Karfreitagsabkommen: Der brüchige Frieden in Nordirland

    25 Jahre Karfreitagsabkommen:Wie stabil ist der Frieden in Nordirland?

    |

    Das Karfreitagsabkommen von 1998 hat die Gewaltspirale im Nordirlandkonflikt beendet - seitdem hält der Frieden. Zum 25. Jubiläum blieb es jedoch nicht überall im Land friedlich.

    Ohne große Zeremonien - aber mit vereinzelten Ausschreitungen - ist in Nordirland der 25. Jahrestag des sogenannten Karfreitagsabkommens begangen worden. Zu Ausschreitungen kam es am Montag in Londonderry, die Polizei wurde dabei nach eigenen Angaben von maskierten Jugendlichen unter anderem mit Brandbomben angegriffen. Es habe aber keine Verletzten gegeben.
    Bis zu jenem Karfreitag vor 25 Jahren war es ein langer und blutiger Weg -endlich Frieden in Nordirland: Acht Konfliktparteien einigten sich am 10. April 1998, in einer Kirche in Belfast, im Karfreitagsabkommen auf einen historischen Kompromiss. Bis dieser Frieden besiegelt war, mussten sich die Verhandler von den wichtigsten nordirischen Konfliktparteien, Irland und Großbritannien heimlich treffen. Vor allem die Nordiren mussten Rache von ihren eigenen Hardlinern befürchten, wie der frühere Bischof in Belfast, Noel Treanor, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) berichtete.

    Nord- und Irland: Große Mehrheit votierte für Abkommen

    Am Ende aber votierten in einer Volksabstimmung 71 Prozent der Nordiren und 94 Prozent der Iren für das Abkommen. Irland verzichtete darin auf den Anspruch einer Wiedervereinigung, im Gegenzug soll diese per Referendum aller Nordiren möglich bleiben. Die festgeschriebene Bildung einer gemeinsamen Regierung von Unionisten und Republikanern soll den Friedensprozess im Land schützen.
    Entwaffnung, Haftentlassungen und eine Reduzierung der britischen Truppen waren weitere Bestandteile. Und ein Passus, der nun, im Angesicht des Brexit 2020 und des dazugehörigen Nordirland-Protokolls, noch einmal eine ganz neue Brisanz erhalten hat: Nordiren haben seit 1998 das Recht, zusätzlich zum britischen einen irischen und damit voll EU-gültigen Pass zu beantragen.

    Historische Wurzeln eines blutigen Konflikts

    Die Ursache des Konflikts wurzelt tief in der Geschichte. Im Hochmittelalter drangen die Normannen aus England bis auf die irische Insel vor. 1801 wurde Irland gar komplett der englischen Krone unterstellt.
    Das 20. Jahrhundert stand dann im Zeichen von Widerstand und Partisanenkrieg: Osteraufstand 1916, Bürgerkrieg, seit 1949 eine unabhängige Republik Irland - wobei der Nordosten unter englischer Kuratel blieb, ein Teil des "Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland".

    Gewalt und Gegengewalt beherrschten Nordirland

    Die irische Republik pochte stets auf eine Herausgabe des Nordens - in dessen ländlichen und ärmeren Regionen die katholischen Iren in der Mehrheit waren. Ab 1966 wurde der Konflikt durch Attentate blutig und brutal.
    Gewalt der "Irisch-Republikanischen Armee" (IRA) wurde mit Gegengewalt und Vergeltung beantwortet. Die britische Armee, zur Beruhigung der Lage herbeigerufen, verlor ihre anfängliche Neutralität und wurde selbst Partei.

    Durch "Blutsonntag" eskalierte die Situation

    Nach dem "Blutsonntag" (Bloody Sunday), als im Januar 1972 in Derry 13 unbewaffnete Demonstranten von englischen Fallschirmjägern erschossen wurden, eskalierte die Lage. Die englische Regierung übernahm die Kontrolle und entmachtete das nordirische Parlament.
    Nordiren beider Seiten fühlten sich von der jeweiligen Heimatfront zu wenig unterstützt. Milizen radikalisierten und spalteten sich. Die Lage wurde vollends unübersichtlich. Rund 3.500 bis 4.000 Menschen starben, etwa die Hälfte davon Zivilisten.

