"Ich hatte das Gefühl, dass die Kamera in mich hineinfilmt"

Interview mit Sophie von Kessel

Sophie von Kessel spielt die ehrgeizige und erfolgreiche Wirtschaftsprüferin Hanna, die glaubt, ihr Leben unter Kontrolle zu haben. Erst als ihr Vater sich das Leben nimmt, setzt sie sich mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Kindheit auseinander. Die Schauspielerin berichtet über ihre Auseinandersetzung mit der Rolle und über ihre intensive, hochemotionale Darstellung.


ZDF: Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Johannes Fabrick?


Sophie von Kessel: Es war ja nicht meine erste mit ihm. Schon in seinem Film "Ein langer Abschied", in dem ich um das Leben meines krebskranken Kindes kämpfte, ging es um ein schweres, ernstes Thema. Damals ging unsere Arbeit schon sehr in die Tiefe, war sehr komplex. Nun war es noch extremer, dann kommt man nochmal an ganz andere Punkte. Das liegt natürlich auch an der Geschichte dieser Frau. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Kamera in mich hineinfilmt, zeigt, was ich fühle, erlebe, was ich durchmache. Das war eine sehr anstrengende Aufgabe, weil die Rolle so psychologisch angelegt war und so in die Tiefe gegangen ist. Wie nah mir die Kamera war, habe ich erst viel später gemerkt, als ich den fertigen Film auf der großen Kinoleinwand beim Münchner Filmfest sah.


ZDF: Und wie verstanden Sie sich mit Matthias Brandt?


von Kessel: Ich hatte schon vorher mal mit ihm zusammen gearbeitet. Er gehört für mich zu den Menschen, in deren Gesellschaft man nicht aufhören kann zu lachen. Und das hat so gut getan, war mir ein willkommener Kontrast gegen die große Tragödie, die wir vor der Kamera gestemmt haben. Matthias hat uns am Set bei guter Laune gehalten, hat einen wahnsinnig tollen Humor, das gab mir einfach viel Kraft und Energie. Ich würde sofort wieder mit ihm drehen.


ZDF: Was macht das Besondere an der Figur Hanna für Sie aus?


von Kessel: Ihre große Veränderung. Zunächst ist sie eine moderne Frau, die glaubt, ihr Leben ganz unter Kontrolle zu haben, alles mit viel Disziplin durchziehen zu können, wenn man ehrgeizig, hart zu sich selbst und zu anderen ist. So hat sich Hanna in dieser Männerwelt, in der sie arbeitet, Respekt verschafft. Ihre dunkle Vergangenheit verdrängt sie, betäubt sie mit Arbeit. Erst als sie die Nachricht erhält, dass es ihrem Vater schlecht geht, ringt sie sich dazu durch, in ihr altes Heimatdorf zu fahren. Und in diesem Moment beginnt das Seelengeschwür, das in ihr bislang unbewusst schlummerte, zu eitern und schließlich aufzubrechen.

Nun kann sie das gar nicht mehr kontrollieren, merkt aber, als ihr Vater tatsächlich ums Leben kommt, dass sie nicht mehr drum herum kommt, sich mit ihrer Kindheit auseinanderzusetzen. Und das ist enorm schmerzhaft für sie. Das System, das sie sich aufgebaut hat, funktionierte nur so lange, wie sie jegliche Gedanken an ihren Vater verdrängt hat.


ZDF: Johannes Fabrick ist ein Meister des Ausdrucks: Sie mussten tiefe Emotionen zeigen. Gab's bei den Dreharbeiten eine besonders große schauspielerische Herausforderung?


von Kessel: Es gab keine Szene, die nicht hochemotional war. Ich musste aufpassen, dass ich an einem Drehtag, der von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends dauerte, nicht schon um elf Uhr total ausgepowert war. Auch dass eine Hauptfigur wirklich in jedem Bild ist, ist eher ungewöhnlich für einen Film. Es war eine Herausforderung, permanent präsent sein zu müssen und dabei immer 180 Prozent zu geben, immer hochkonzentriert, hochemotional. Zwischendurch dachte ich wirklich manchmal: Ich kann nicht mehr.


