Was wird aus den Tausenden IS-Kämpfern in syrischer Haft?
Lager und Gefängnisse in Syrien:Was wird aus den inhaftierten IS-Kämpfern?
von Julia Klaus
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Tausende IS-Anhänger sitzen in Syrien in Haft - bewacht von kurdischen Milizen. Nun fordert die Türkei, dass die neue islamistische Regierung die Kontrolle übernimmt. Ein Risiko?
Jahrzehnte der Terrorherrschaft in Syrien sind zu Ende. Was die neuen Herrscher planen, ist noch nicht klar. Europa will beim Übergang helfen, Außenministerin Baerbock reiste nach Damaskus.03.01.2025 | 3:50 min
Nach dem Sturz von Syriens Diktator Baschar al-Assad steht das Land vor einer ganzen Reihe an Altlasten aus dem langjährigen Bürgerkrieg. Ein zentrales Problem ist der Umgang mit Tausenden inhaftierten Anhängern der Terrororganisation "Islamischer Staat". Bewacht werden sie in Lagern und Gefängnissen im Nordosten von kurdischen Milizen, die dort eine Selbstverwaltung aufgebaut haben.
Nun will die Türkei offenbar die Chance nutzen, um die von ihr bekämpften Kurden weiter zu schwächen. Der türkische Außenminister Hakan Fidan hatte am Donnerstag dafür plädiert, dass die neue Regierung alle Lager und Gefängnisse in Syrien übernehmen solle, in denen IS-Anhänger einsitzen. Die Türkei sieht in kurdischen Milizen wie den PYD und ihren politischen Ablegern PKK-nahe Terroristen.
Erdoğans Türkei nutzt die Gunst der Stunde nach dem Sturz Assads, um ihre Macht in Syrien auszuweiten und geht weiter gegen die Kurden im Nordosten des Landes vor.18.12.2024 | 6:19 min
Khaled Davrisch, Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, weist diese Forderung gegenüber ZDF Frontal zurück: "Es ist noch viel zu früh, über so etwas zu diskutieren. Wir wissen nicht, in welche Richtung sich Syrien unter Präsident al-Dschulani entwickelt."
Am Freitag war die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock nach Syrien gereist, um den neuen Machthaber zu treffen. Ob es dabei auch um die IS-Lager und die kurdischen Gebiete ging, ist noch nicht bekannt.
In Nord-Syrien eskalieren die Kämpfe zwischen Islamisten und kurdischen Milizen. Zivilisten fliehen aus den umkämpften Gebieten, die Lage spitzt sich weiter zu.31.12.2024 | 2:33 min
Zehntausende IS-Angehörige in Lagern und Gefängnissen
Kurdische Kräfte hatten den IS 2019 militärisch besiegt. Dessen Kämpfer und Anhänger sitzen aktuell in zwanzig Gefängnissen und zwei Lagern, die von der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord-und Ostsyrien betrieben werden.
In den Gefängnissen sitzen etwa 10.000 IS-Kämpfer ein.
In den beiden Camps al-Hol und Roj sind es noch einmal rund 50.000 Personen aus IS-Familien.
"In den Lagern leben allein zwischen 10.000 und 15.000 Kinder, die bald volljährig werden. Es ist die nächste IS-Generation, die noch radikaler als ihre Väter ist", so Khaled Davrisch.
Die Selbstverwaltung hatte in der Vergangenheit mehrfach betont, dass Staaten ihre IS-Angehörigen zurückholen sollen. Das unterblieb größtenteils. Deutschland brachte schließlich 27 Frauen, 80 Kinder und einen Heranwachsenden zurück, der als Kind nach Syrien gebracht worden war. Noch immer sitzt eine "niedrige zweistellige Zahl an Frauen mit ihren Kindern mit Deutschlandbezug" in Nordost-Syrien, wie das Auswärtige Amt mitteilt. Um die Männer hingegen kümmerte sich bislang keine Bundesregierung, viele sind noch immer in Haft.
Mehr als 100.000 Syrer werden noch vermisst. Viele Angehörige suchen im berüchtigten Gefängnis Saydnaya. Unterwegs mit Menschen, die sich aus Hoffnung dem Schrecken stellen.20.12.2024 | 24:27 min
Auswärtiges Amt will Männer nicht zurückholen
ZDF Frontal kennt die Namen von elf Männern, wobei in manchen Fällen unklar ist, ob sie noch leben. Hinzu kommen Männer mit Bezug zu Deutschland, weil sie hier aufgewachsen sind oder hier gelebt haben. Laut Auswärtigem Amt handelt es sich um eine "niedrige bis mittlere zweistellige Zahl" von Männern mit deutscher Staatsangehörigkeit, die in den Gefängnissen sitzen. Ihre Rückholung sei nicht geplant, so eine Sprecherin.
Für die Kurden seien die Lager auch eine Art politisches Faustpfand, wie der Politologe Peter Neumann gegenüber ZDF Frontal erklärt:
Die Türkei hat verstanden, dass der Westen die Regionalautonomie der Kurden vor allem unterstützt, weil es die IS-Lager gibt.
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Peter Neumann, Politologe und Terrorismus-Forscher am King's College
Was macht "Unsicherheitsfaktor" Donald Trump?
Entscheidend dürfte nun die Rolle der USA und des neuen US-Präsidenten Donald Trump sein. Die USA unterstützen die Kurden im Kampf gegen den IS. Derzeit sind noch 2.000 US-Soldaten in Syrien stationiert. Sollten sie abziehen, könnte die Regionalautonomie zerfallen.
Aus dem Weißen Haus kamen zuletzt unterschiedliche Zeichen. Einerseits lud man wichtige kurdische Politiker zur Vereidigung von Trump nach Washington ein. Andererseits hatte Trump getwittert, die USA habe "nichts mit Syrien zu tun" und man solle sich "nicht einmischen". Der Politologe Neumann ist überzeugt:
Trump ist der Unsicherheitsfaktor. Er und Erdogan verstehen sich gut. Es könnte sein, dass er sich beispielsweise in einem Telefonat überzeugen lässt, die US-Truppen abzuziehen, obwohl sein Stab andere Pläne hat.
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Peter Neumann, Politologe und Terrorismus-Forscher am King's College
Zwischen Angst und Hoffnung nach dem Sturz des Assad-Regimes: Syrische Flüchtlinge in Deutschland17.12.2024 | 7:28 min
Sollten die IS-Gefängnisse tatsächlich unter Kontrolle der syrischen Übergangsregierung gestellt werden, gibt es noch eine weitere Befürchtung: Was passiert, wenn die HTS die IS-Kämpfer aus den Gefängnissen entlässt - und diese mittelfristig nach Europa zurückkommen?
Der Westen hat es eindeutig versäumt, seine Staatsangehörigen geordnet zurückzuholen und in ihren Heimatländern vor Gericht zu stellen. Bald schon könnte die Zeit drängen.
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Peter Neumann, Politologe und Terrorismus-Forscher am King's College
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