"Rache darf nie der Grund für eine Handlung sein"

Interview mit Gesine Cukrowski und Katharina Wackernagel

Gesine Cukrowski und Katharina Wackernagel spielen zwei sehr unterschiedliche Schwestern, die in ihrer Kindheit durch einen Schicksalsschlag auseinander gerissen wurden. Ihr plötzliches Treffen, verbunden mit einem mysteriösen Kriminalfall, entfesselt Emotionen einer lange verdrängten Vergangenheit. Die beiden Schauspielerinnen sprechen über die Hintergründe des Plots, den Reiz ihrer Rollen und die schwierigen Dreharbeiten bei Schnee und Eis.


ZDF: Frau Cukrowski, Sie spielen eine Frau, der alles in ihrem Leben zu entgleiten droht, was ihr lieb und teuer ist, die zerrissen ist. Bitte beschreiben Sie kurz die Figur Tina Campenhausen.


Gesine Cukrowski: Tina lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter eigentlich genau das Leben, das sie sich gewünscht hat. Familie, Haus am Meer, spannender Beruf. Natürlich gibt es Alltagsprobleme, aber alles sehr normal. Hinter dieser Normalität verbirgt sich eine Vergangenheit, die Tina wie einen unsichtbaren Mühlstein mit sich herumschleppt. Dass dieser sichtbare Konturen annimmt, hängt mit dem plötzlichen Auftauchen von Tinas Schwester zusammen. Seit die beiden durch die Adoption Tinas voneinander getrennt wurden, haben sie sich nicht mehr gesehen. Natürlich hat das seine Gründe. Die unerwartete Präsenz ihrer Schwester stürzt Tina in schwere Konflikte - nicht nur privat.


ZDF: Frau Wackernagel, Sie spielen Jenny Hansen, die Schwester von Tina Campenhausen. Beide hüten ein dunkles Geheimnis. Bitte beschreiben Sie kurz die Figur.


Katharina Wackernagel: Jenny ist die verschollen geglaubte kleine Schwester, die Tina seit ihrer Trennung im Kinderheim vor zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie taucht ausgerechnet an dem Tag bei ihr zu Hause auf, als der ehemalige Heimleiter tot aufgefunden wird und konfrontiert Tina, die Kommissarin, mit ihrer bisher verdrängten Vergangenheit.



ZDF: Was hat Sie an Ihren Rollen gereizt? Welche Facetten der Figuren lagen Ihnen besonders am Herzen?


Cukrowski: Tina ist eine unglaublich integere Person, die verantwortungsvoll mit ihren beruflichen und privaten Aufgaben umgeht. Eben ein Mensch, bei dem man nie damit rechnen würde, dass die Konfrontation mit der eigenen Kindheit sie so aus der Bahn werfen könnte. Das damit verbundene Gefühlschaos aus Fluchtinstinkt, Schuld und Verdrängung und ihre Zerrissenheit in der Frage, welcher Weg der richtige ist, denn jede Seite hat ihre eigene Wahrheit.


Wackernagel: Ich betrachte jede Rolle als Teil einer Geschichte. Ohne eine gute Geschichte ist der Facettenreichtum einer Figur bedeutungslos. Das dunkle Geheimnis der Vergangenheit von Jenny und Tina, die als Kinder getrennt wurden, und die Begegnung der beiden erwachsenen Schwestern, die sich mit ihren völlig verschiedenen Lebensentwürfen gegenüber stehen, haben mir gefallen.
ZDF: In "Racheengel - Ein eiskalter Plan" spielt die Bedeutung der Familie eine große Rolle. Sie sind ein bekennender Familienmensch. Hat Sie diese Geschichte deshalb besonders berührt?


Cukrowski: Eine gute Geschichte ist vor allem auch immer dann eine gute Geschichte, wenn sie völlig unabhängig von privaten Lebenssituationen des Lesers, des Schauspielers oder des Regisseurs funktioniert. Aber manchmal, so wie in diesem Fall, spürt man beim Lesen des Drehbuchs eine Besonderheit an der Figur, an der Geschichte, an der Eigenheit, wie Konflikte angelegt und wie nachvollziehbar diese behandelt werden. Die Familie dient dabei manchmal als Vexierbild, so dass hinter Liebe und Harmonie Abgründe lauern und Fallhöhen entstehen. Natürlich bewegt einen als Familienmensch ein solch labiles Gefüge wie in dieser Geschichte. Niemand will seine Familie durch irgendetwas bedroht sehen - und schon gar nicht will man das Kettenglied sein, dass diese Bedrohung - ob freiwillig oder nicht - verursacht.


