Abgedrängte Kampfjets: So wird der Nato-Luftraum geschützt

    Abgedrängte Kampfjets bei Polen:So wird der Nato-Luftraum geschützt

    Jan Schneider
    von Jan Schneider
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    Immer wieder kommt es im Luftraum über der Ostsee zu Zwischenfällen zwischen Nato-Streitkräften und Russland. Die Eskortflüge sind dabei auch eine Art Machtdemonstration.

    Russischer Kampfjet SU-27
    Russischer Kampfjet SU-27, Archivbild
    Quelle: ap

    Niederländische Kampfflieger haben drei russische Militärflugzeuge nahe dem polnischen Luftraum abgefangen. Die beiden F-35 hätten die russischen Maschinen identifiziert, begleitet und dann einem anderen Nato-Partner übergeben, teilte das niederländische Verteidigungsministerium am Montagabend in Den Haag mit. Demnach näherten sich die Flugzeuge aus Richtung Kaliningrad der Grenze des polnischen Nato-Luftraums.
    Karte: Kaliningrad
    Karte: Die russische Exklave Kaliningrad (ehemals Königsberg) in Nato-Gebiet
    Quelle: ZDF

    Welche Flugzeuge wurde entdeckt?

    Bei den russischen Maschinen habe es sich um ein Aufklärungsflugzeug sowie zwei flankierende Jagdflugzeuge gehandelt. "Nach der Identifizierung stellte sich heraus, dass es sich um drei Flugzeuge handelte: eine russische IL-20M Coot-A, die von zwei Su-27 Flankern begleitet wurde", heißt es in einer Erklärung des niederländischen Verteidigungsministeriums. Alle drei Flugzeuge seien ohne Transponderabstrahlung und ohne Flugplan unterwegs gewesen. Flugfunktransponder werden zur Identifizierung von Flugzeugen genutzt.

    Ist das ein außergewöhnlicher Zwischenfall?

    Abfangeinsätze dieser Art werden von den Alarmrotten der Nato durchgeführt: Dabei handelt es sich um zwei bis drei Jagdflugzeuge oder Abfangjäger, die den Luftraum über den Natostaaten schützen sollen. Daher kam es nun auch dazu, dass niederländische Jets den polnischen Luftraum geschützt haben. Im Februar und März sind acht niederländische F-35 in Polen stationiert.
    Die Verteidigungsminister der 30 Nato-Staaten treffen sich zur Stunde in Brüssel. Sie beraten darüber, wie die Ostflanke an der Grenze zu Russland gestärkt werden kann.15.02.2023 | 0:23 min
    Es sei keine Seltenheit, dass eine dieser Alarmrotten aufsteigen muss, erklärt ein Sprecher der Deutschen Luftwaffe gegenüber ZDFheute. Es komme im Durchschnitt zu einem Einsatz alle ein bis zwei Wochen, also eine mittlere zweistellige Zahl an Einsätzen pro Jahr.
    Ungefähr ein- bis zweimal pro Monat steigt die deutsche Alarmrotte außerdem auf, weil der Funkkontakt zu zivilen Flugzeugen abgebrochen ist. 

    Wie ist es zu diesem Zwischenfall gekommen?

    Jedes Land verfügt über einen nationalen Luftraum, der sich auch einige Kilometer über die Küste hinaus erstreckt. In besagtem Fall waren die russischen Jets wohl auf dem Rückweg von der russischen Exklave Kaliningrad und mussten dabei durch einen Korridor über der Ostsee, der als internationaler Luftraum gilt.

    Es passiert also immer mal wieder, das russische Flugzeuge dabei den Luftraum passieren oder touchieren.

    Sprecher der Luftwaffe

    Die Luftwaffe müsse diese Vorfälle dann in Abstimmung mit den Nato-Partnern bewerten, und gerade weil die Jets mit deaktivierten Transpondern geflogen sind, schickte die Nato eine Alarmrotte, um die Situation per Sichtkontakt aufzuklären. Wobei das Fliegen ohne Transponder beim Militär eher der Standard sei, fügt der Luftwaffen-Sprecher hinzu.
    Die Infografik zeigt ein Mehrzweckkampfflugzeug und erklärt wichtige Merkmale. So besitzen viele Jets spezielle Aufklärungstechnik, sind mit gelenkten wie ungelenkten Bomben und Raketen ausgestattet, haben meist eine Bordkanone, werden von 1-2 Personen geflogen und erreichen eine Höchstgeschwindigkeit - je nach Typ und Flughöhe - von 1.200 bis 2.500 Kilometern pro Stunde.

    Wie wird der deutsche Luftraum überwacht?

    Einsätze dieser Art im deutschen Luftraum werden im Nationalen Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum (NLFZ SiLuRa) überwacht und koordiniert. Das NLFZ SiLuRa wird seit Juli 2003 als deutsche Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und die Entführung eines Kleinflugzeuges in Frankfurt im Januar 2003 betrieben. Seinen Sitz hat das NLFZ im Nato-Gefechtsstand Paulsberg bei Uedem. Dort arbeiten Kräfte verschiedener Resorts zusammen: die Deutsche Flugsicherung (DFS) aus dem Verantwortungsbereich des Innenministeriums, die Bundespolizei sowie die Luftwaffe der Bundeswehr.
    Anspruch ist es, jedes Flugzeug über deutschem Hoheitsgebiet innerhalb von zwei Minuten nach Entdecken zu identifizieren und weiterzuverfolgen. Dafür werden 18 militärische und über 50 zivile Radargeräte genutzt, außerdem stehen dafür acht einsatzbereite Flugzeuge an zwei Standorten in Deutschland bereit.
    Deutschland beteiligt sich zudem am sogennanten Air-Policing in den baltischen Staaten, die nicht über eine eigene Luftwaffe verfügen. Seit August sind daher fünf Eurofighter auf dem Militärflugplatz Ämari in Estland stationiert.

    Air-Policing als Deeskalation

    Die Einsätze der Alarmrotten sollen neben dem Schutz des Luftraums auch noch einen zweiten Zweck erfüllen, erklärt der Oberstleutnant und Eurofighter-Pilot Jürgen Schumann in einem Video der Bundeswehr: Es sei auch eine sogenannte "Show of Force", also eine Demonstration militärischer Stärke. Man zeige, dass man da sei um die russischen Kampfflugzeuge genauer in Augenschein zu nehmen und nähere sich teilweise bis auf zehn Meter.
     

    Manchmal zeigen wir auch durch eine Kurvenbewegung des eigenen Flugzeugs die Waffen.

    Jürgen Schumann, Oberstleutnant

    Alarmbereitschaft ist auch auf russischer Seite

    Nicht nur die Nato-Staaten sind darauf bedacht, ihren Luftraum gegen mögliche Eindringlinge zu schützen. Mitte Januar meldete das russische Militär, es habe ein deutsches Aufklärungsflugzeug vom Typ Lockheed P-3C Orion über der Ostsee weg vom russischen Luftraum eskortiert. Die Maschine der Bundeswehr habe vor Erreichen des russischen Luftraums abgedreht.
    Die Spannungen im Luftraum über der Ostsee zwischen Nato-Streitkräften und Russland haben sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar vergangenen Jahres intensiviert. Moskau hat in der Region mit der Exklave Kaliningrad einen militärisch stark ausgebauten Vorposten. Dort hat auch die russische Ostseeflotte ihre Heimat. Bei Flügen von oder zu der Exklave kommt es immer wieder zu Zwischenfällen.
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