Lenacapavir: Sicherer Schutz vor HIV-Infektion durch Spritze
Menschen mit hohem HIV-Risiko:Spritze soll HIV-Infektion sicher verhindern
von Thomas Förster
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Seit Jahrzehnten versuchen Forscher weltweit die HIV-Pandemie in den Griff zu bekommen. Der Wirkstoff Lenapacavir soll eine Infektion zu 100 Prozent verhindern. Was das bedeutet.
Große Hoffnung im Kampf gegen HIV: Eine halbjährliche Spritze mit dem Wirkstoff Lenacapavir soll effektiv vor Ansteckung schützen. Was steckt dahinter?29.11.2024 | 5:02 min
Weltweit infizieren sich jedes Jahr etwa 1,3 Millionen Menschen neu mit HIV. Rund 630.000 Menschen sterben noch immer an den Folgen der jahrzehntelangen HIV-Pandemie.
Nachdem die Zahlen auch durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie leicht gesunken waren, steigen sie in einigen Regionen der Welt inzwischen wieder an, etwa in Osteuropa und im Nahen Osten.
Um die Zahl der Neuinfektionen spürbar zu senken, sehen HIV-Forscher wie Christian Gaebler in Medikamenten zur Prävention eine große Chance.
Wenn wir das richtig anstellen, kann das dazu führen, dass keine Neuinfektionen mehr auftreten.
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Prof. Dr. Christian Gaebler, Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin, Charité Berlin
HIV-Therapie reduziert auch Infektionsrisiko
Seit Jahrzehnten gibt es Medikamente, die dem Körper nach einer Infektion mit HIV dabei helfen, das Virus in Schach zu halten und den Ausbruch von Aids zu verhindern. Bis in die 1990er Jahre hatten die Präparate starke Nebenwirkungen. Patienten starben sogar.
Dank moderner Medikamente kann man mit HIV heute gut leben. Doch noch immer werden HIV-Positive ausgegrenzt – obwohl sie nicht mehr ansteckend sind.22.07.2024 | 2:39 min
Heutige Therapien sind dagegen gut wirksam und haben nur wenige Nebenwirkungen. Die Medikamente können die Viruslast bis unter die Nachweisbarkeitsgrenze senken. Damit ist eine Infektion anderer Menschen nicht mehr möglich. Doch nur wo moderne Therapien verfügbar sind, stirbt bis auf wenige Ausnahmen keiner mehr an Aids.
Die Abkürzung HIV steht für Human Immunodeficiency Virus, das Virus, das das Immunsystem angreift und schwächt. Aids steht für Acquired Immunodeficiency Syndrome und bedeutet „erworbenes Immunschwächesyndrom“. Es handelt sich um das Krankheitsbild einer HIV-Infektion im fortgeschrittenen Stadium. Das Immunsystem ist durch das Virus so stark geschädigt, dass es Infektionen kaum noch bekämpfen kann. Erkrankungen wie eine Lungenentzündung können für die Betroffenen dann tödlich enden.
Neuer Wirkstoff zur HIV-Prophylaxe
Gamechanger - so bezeichnen viele Experten Lenacapavir. Der Wirkstoff soll die Infektion mit HIV verhindern, ist also ein Medikament zur Vorsorge. Die sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP, muss nur zweimal im Jahr gespritzt werden.
Im Sommer 2024 wurden in Deutschland die ersten Studienergebnisse vorgestellt. Demnach schützte Lenacapavir Frauen mit einem erhöhten Infektionsrisiko zu 100 Prozent vor einer HIV-Infektion. Es gab keine einzige Neuinfektion. Christian Gaebler war bei der Präsentation der Zahlen dabei. Das Ergebnis war für ihn beeindruckend.
Diese Null zu sehen war wirklich sehr bedeutsam und wirklich ein riesiger Erfolg.
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Prof. Dr. Christian Gaebler, Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin, Charité Berlin
In Deutschland leben fast 100.000 Menschen mit einer HIV-Infektion. An der Berliner Charité gilt erst zum zweiten Mal ein Aids-Patient als geheilt. Ein Fall, der Hoffnung macht.18.07.2024 | 1:37 min
An der PURPOSE-1-Studie nahmen 5.338 Frauen in Afrika zwischen 16 und 25 Jahren teil, die alle ein hohes HIV-Risiko hatten. In der Gruppe der Studienteilnehmerinnen die Lenacapavir nutzten, kam es zu keiner Infektion.
Daneben bekamen zwei andere Gruppen je eine Tablette zur Standard-Prophylaxe. In der einen Gruppe kam es zu 16 Infektionen unter 1.068 Frauen, in der anderen zu 39 Infektionen unter 2.136 Frauen.
Kurz vor dem diesjährigen Welt-Aids-Tag wurden die Ergebnisse einer weiteren Studie veröffentlicht. Die PURPOSE 2-Studie bestätigt die hohe Schutzwirkung von Lenapapavir. Von 2.183 Probanden infizierten sich nur zwei mit HIV und damit erheblich weniger als in der Vergleichsgruppe, die eine Tablette als Prä-Expositions-Prophylaxe einnahm.
Prophylaxe-Präparate gegen HIV gibt es in Tablettenform schon seit einigen Jahren. 2019 wurden sie eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen für bestimmte HIV-Risiko-Gruppen.
Die Präparate reduzieren bei täglicher Einnahme das Infektionsrisiko weitgehend. Trotzdem nutzen schätzungsweise nur ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen diese vorbeugende Maßnahmen. Die Gründe sind:
fehlendes Wissen
Angst vor Stigmatisierung bei täglicher Einnahme
hohe Zugangshürden
Denn nur Ärzte mit einer besonderen Qualifikation dürfen die Medikamente verschreiben. Das Angebot ist klein und man muss mit langen Wartezeiten rechnen.
Experten sind sicher, dass Lenacapavir mehr Menschen von der Prophylaxe überzeugen könnte. Denn: Zwei Spritzen im Jahr bedeuten eine geringere Hürde als die tägliche Tabletteneinnahme.
HIV lässt sich mittlerweile gut behandeln. Auch an einer Heilung wird weiter intensiv geforscht. Welche Ansätze Experten verfolgen und wie sie die Chance auf Erfolg einschätzen.
von Maurice Göbel
FAQ
Verfügbarkeit von Lenacapavir unklar
Obwohl Lenacapavir das Potential haben könnte die HIV-Pandemie zu beenden, ist derzeit noch unklar, ob der Wirkstoff weltweit verfügbar sein wird. Der Hersteller hat in einer Stellungnahme angekündigt, das Prophylaxe-Präparat zunächst nicht in Deutschland einzuführen.
Unter den derzeit gültigen Rahmenbedingungen würden demnach Innovationen im Bereich HIV nicht ausreichend honoriert. Christian Gaebler kritisiert das.
Wenn wir Neuinfektionen verhindern können, dann wäre es wichtig, dass diese auch weltweit verfügbar sind.
„
Prof. Dr. Christian Gaebler, Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin, Charité Berlin
Der Hersteller hat mitgeteilt, Lizenzen an Firmen zu vergeben, die Lenacapavir als Generika günstig produzieren können. Sie dürften damit aber nur Entwicklungsländer versorgen, in denen das HIV-Problem am größten sei.
Für viele schwule Männer kommt die Angst vor HIV zurück. Der Grund: Die PrEP ist knapp - also die Arznei, die vor einer HIV-Ansteckung schützt. Und auch andere Medikamente fehlen.06.02.2024 | 5:20 min
Quelle: dpa
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