Haiti: Gewalt durch Gangs führt zu humanitärer Katastrophe

    Aktuelle Lage in Haiti:Gang-Gewalt führt zu humanitärer Katastrophe

    Steffanie Riess
    von Steffanie Riess
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    Kriminelle Gangs kontrollieren große Teile Haitis - Menschen werden willkürlich ermordet, die Versorgung bricht zusammen. Nun soll ein Übergangspräsidialrat die Gewalt beenden.

    Haiti Violence
    Police take cover during an anti-gang operation next to the National Palace in Port-au-Prince, Haiti, Monday, April 8, 2024. (AP Photo/Odelyn Joseph)
    Quelle: AP

    Haiti ist ein führungsloser Staat. Es gibt keine Regierung, kein effektives Justizsystem, die Sicherheitskräfte sind überfordert. Dieses Vakuum füllen kriminelle Gangs, die inzwischen de facto die gesamte Hauptstadt Port-au-Prince, sowie große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht haben. Eine ungezügelte Gewaltherrschaft, ermöglicht durch den skrupellosen Einsatz schwerer Waffen, viele davon "made in USA".

    Polizei in Haiti - machtlos gegen die Gewalt

    Die kenianische Polizei soll ihren haitianischen Kollegen eigentlich Verstärkung bringen. Kenias Präsident William Ruto hatte bereits im Oktober 2023 die Entsendung von 1.000 Polizisten an der Spitze einer multinationalen Sicherheitstruppe zugesagt und am 1. März 2024 ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Seither lässt dieser Einsatz allerdings auf sich warten - und die Zeit läuft. Mit jeder Minute können die mordenden Gangs weiter im Land wüten.
    bewaffnete Männer auf den Straßen Port-au-Prince
    Kriminelle Banden greifen in Haiti nach der Macht. Sie haben sich zu einer Armee verbündet, um die Regierung zu stürzen.13.03.2024 | 6:29 min

    Medizinische Versorgung bricht zusammen

    Die internationale Gemeinschaft hält sich zurück, betont die Notwendigkeit einer "haitianischen Lösung" und beschränkt sich auf die Zusage finanzieller Unterstützung. Für viele Bewohner der Hauptstadt Port-au-Prince wird das pure Überleben zu einem brutalen Alltagskampf. Jeder Schritt auf die Straße - ob zum Einkaufen, oder auf dem Weg zur Arbeit - kann tödlich enden. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres wurden über 1.500 Menschen getötet und über 800 verletzt, viele davon Menschen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren und in den Kugelhagel der Gangs gerieten.
    Medizinische Hilfe für Verletzte gibt es kaum noch - das Gesundheitssystem in Port-au-Prince ist praktisch zusammengebrochen, da auch viele Ärzte vor Angst zu Hause bleiben oder aus Haiti geflohen sind. Es gibt nur noch ein einziges funktionierendes Krankenhaus. Ausländische Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen halten eine Notversorgung aufrecht, doch die Vorräte werden knapp. Sowohl der Flughafen als auch der Hafen von Port-au-Prince sind in Kontrolle der Gangs, was die Versorgung mit medizinischen Hilfsgütern zusätzlich erschwert.
    Frau flüchtet mit Kind, im Hintergrund Flammen
    Due USA fliegen Staatsbürger aus Haiti aus. Grund hierfür ist die seit Wochen eskalierende Gewalt in dem Karibikstaat.21.03.2024 | 1:33 min

    UN warnen vor Hungersnot in Haiti

    Auch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln wird aufgrund der Unterbrechung der Handelsrouten immer schwieriger. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt regelmäßig vor einer bevorstehenden Hungersnot. Über fünf Millionen Menschen, 50 Prozent der Gesamtbevölkerung Haitis, sind von akutem Hunger bedroht. Drei Millionen davon sind Kinder. Was es an Hilfslieferungen ins Land schafft, wird oft von Straßensperren der Gangs daran gehindert, bedürftige Gemeinden zu erreichen. Gleichzeitig liegt der eigene Lebensmittelanbau im Land vielerorts brach. William O’Neill, UNO Experte zu Haiti, nannte die mangelnde Finanzierung durch die internationale Gemeinschaft in einem Briefing "eine Tragödie für sich".
    Wer kann, verlässt Haiti, oder zumindest Port-au-Prince. Doch der Weg aus dem Land steht nur wenigen Menschen offen, die im Besitz der nötigen Ressourcen sowie Visa sind. Die meisten Haitianer suchen daher Sicherheit im eigenen Land. Die Vereinten Nationen haben rund 362.000 intern Vertriebene in Haiti gezählt.
    Menschen auf den Straßen von Port-au-Prince in Haiti.
    In Haiti ist bei Schießereien zwischen Polizei und Banden im Regierungsviertel von Port-au-Prince ein Mensch gestorben. Die Gangs kontrollieren große Teile des Karibikstaates02.04.2024 | 0:22 min

    Übergangspräsidialrat soll Ordnung wieder herstellen

    Wochenlang verharrte das südamerikanische Land in einem politischen Vakuum, entstanden durch die Rücktrittserklärung des amtierenden Premierministers Ariel Henry Mitte März. Die vorgesehene "friedliche Machtübergabe" an einen Übergangspräsidialrat scheiterte bisher an Streitigkeiten über die Zusammensetzung dieses Rats.
    Anfang dieser Woche nun hatten sich führende Politiker auf einen solchen Rat geeinigt. Das Gremium soll die Ordnung im Land wiederherstellen, heißt es in einer verbreiteten Mitteilung, wie die englischsprachige Zeitung "Haiti Times" berichtete. Der Rat, dem Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und religiösen Organisationen angehören, soll einen neuen Premierminister bestimmen und "demokratische, freie und glaubwürdige Wahlen" vorbereiten. Das Gremium soll 22 Monate, bis zum 07. Februar 2025, bestehen.

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