifizieren. In allen Figuren steckt von meinen Freunden und mir etwas, aber der Geschichte liegen keine einzelnen persönlichen Erlebnisse zugrunde.


ZDF: Theo hat keinen Zugang zu seinen Kindern. Wie ging's Ihnen mit Ihrer Tochter, als sie 17 war?



Naefe: Sehr viel besser. Ich wusste über sie immer Bescheid, und ich war sehr glücklich, dass sie so viel mit mir geredet hat. Ganz anders als der Patriarch im Film, der so wenig von seinen Kindern mitbekommen hat. Das ist eben immer noch ein durchaus männerspezifisches Problem. Kreative, die zu Hause arbeiten, sind da natürlich im Vorteil: Ich habe durch das Schreiben sehr viel Zeit zu Hause verbracht, so dass ich immer da war, wenn meine Tochter aus der Schule kam.

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