Wetterextreme 2017 – Ist das der Klimawandel?

Verbraucher | Volle Kanne - Wetterextreme 2017 – Ist das der Klimawandel?

Alfred, Paul und Rasmus hießen die Tiefs, die in Deutschland statt Sommersonne Sintfluten brachten. Auch weltweit spielte das Wetter verrückt. Meeres- und Klimaforscher Mojib Latif klärt auf, inwieweit Wetterextreme mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Beitragslänge:
12 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 01.09.2018, 09:05
Mojib Latif
Meeres- und Klimaforscher Mojib Latif Quelle: Imago/Hoffmann

Volle Kanne: Was versteht man unter Extremwetter?
Mojib Latif: Extremwetter ist kein klar definierter Begriff. Das Phänomen beschreibt vielmehr ein außerordentliches Wetterereignis – sintflutartiger Regenfall, ein schweres Gewitter, Dürre, Sturm, ein Tornado, außergewöhnlich starker Schneefall, eine orkanartige Windböe – das statistisch selten in seiner Wiederkehr, Größe oder Dauer ist.

Volle Kanne: Ist der Klimawandel an den Starkniederschlägen schuld?
Mojib Latif: Sowohl als auch. Man kann die Ursache nie für ein einziges Ereignis oder ein Jahr festmachen. Aber die zunehmenden Starkregenfälle und Überschwemmungen sowie die immer häufiger auftretenden extrem heißen Temperaturen in Südeuropa sind eine Folge der Erderwärmung. Wie auch die öfter auftretenden Hitzetage bei uns. Auch wenn die Menschen es anders wahrnehmen, war es dieses Jahr in Deutschland deutlich zu warm im Vergleich zu den Temperaturen während der internationalen Referenzperiode 1961 bis 1990. Was eigentlich für unsere Breitengrade normal wäre, wird inzwischen als zu kalt wahrgenommen.

Volle Kanne: Gibt es Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland oder Süd- und Norddeutschland? Wer muss am meisten mit Starkniederschlag rechnen?
Mojib Latif: Eigentlich sind alle betroffen, nur der Norden ist weniger stark betroffen. Durch das Meer kann es dort gar nicht so heiß werden; die Ostsee zum Beispiel hat im Sommer nur 20 Grad, sodass die Temperaturen nicht so dramatisch ansteigen können. Das Problem ist dort allerdings der steigende Meeresspiegel. Die Küstenregionen sind damit eher von Überschwemmungen und Stürmen als von Starkniederschlägen betroffen. Der Meeresspiegel ist seit 1900 schon um zwanzig Zentimeter gestiegen, bis 2100 könnte es bis zu einem Meter mehr sein.

Volle Kanne: Wodurch kommt es zu Starkniederschlägen?
Mojib Latif: Bei höheren Temperaturen kann mehr Wasser verdunsten, dadurch ist dauerhaft mehr Wasser in der Luft gespeichert, welches in Form von Niederschlag auf die Erde fallen kann. Für Deutschland ist unter anderem das Mittelmeer ausschlaggebend, da von dort viele Tiefs kommen, die sehr viel Regen im Gepäck haben. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Mittelmeer deutlich erwärmt, wodurch die Verdunstung steigt. Dabei saugt sich ein Tief über dem Mittelmeer wie ein Schwamm voll Wasser, zieht östlich an den Alpen vorbei und regnet sich in Mittel- und Osteuropa ab. Die Oder- und Elbeflut sind beispielsweise durch solche Mittelmeertiefs entstanden.

Volle Kanne: Wodurch entsteht die Erderwärmung?
Mojib Latif: Das hat mit dem Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und der Art und Weise zu tun, wie wir Energie erzeugen: Wir verfeuern hauptsächlich fossile Brennstoffe, das sind Erdöl, Erdgas und Kohle zur Energiegewinnung. Das dabei entstehende CO2 hat eine lange Verweildauer von circa hundert Jahren, weshalb sich das Kohlendioxid immer mehr in der Luft anreichert und sich der Treibhauseffekt verstärkt, was zur Erderwärmung führt. Allein seit 1990 ist der CO2-Ausstoß um sechzig Prozent gestiegen und auch der CO2-Gehalt in der Luft ist dramatisch angestiegen.

Volle Kanne: Seit den 80er-Jahren ist zu beobachten, dass sich die Jahreszeiten immer mehr verschoben haben – der Frühling kommt früher, der Herbst später, der Winter manchmal gar nicht. Haben wir bald gar keine Jahreszeiten mehr?
Mojib Latif: Jahreszeiten werden wir noch haben, aber sie gleichen sich an. Die stärkste Erwärmung werden wir im Winter haben, der eher regnerisch wird. Auf jeden Fall wird es weniger Schnee geben, sodass Skifahren im Mittelgebirge schwierig wird.

Volle Kanne: Sollten uns die Wetterereignisse wachrütteln? Was können wir gegen den Klimawandel tun?
Mojib Latif: Andauernd kommen Wetterkatastrophen in die Medien, doch anscheinend haben die meisten das Gefühl, dass diese schon irgendwie verschwinden. Dabei sind das wirklich Alarmsignale, aber keiner scheint sie ernst zu nehmen. Manche glauben auch, dass es den Klimawandel gar nicht gäbe.

Grundsätzlich muss der Ausstoß der Treibhausgase wie Kohlendioxid global reduziert werden, denn es ist egal, wo es rauskommt, es betrifft uns weltweit. Kein Land kann das Problem allein lösen. In den nächsten Jahrzenten wird die Erderwärmung weitergehen, die Wetterextreme wie Starkniederschlagsereignisse und Trockenperioden werden noch heftiger und häufiger – umso wichtiger ist es, dass das Pariser Klimaabkommen umgesetzt wird.

Volle Kanne: Was wird sich durch Wetterextreme alles verändern?
Mojib Latif: Extreme Hitzeperioden werden hauptsächlich die Menschen belasten, die nicht so widerstandsfähig sind, wie Kinder und ältere Menschen. Wenn es über 30 Grad warm wird, bekommt der Körper Probleme, seine Wärme abzugeben. Umso mehr müssen wir für Anpassung sorgen, indem beispielsweise bei der Städteplanung an Grünflächen und Beschattung gedacht wird.

Auch die Wirtschaft leidet unter den Wetterextremen, insbesondere die Agrarwirtschaft. Und was in Deutschland passiert, passiert auch weltweit; zum Teil noch heftiger. Deshalb ist der Klimawandel auch eine Gefahr für die Weltwirtschaft und auch für die Weltsicherheit.

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