Über die "Nachtschicht"-Erfolgsgeschichte

Statement von Lars Becker

Mit der ZDF-Reihe "Nachtschicht" hat Lars Becker dem deutschen Fernsehkrimi einen kräftigen Innovationsschub verpasst. Was sich in den etwa zwölf Stunden einer Nachtschicht abspielt, ist nicht bloß ein Fall, sondern die Welt, fokussiert in einem Ausschnitt: Liebesgeschichten, Action, Sozialdrama, Groteske, politische oder kriminelle Korruption, Milieustudie. Das alles hat - neben dem klassischen Krimiplot - Platz in diesem besonderen Polizeifilm.

Götz George mit Regisseur Lars Becker
Götz George mit Regisseur Lars Becker Quelle: ZDF

Mit seinen Filmen hat Autor und Regisseur Lars Becker ganz bewusst einen Akzent in der deutschen Krimilandschaft gesetzt: "Die 'Nachtschicht', so der Künstler, "sollte sich von den üblichen Krimis unterscheiden, indem weniger die Geschichte im Vordergrund steht, sondern vielmehr das Milieu, in dem die Arbeit von diesen Polizisten stattfindet, innerhalb dieser zwölf Stunden der "Nachtschicht" und mit ganz verschiedenen spannenden Aufgaben und Notrufen. Im Folgenden gibt er einen kleinen Einblick in das Entstehen der Krimi-Reihe.


Die Idee

Am Anfang eine simple Idee - und ich hatte nur zwei Minuten, sie vor einer Fernseh-Fachjury mit Stoppuhr zu verkaufen. Allora: "Neben dem täglichen deutschen Krimi-Serien-Mainstream, wo zwei Kommissare einen Who's-dunnit-Mordfall ermitteln, fehlt eine innovative, brandneue Polizeiserie, in dem das klassische Gut-Böse-Modell abgelöst wird. Es gibt keine harmlosen Polizisten, und es gibt keine stereotypen Gangster. "Nachtschicht" ist die Chance, harte Stories mit sozialen, durchgeknallten und grotesken Milieus und Figuren zu erzählen. Alltagskriminalität ohne didaktischen Zeigefinger. Ein Mixtape urbaner multikultureller Realität. Rock. Funk. Jazz. Hiphop. Außerdem holt ihr euch junge Zuschauer, von denen ihr sonst nur noch die Rücklichter seht.

Nach zwei Minuten sagten die Tüftler und Fernsehberater von ZDF und Network Movie: "Okay, machen wir. Leg los."

Innovation heißt auch Kooperation. Heißt zuhören und mehr Ideen. Also entwickelten wir den Piloten "Amok" und dann mit viel Kaffee die weiteren Folgen. Ich habe zwar noch keinen "Nachtschicht"-Klingelton entwickelt, aber immerhin 6 Millionen Zuschauer pro Folge. Ohne Unterstützung von Hans Janke, Reinhold Elschot und Daniel Blum vom ZDF und Bettina Wente und Wolfgang Cimera von Network Movie wäre das nicht möglich. Das Epizentrum sitzt ins Mainz. Das ist die pure Wahrheit.


Die zweite Idee"Nachtschicht" sollte straff und schnell erzählt werden, in einer Nacht, in 12 Stunden. Unter Druck, unter Zeitdruck, mit Witz und Humor. Nicht träge Ermittlung, sondern schnelle Prävention. Telefonate, vorläufige Festnahmen, falsche Spuren, Verhöre, Gegenüberstellungen und viel Kaffee. Manchmal wird aus dem Nebenfall der Hauptfall, manchmal entpuppt sich der harmlose Routinebesuch als reiner Alptraum.

Trotzdem darf Witz und Humor nie vergessen werden, denn wir orientieren uns an ganz normalen Bedürfnissen unserer Fernsehzuschauer (die immer weniger werden, wenn wir nicht aufpassen). Die Stories sind da, nur die Erzählweisen verändern sich. Der Geschmack der Zuschauer verändert sich rasant. Das Internet ist rücksichtslos. Auch das ist die pure Wahrheit. Die dritte Idee

Die "Nachtschicht"-Topbesetzung - ein Glücksfall: Katharina Böhm, Ken Duken, Minh-Khai Phan-Thi, Barbara Auer und Armin Rohde bringt man mit prominenten Gaststars zusammen: Uwe Ochsenknecht, Anja Kling, Jan Josef Liefers, Marie Bäumer, Dominique Pinon, Sibel Kekili, Jürgen Prochnow, Florian David Fitz, Joachim Król, Cosma Shiva Hagen, Misel Maticevic oder Götz George. Die hervorragende Besetzung bis in die kleineren Rollen hat auch die Qualität und den Erfolg der Reihe geprägt.


"Nachtschicht 10 - Reise in den Tod"

Flucht, Migration, Menschenhandel. Ein globales Thema, das mich seit meinem ersten Film, dem Dokumentarfilm "Afrika um die Ecke", interessiert und immer wieder thematisch in der "Nachtschicht" auftaucht. Ohne organisierten Menschenhandel ist weder die illegale Schattenwelt noch die legale Einwanderung denkbar. Hunger, Armut und Bürgerkriege zwingen Tausende von Flüchtlingen mit Schleppern durch halb Afrika übers Mittelmeer nach Europa. Viele sind vorher schon in Europa gewesen. In Italien, Frankreich, Deutschland. Viele sind in diesen Ländern sogar geboren. Viele sprechen sogar die jeweilige Sprache. Aber ohne Papiere. Sans papier. Senza passaporto.

Das war die Story für diese "Nachtschicht". Im Menschenhandel sind Menschen die Ware. Wenn jemand verschwindet, ist das ein ökonomisches Problem, aber kein humanes. Wenn jemand rassistisch angepöbelt wird, ist das ein gesellschaftliches Problem. Zivilcourage oder Weggucken? Der alte Menschenhändler (Götz George), der schon Hunderte über die Berge gebracht hat, weiß, wie viele auf Erntefeldern oder in der Zwangsprostitution landen; weiß, wie viele wie der letzte Dreck behandelt werden oder schlichtweg verschwinden. Dieses Mal, auf seiner letzten Tour, hat er Skrupel. Dieses Mal wird er nicht weggucken.

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