    Konflikt gärt trotz Karfreitagsabkommen weiter

    Der Schlussstrich unter Jahrzehnte des Blutvergießens gelang mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 tatsächlich. Doch der Konflikt schwelt bis heute weiter.
    Es gibt Rückschläge, unversöhnliche Haltungen, schwierige Regierungsbildungen; vereinzelt gab es sogar Ausschreitungen und Bombenexplosionen. Dennoch: Die gesellschaftliche Aussöhnung ist seitdem auf einem positiven Weg.

    Frage nach EU-Beitritt könnte Lage zuspitzen

    Die Nordirland-Frage ist allerdings der politisch heikelste Aspekt des gesamten Brexit. 56 Prozent der Nordiren hatten sich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen - klare Mehrheiten dafür gab es in den katholisch bewohnten Wahlkreisen.
    Die Irland-affinen Katholiken schielen weiter auf die EU und manche, wie der Abgeordnete der Sinn-Fein-Partei, John Finucane, sogar auf die "Möglichkeit eines Einheitsreferendums" für ein Ende der irischen Teilung. Der Sprengstoff für solche Bestrebungen liegt auf der Hand.

    1169: Eindringen englischer Normannen in Irland

    1606: Die englische Krone versucht, in Irland die Reformation einzuführen. Sie besiedelt die Provinz Ulster (Nordirland) mit protestantischen Engländern und Schotten. Katholische Grundbesitzer werden in den unwirtlichen Westen verdrängt.

    1801: Eingliederung Irlands ins Königreich England und Irland. Das irische Parlament löst sich auf.

    1916: Im Osteraufstand rebellieren in Dublin rund 1.500 Republikaner gegen die Briten, die ein Exempel statuieren und die Rädelsführer hinrichten. Die Rebellen werden zu Märtyrern, die Unabhängigkeit zum Ziel der Iren erklärt.

    1919 bis 1923: Irischer Unabhängigkeitskrieg. Der Krieg endet 1922 mit einer Teilung in den "Irischen Freistaat" und Nordirland. Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) beansprucht, provisorische Regierung für ganz Irland zu sein.

    1937: In einem Referendum stimmen die Iren für eine neue Verfassung.

    1949: Per Gesetz wird Irland zur Republik - ohne Verfassungsänderung - und scheidet aus dem britischen Commonwealth aus. Der Titel eines "Königs von Irland" wird 1952 abgeschafft.

    1966: Gründung der protestantischen Terrororganisation Ulster Volunteer Force (UVF), die mit politischen Morden und Anschlägen die Spannungen in Nordirland anheizt.

    1968: Katholiken gehen erstmals gegen die Politik der Unionisten auf die Straße. Ihre Kundgebungen werden verboten, Demonstranten von Polizisten niedergeknüppelt. Die Wut weitet sich aus, Wiedererstarken der radikalen IRA.

    1969: Erneute Gewalt ("Troubles"), als Protestanten die katholischen Viertel Bogside in Derry stürmen. Der Polizei Nordirlands (RUC) gelingt es drei Tage lang nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die britische Armee schlägt den Aufstand gewaltsam nieder.

    1972: Neue Eskalation durch den "Blutsonntag" (Bloody Sunday); 13 Demonstranten werden von britischen Fallschirmjägern erschossen.

    1975: Geheimverhandlungen zwischen IRA-Führung und britischer Regierung führen zu einem zwölfmonatigen Waffenstillstand bis Januar 1976. Dieser wird durch eine Mordserie protestantischer Ultras gegen katholische Zivilisten hintertrieben. Die IRA antwortet mit Vergeltungsmaßnahmen.

    1998: Acht Konfliktparteien einigen sich am 10. April im sogenannten Karfreitagsabkommen von Belfast auf einen historischen Friedenskompromiss.

    2005: Die IRA erklärt den bewaffneten Konflikt für beendet.

    2010: Die Zuständigkeit für Nordirlands Polizei und Justiz wird wieder unter die Leitung eines nordirischen Justizministers gestellt.

    2016: Beim britischen Referendum über den EU-Austritt stimmen 56 Prozent der Nordiren für einen Verbleib - doch die landesweite Mehrheit von 51,9 Prozent gibt den Ausschlag für den "Brexit".

    2020: EU-Austritt Großbritanniens: Die EU-Außengrenze verläuft nun faktisch zwischen Nordirland und Irland.

    Quelle: KNA

    Quelle: KNA, AFP
    Themen