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Propaganda aus Stein

Das steinerne Erbe des Nationalsozialismus bröckelt. An vielen faschistischen Bauwerken und Denkmälern nagt die Zeit, Sanierungen stehen an. Und die sind nicht gerade billig. Was also tun mit dem Nazi-Erbe?

Videolänge:
37 min
Datum:
21.08.2021
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 21.08.2025

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Sollen Bauten der NS-Zeit originalgetreu konserviert werden als seien sie "neutrales" Kulturgut? Oder wird die Nazi-Propaganda dadurch fortgesetzt? Strahlen die Bauten heute noch die menschenverachtende Ideologie aus? Und wenn ja, reicht eine Hinweistafel aus, um die Wirkkraft zu brechen?

Die anstehenden Sanierungen vieler Nazi-Bauten haben die Debatte um den Umgang mit Denkmälern aus der NS-Zeit neu entfacht. Die Orte erweisen sich als Herausforderung und Chance zugleich - für das Erinnern in einer Zukunft ohne Zeitzeug*innenschaft.

Nazi-Ideologie konservieren?

Stahlgerüst und weißes Planenmeer ranken sich um die ehemalige Führertribüne auf dem Berliner Olympiagelände, untermalt vom Surren der Bagger. Der Berliner Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder zückt ungläubig lachend das Handy. „Mit einem Riesenaufwand wird hergestellt, was die Nazis für ihre Propaganda gebaut haben. Und das ist inakzeptabel, das ist falscher Denkmalschutz.“ Der Grund seines Unmuts: Die Maifeldtribüne samt Glockenturm auf dem Berliner Olympiagelände werden gerade für 21,8 Mio. € saniert. Für Strieder wird hier Nazi-Ideologie wiederaufgebaut. Und das in Zeiten, in denen ein Bundestagsabgeordneter den Nationalsozialismus als „Vogelschiss" in der Deutschen Geschichte bezeichnet. Der Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin Dr. Christoph Rauhut hält dagegen: „Das ist keine Pflege von nationalsozialistischer Ideologie, sondern das sind Erhaltungsvorgänge, die dazugehören. Und ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Erbe auch erhalten müssen, um es zu erklären“.  

Auch der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank Dr. Meron Mendel sieht es als „unsere Pflicht“ an Bauten aus der NS-Zeit als „authentische Lernorte“ zu erhalten. „Wenn wir sie verfallen lassen würden, würden wir die Geschichte in Vergessenheit geraten lassen“, meint Mendel. Zentral sei die Kommentierung der Gebäude. Aber reichen Hinweistafeln an Orten wie dem Olympiagelände aus, um diese Orte kritisch einzuordnen? Oder braucht es Gegendenkmäler und Interventionen, um mit der in Stein-gemeißelten Ideologie zu brechen?

Mit Regenbogen gegen Rechts

Ein anonymes Nürnberger Künstler*innenkollektiv hat eine eigene, bildstarke Antwort auf diese Fragen gefunden. Über Nacht malte es ungefragt die Säulen der Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichparteitagsgelände in Nürnberg in wasserlöslichen Regenbogenfarben an. Der Auslöser für die künstlerische Intervention waren rassistische Anfeindungen auf dem Gelände. Der steinerne NS-Wahnsinn dient nicht nur Tourist*innen als Fotokulisse. Regelmäßig posieren auch Neonazis und Rechtsextreme zum Selfie auf der ehemaligen Führerkanzel, wo Hitler seine Reden in die Menge grölte. Die Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner fand das „Regenbogen Präludium“ zwar gut, doch nach einer baufachlichen Expertise ließ die Stadt nach nur zwei Tagen die Farben mit Hockdruckreinigern entfernen. Nun soll das Zeppelinfeld samt Tribüne für 85,1 Millionen saniert, begehbar gemacht sowie um vertiefende Vermittlungskonzepte ergänzt werden.

Während kritische Stimmen meinen, die Kunstaktion hätte nicht so radikal entfernt werden müssen, sehen andere das Werk als Auslotung von Fragen nach dem angemessenen Umgang mit NS-Hinterlassenschaften. Diskutiert wird auch, was besser geeignet ist, um die Bauwerke der Nazis um neue Bedeutungsschichten zu ergänzen:  temporäre oder permanente Gesten? Also anmalen, kommentieren – oder komplett umbauen?

Umformen – aber wie?

Wie umstritten der angemessene architektonische Umgang mit Gebäuden aus der NS-Zeit ist, zeigt die Debatte um das Haus der Kunst in München. 2016 wurde bekannt gegeben: Der britische Star-Architekt David Chipperfield solle sich der Sanierung des Museums annehmen. Sein Vorschlag: Der „grüne Vorhang“ vor dem ehemaligen Kunsttempel der Nazis müsse weg, die Treppe zurück. Quasi die Rückführung des Baus in seinen ursprünglichen Zustand von 1937. Die Präsidentin der Israelitischen  Kultusgemeinde München und Holocaust-Überlebende Dr. Charlotte Knobloch kritisiert den angedachten Rückbau als „Verherrlichung der Nazi-Vergangenheit“.

Auch in Düsseldorf regt sich Widerstand gegen ein Umbauvorhaben. Das 39er Kriegerdenkmal – ein NS-Lobgesang auf Militarismus – sollte ursprünglich dauerhaft verändert werden, doch nach einem Protestbrief, der sich gegen den Gewinnerentwurf wendete, steht die Realisierung nun infrage.

Nimmt Profanisierung den Schrecken?

Ob in Berlin, Nürnberg, Düsseldorf oder München: Bei den NS-Repräsentationsbauten und Denkmälern stellt sich immer auch die Frage: Wie können wir diese Orte nutzen? Zum Feierabendbier, Inlineskaten und Drachensteigen wie auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände? Nimmt Profanisierung den Schrecken und die Ehrfurcht? Oder führt sie zu Geschichtsvergessenheit? Welche Bedeutung haben die Bauten für nachfolgende Generationen? Können sie als „begehbare Lernorte“ Geschichte besser erfahrbar machen als die Lektüre eines Geschichtsbuches oder das Surfen im Netz? Die Generation der Zeitzeug*innen verstirbt allmählich, doch was bleiben wird, sind die Orte. Und die Frage nach dem Umgang damit. 

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