Granfluencer: Warum ältere Influencer Menschen begeistern
Phänomen "Granfluencer":Wie uns Senioren auf Instagram begeistern
von Stefanie Sommer
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Rosi aus Mainz ist 90 und erzählt in Videos auf Social Media von früher. Tausende Follower schauen ihr zu. Was macht die Faszination von Granfluencern wie ihr aus?
Nun werden auch Großeltern zu Influencern. Als sogenannte Granfluencer reden sie online
über Mode, Bücher oder ihre Stadt. Auch die 90-jährige Rosi aus Mainz folgt diesem Trend und berichtet über ihre Heimatregion.
02.01.2025 | 1:54 min
Wenn Rosi einmal in Fahrt kommt, hält sie nichts mehr. Enkelin Paula kann gerade noch so auf den Aufnahmeknopf ihres Handys drücken, da legt ihre Oma schon los. Deutet auf Häuser, Gässchen und Schilder, erzählt, wie es früher einmal in der Mainzer Innenstadt aussah. Wo sich während des Kriegs die Schwarzhändler trafen, wo sie in den Vierzigern ihre Ausbildung begann und wo früher einmal eine Straßenbahn durch die Stadt fuhr.
Granfluencer: Geschichten mit der Welt teilen
Rosi weiß alles, denn die 90-Jährige hat ihr ganzes Leben in Mainz verbracht. Ihre Geschichten erzählte sie zunächst nur ihrer Familie. Bis diese vor zwei Jahren befand, dass auch der Rest der Welt daran teilhaben sollte - und Rosi das erste Mal von Instagram hörte.
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Rosi, die eigentlich Rosemarie heißt und ihren Nachnamen lieber für sich behält, ist eine Granfluencerin - eine Wortkreation aus "grandma/grandpa" und "Influencer". Zwar weiß sie immer noch nicht genau, was das ist und wie Instagram eigentlich funktioniert - denn um Produktion und Uploads der Videos kümmern sich die Enkel. Doch sie hat Spaß daran. Ebenso wie ihre mittlerweile knapp 24.000 Follower.
Es sind oftmals ganz junge Leute, wo ich mir denke ‘Was haben die mit mir alter Scheckel noch am Hut?’ Aber ich freue mich.
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Rosi aus Mainz, Granfluencerin
Bücher, Mode, Sport: Was Granfluencer auf Social Media teilen
Nur zwölf Prozent von Rosis Community sind Mainzer, der Rest ist bunt gemischt. "Für viele Follower ist Rosi wie eine Ersatzoma", sagt ihre Enkelin Paula. Oft würden in den Kommentaren auch Fragen gestellt, etwa, wie Rosi sich fit hält oder wie man trotz Schicksalsschlägen positiv bleibt. Rosi beantwortet das gern. Anfragen für Werbekooperationen lehnt sie dagegen strikt ab: "Ich suche mir noch selbst aus, wo ich meinen Kaffee trinke."
So wie Rosi gibt es noch andere Granfluencer: Die 85-jährige Erika Rischko (128.000 Follower) gibt Sport-Tipps, der 82-jährige Antiquar Klaus Willbrand (156.000 Follower) macht Booktok und der 77-jährige Alojz Abram (2,5 Millionen Follower) präsentiert Mode. International bekannt sind unter anderem die 96-jährige Helen van Winkle aus Kentucky (3 Millionen Follower), die nach dem Motto "Stealing yo man Since 1928" lebt, oder die "Pasta Grannies" aus Italien (1,3 Millionen Follower) - hier ist der Name Programm.
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Was macht den Reiz von Granfluencern aus?
"Es ist ein Überraschungsmoment", sagt Ruth Gehrmann. "Man verbindet den digitalen Raum ja hauptsächlich mit jugendlichen Menschen." Gehrmann arbeitet im Sonderforschungsbereich Humandifferenzierung an der Universität Mainz und forscht zur Darstellung älterer Menschen in der Popkultur. Sie erklärt den Hype um Granfluencer auch damit, dass sie Jüngeren etwas die Angst vorm Altern nehmen. Denn sie hätten es geschafft, heute noch Teil der modernen Welt zu sein. "Man sieht sich selbst ein bisschen und hofft, dass man eines Tages auch so wird", sagt Gehrmann.
Auch könnten Menschen wie Rosi dazu beitragen, Wissen weiterzugeben, das sonst verloren ginge. Durch Granfluencer würde zudem die Präsenz von älteren Menschen in der Gesellschaft nicht in Vergessenheit geraten, so Gehrmann. Das könne Generationen miteinander verbinden - auch bei den Granfluencern selbst. Denn viele von ihnen bekommen bei ihren Projekten Unterstützung von ihren Enkeln.
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Doch es gibt auch Grenzen, sagt die Forscherin: "Granfluencertum ist wie alles auf Social Media in Szene gesetzt". Schließlich müsse man "eine gewisse Form von Alter präsentieren, die als erfolgreich wahrgenommen wird". Dem stimmt auch Frank Berner vom Deutschen Zentrum für Altersfragen zu. Was man auf Social Media sehe, sei "bestenfalls ein kleiner Ausschnitt, oft aber eine Show". Zwar seien einige Granfluencer wie Vorbilder, die bei Zuschauern einen "Wow"-Effekt erzielen. Doch nicht alle repräsentieren demnach den tatsächlichen Alltag der Bevölkerung.
Stefanie Sommer arbeitet im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
Quelle: dpa
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