Wackernagel: Die Geschichte hat mich berührt, ja, aber nicht unter dem familiären Aspekt, sondern weil mich die Psychologie der Figuren und das Thema Verdrängung interessiert. Wie zwei Menschen, denen das gleiche Schicksal in der Kindheit widerfahren ist, in ihrem weiteren Leben mit dem Erlebten umgehen, wie sie es verarbeiten und was für unterschiedliche Lebensentwürfe daraus erfolgen können. Zudem ist die Geschichte in einen spannenden Krimiplot eingebunden, und ich sehe selber gerne psychologisch motivierte Krimis.

In "Racheengel - Ein eiskalter Plan" spielt die unbewältigte Vergangenheit eine große Rolle, aber auch persönliche Schuld und die Sehnsucht nach Rache. Im Film heißt es: "Jeder muss für das bezahlen, was er getan hat." Wie stehen Sie zu so einem Ausspruch?


Cukrowski: Rache darf immer nur eine Empfindung sein, nie aber der Grund für eine bestimmte Handlung. Ich bin der festen Überzeugung, man muss immer versuchen, die andere Seite zu verstehen und sich in die möglichen Hintergründe und Motive des anderen hineindenken. Ich halte es da mit dem Dalai Lama: Man sollte mögliche Rachegedanken umwandeln, schließlich kann man ja auch Mitleid für jemanden empfinden, der sich in seiner Situation dermaßen gefangen fühlt, dass er glaubt, gar nicht anders handeln zu können. Also, immer zuhören und miteinander reden anstatt Vorverurteilung oder gar die Ausübung von Taten, die eine Sache nur noch schlimmer machen.


Wackernagel: So aus dem Kontext gerissen ist dieser Satz natürlich Unsinn. Ich halte überhaupt nichts von Rache und dem "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Prinzip. Sei es im Alltag oder in der Justiz, das schlimmste Beispiel dafür ist die Todesstrafe.



ZDF: Die Dreharbeiten fanden während des außergewöhnlich langen und harten Winters Anfang 2010 statt. War dies eine besondere Herausforderung für Ihre Arbeit? Gab es aufgrund der Wetterlage besondere Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?


Cukrowski: Das Problem, bei einer solchen Kälte zu drehen, besteht für uns Schauspieler vor allem darin, dass unser Hauptdarstellungswerkzeug, nämlich das Gesicht, vor Kälte starr wird. Das bedeutet nicht nur, dass man kaum noch Mimik hat, sondern dass man plötzlich spricht, als hätte man einen Korken im Mund. Trotzdem war uns die ganze Zeit bewusst, wie ungewöhnlich schön dieser Schnee-und-Eis-Look für unseren Film sein würde.


Wackernagel: Es gab Drehtage, wie zum Beispiel der Strandspaziergang bei minus acht Grad und Wind, an dem wir die Takes immer wieder unterbrechen mussten, da uns mitten im Satz der Mund eingefroren war. Aber mit Matthias Koeberlin kann man sich auch bei einer ernsten Szene gut durch Lachen warm halten! Dennoch haben der viele Schnee, der auch unerwartet lange anschlusssicher liegen blieb, und die klirrende Kälte dem Film eine spezielle Atmosphäre verliehen und schöne Bilder hervorgebracht.


ZDF: Frau Cukrowski, als Tina Campenhausen versuchen Sie, den Spagat zwischen Beruf und Familie hinzubekommen. Ein Problem, das Ihnen bestimmt nicht fremd ist: Schließlich sind Sie eine der meistgefragten deutschen Schauspielerinnen - und Mutter. Wie geht Tina Campenhausen in Ihren Augen mit diesem Dilemma um?


Cukrowski: Da Tinas Mann ja gerade keinen Job hat und sich um die Tochter kümmert, ist das, glaube ich, nicht wirklich ein Dilemma. Problematischer ist, dass ihr Mann sich als Hausmann unterfordert fühlt und sich wünscht, wieder zu arbeiten. Ansonsten geht Tina mit der Situation so um, wie die meisten Mütter. Sie versucht, allen gerecht zu werden.


ZDF: Frau Wackernagel, Sie sind eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen Deutschlands und stellen immer sehr unterschiedliche Charaktere dar. Gibt es ein Genre, das Sie präferieren? Reizen Sie eher die guten Charaktere, wie beispielsweise die Polizistin Nina Petersen in der Krimireihe "Stralsund", oder sind gerade die Bösen die besondere Herausforderung?


Wackernagel: Die Priorität liegt immer auf der Geschichte und da gibt es kein bevorzugtes Genre. Wichtig ist mir die Glaubwürdigkeit einer Figur. Reizvoll ist es, ihr Handeln, so absurd es sein mag, für den Zuschauer nachvollziehbar zu machen. Je abwechslungsreicher diese Charaktere sind, desto besser. Man könnte meinen, dass es sehr viel einfacher ist, das Handeln einer besorgten Mutter als das einer Mörderin nachvollziehbar darzustellen, aber eben das hat sehr viel mit dem Drehbuch zu tun. Wenn mich das überzeugt, hat sich die Frage nach dem Gut oder Böse einer Figur erledigt.

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