Wir fühlten uns wie der Protagonist unseres Films

Statement von Regisseur Lars Jessen

Sanâa Alaoui spielt die Rolle der marokkanischen Krabbenpulerin Mona, die in Tanger den ostfriesischen Krabbenfischer Hein Schüpp kennenlernt. Für die Schauspielerin waren diese Dreharbeiten in ihrer ersten deutschen Produktion eine große Herausforderung, da sie noch nie vorher Deutsch sprach. Große Unterstützung fand sie allerdings bei ihren Kollegen im Team.

Regisseur Lars Jessen
Regisseur Lars Jessen

Kennen Sie das Gefühl, wenn man in ein Flugzeug steigt und zwei Männer in weißen Umhängen und langen schwarzen Bärten vor einem die Sicherheitskontrolle passieren? Vorurteile, klar. Die gegenteilige Erfahrung machten Peter Heinrich Brix und ich auf dem Amsterdamer Flughafen bei unserem Abflug nach Tanger. Wir waren die Einzigen, die nicht so gekleidet waren. Beide nicht zum Globetrotter geboren, brauchten wir ein paar Minuten, bis uns aufging, welch' sicheres Umfeld diese Begleitung für zwei Reise-Phobiker wie uns bedeutete.

Wir sind platt und fasziniert

Als wir schließlich, angekommen in Nordafrika und in Begleitung des welterfahrenen Bjarne Mädel, durch die legendäre Altstadt Tangers schlenderten und uns die Marihuana-Wolken umhüllten, mussten wir schon grinsen. Ein wenig fühlten wir uns wie der Protagonist unseres Films, zwei Landeier in einer anderen Welt. Umso schockierender war dann die radikale Begegnung mit der Heimat. Kaum in der Krabbenpulfabrik angekommen, entdecken wir Plastikwannen mit der Aufschrift "Büsum". Wir treffen die Krabben, die wir ein paar Tage zuvor bei der Besichtigung eines Krabbenkutters im heimischen Wattenmeer aus der Nordsee gezogen haben, vielleicht sogar persönlich wieder. Das ist dann schon absurd.

Umwerfende Ausstrahlung

Endgültig sprachlos sind wir, als sich hinter einem milchigen Plastikvorhang der Blick auf den Arbeitsraum der Pulerinnen öffnet. Es summt wie in einem Bienenschwarm. An endlos langen Tischen sitzen mehr als 300 Frauen bei 14 Grad Raumtemperatur und ziehen wie Nähmaschinen die winzigen rot-braunen Körper aus den Garnelenschalen. Wir sind platt und fasziniert. Es stimmt also tatsächlich!
Diese Erfahrungen machen einen großen Teil der Faszination meines Berufes aus. Wir dürfen ganz häufig hinter die Vorhänge gucken und Lebenswelten von Menschen kennen lernen, die man als normaler Mensch nie sehen würde oder gar nicht auf die Idee käme, danach zu suchen. Ebenso faszinierend und inspirierend war die Arbeit mit unserer Hauptdarstellerin. Hinter dem Deich in Ostfriesland waren wir auf sicherem Terrain, das war klar. Da kannten wir uns aus. Aber mit der marokkanischen Kultur war ich kaum vertraut. Deshalb wollte ich unbedingt eine echte Marokkanerin. Sanâa Alaoui war die Einzige im Casting, konnte aber kein Wort Deutsch.

Ein Film mit Herz

Trotzdem begeisterte sie uns sofort mit ihrer umwerfenden Ausstrahlung. Den Casting-Text hatte sie phonetisch gelernt, beherrschte ihn aber virtuos. Ob dies allerdings über einen fünfwöchigen Drehzeitraum und Monologen von mehreren Drehbuchseiten gelingen würde, war für alle Beteiligten ein Wagnis. Aber Sanâa hat unsere Risikobereitschaft mit großer Leidenschaft und Präzision belohnt. Sie ist ein großer Gewinn für den Film und für mich ein Garant für die Glaubwürdigkeit der ganzen Geschichte. Eine Casting-Entscheidung, auf die ich stolz bin. Stolz bin ich aber auch auf das gesamte Ensemble mit teilweise langjährigen Weggefährten und mit Anna Loos, einem echten Star in einer vergleichsweise kleinen Rolle. Anna spielt Heins Ex-Frau Rieke mit großer Aufrichtigkeit, warmherzig und erdverbunden, real. Sie ist eine große Schauspielerin und ein echter Teamplayer. So entstehen Filme mit Herz!

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