ZDF: Wie schnell oder langsam konnten Sie Hanna wieder loslassen?


von Kessel: Ich war sehr erschöpft nach diesem Dreh und hab' erstmal viel geschlafen. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich jetzt keine Kinder, keine Familie hätte, dann hätte das mit dem Loslassen viel länger gedauert. Aber als Mutter ist man ja sowieso gleich gefordert, nach Drehabschluss war auch schon Vorweihnachtszeit, dann funktioniert man schneller, und dann war's auch wieder gut.


ZDF: Hanna kostet es enorme Überwindung, nach Hause zu kommen. Haben Sie schon so etwas erlebt?


von Kessel: Also in diesem engen Sinne habe ich ja kein Zuhause, als Diplomatenkind bin ich immer wieder umgezogen. In Mexiko habe ich als Dreijährige gelebt. Wenn ich jetzt dort hinfahren würde, weckt das keine persönlichen Empfindungen bei mir. Heimelige Gefühle sind bei mir nicht mit einem, sondern mit ganz vielen Orten verbunden, in denen ich gelebt habe, als ich schon älter war. Deswegen kenne ich diese Belastung, die Heimat bedeuten kann, natürlich nicht. Aber ebenso wenig das Positive wie Sicherheit und Geborgenheit, das Heimat bedeuten kann.


ZDF: Die Dorfbewohner kommen ja nicht gerade gut weg in "Die Tochter des Mörders" - Klatsch und Tratsch, Getuschel hinter den Gardinen. Welche Meinung haben Sie über die Dorfbevölkerung?


von Kessel: Es scheint irgendwie ein Klischee zu sein, aber offenbar steckt immer ein Fünkchen Wahrheit darin. Ich selber habe nie im Dorf gelebt, aber ich höre immer wieder, dass dort getratscht und getuschelt wird. Und im Falle von Hanna kann ich durchaus verstehen, dass die Dorfgemeinschaft auf ihr jahrelanges Desinteresse, ihr relativ überhebliches Verhalten und schließlich auf ihre Provokation so abweisend reagiert. Es ist für die Menschen dort ja nicht verständlich, warum jemand einen verjährten Fall wieder aufrollt, alte Wunden aufreißt, in der Vergangenheit bohrt und so auch einen offenen Konflikt in dieses Dorf trägt.


ZDF: Ein ganz wichtiges Thema im Film ist Hypnose. Hätten Sie Angst vor Hypnotherapie?


von Kessel: Johannes Fabrick hat das in der Vorbereitung ein paar Mal gemacht. Ich selber hatte davon gehört, hab' das aber nie praktiziert. Auf der anderen Seite finde ich Hypnotherapie schon sehr faszinierend, weil es eben das Unterbewusste so anspricht, Dinge, von denen man gar nichts weiß, weil man sie so stark verdrängt hat.


ZDF: Ihre Mutter ist Psychologin, kannten Sie das Thema durch sie?


von Kessel: Mit Hypnotherapie hatte ich nicht viel zu tun, aber mit Psychotherapie von kleinauf. Seit meine Mutter es studiert und praktiziert hat, ist das bei uns Zuhause immer ein Thema gewesen.
ZDF: Sie haben eine kleine, aber bedeutende Doppelrolle im Film


von Kessel: Ja, ich hab' auch gleich noch die Mutter meiner Figur gespielt. Denn das Drehbuch fordert eine spiegelbildliche Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter. Letzten Endes sind das alles so körnig gefilmte Heimvideos, Super 8-Filme, in denen man mich gar nicht so deutlich sieht.


ZDF: Sie waren gerade in Doris Dörries ZDF- Miniserie "Klimawechsel" zu sehen, im April und März haben Sie einen weiteren Psychothriller für das ZDF gedreht, letztes Jahr waren Sie die Buhlschaft in Salzburg, jetzt proben sie gerade wieder fürs Theater in Berlin - wie bringen Sie Beruf und Familie unter einen Hut?


von Kessel: Das klingt natürlich nach viel, die Arbeit hat sich aber über die letzten zwei Jahre verteilt. Ich finde ja nach wie vor, dass wir Schauspieler einen wahnsinnig privilegierten Beruf haben. Irgendwie schaffe ich es, alles unter einen Hut zu bringen, so wie meine Kolleginnen auch, die Kinder haben. Für die intensiven Arbeitswochen von vier bis sechs Wochen pro Dreh braucht man die Unterstützung des Partners, des Kindermädchens oder der Mutter. Und danach habe ich wieder ein, zwei Monate von morgens bis abends für die Kinder Zeit. Das genieße ich dann sehr.

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