Krank und alleingelassen?

Wie hart uns der Pflegenotstand wirklich trifft

Verbraucher | Volle Kanne - Krank und alleingelassen?

Knapp die Hälfte der Pflegekräfte würde sich im eigenen Haus nicht mehr operieren lassen. Der Grund: zu gefährlich - zu viele Operationen und zu wenig Personal. Eine Pflegekraft aus dem Krankenhaus berichtet aus ihrem ernüchternden Alltag.

Beitragslänge:
18 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.06.2019, 09:05

Das Image des Pflegesektors wird immer schlechter. Es herrscht chronischer Personalmangel. Damit einhergehend wird es immer wichtiger, dass mehr junge Menschen sich für Pflegeberufe entscheiden. Der schlechte Ruf von Krankenhäusern und Pflegeheimen macht den Beruf aber einfach nicht attraktiv. Ein Teufelskreis.

Personalmangel mitunter größtes Problem

Es gibt zu wenige Pflegekräfte, in Altenheimen ist die Situation besonders dramatisch, aber auch in den Krankenhäusern spitzt sich die Situation zu. Es gibt weniger Interessenten für den Job, der sowohl physisch als auch psychisch stark belastet. Pflege von schwerkranken Menschen, Notfälle, in denen es um Leben und Tod geht, Schichtarbeit, Wochenenddienste, viele Überstunden wegen des chronischen Personalmangels, wenig Geld.

Pflegenotstand
Hunderte Menschen demonstrierten in Berlin am 12.05.2018 unter dem Motto "Walk of Care" für bessere Arbeitsbedingungen.
Quelle: imago / Seeliger

Im Krankenhaus verdienen Pflegekräfte zwar mehr als in der Altenpflege, liegen aber immer noch unter dem Durchschnittsverdienst der Deutschen - und müssen dafür immer vollen Einsatz bringen. Laut einer neuen Studie der Hans-Böckler-Stiftung liegen die Brutto-Stundenlöhne der examinierten Pflegekräfte in der Krankenpflege bei 16,23 Euro – der Mittelwert für alle Beschäftigten in Deutschland liegt derzeit bei 16,97 Euro. In der Altenpflege verdienen examinierte Kräfte im Schnitt nur 14,24 Euro brutto pro Stunde. Helferinnen und Helfer kommen durchschnittlich auf 11,49 Euro im Pflegeheim und auf 11,09 Euro im Krankenhaus.

Qualitätsmanagement hechtet Standards nach

Eine aktuelle Statistik lässt aufhorchen: Laut OP-Barometer 2017 würden sich nur 62 Prozent der befragten Pflegekräfte im OP-Saal der eigenen Klinik operieren lassen. Woher kommt das Misstrauen vieler Pflegekräfte in die eigene Einrichtung, wo doch hohe Qualitätsstandards herrschen sollten? Tatsächlich erfordern die zu erfüllenden Qualitätsstandards in Krankenhäusern viel Bürokratie. Wegen dieser hohen Bürokratieaufwände bei gleichzeitigem Personalmangel müssen im Krankenhaus strenge Zeitpläne eingehalten werden.

Im Schnitt finden 50 bis 60 OPs am Tag statt - in bis zu zwölf Operationssälen - ein enormer logistischer Aufwand. Nicht immer läuft alles glatt, vor allem zwischen Anästhesie-Team und Chirurgie-Team kann es aufgrund des engen Zeitplans zu Konflikten kommen. Sind die Anästhesisten noch nicht so weit, das chirurgische Ärzteteam steht aber im OP-Saal bereit oder umgekehrt, ist das nicht ideal.

Qualitätstandards vs. mangelndes Personal

Hinzu kommt, dass aufgrund der knappen Pflegekräfte die Qualitätsrichtlinien in der Realität nicht immer hinreichend eingehalten werden können. Es handelt sich um eine Grauzone, die sich selten in Statistiken wiederfindet. Das Problem: Wie soll eine examinierte Pflegekraft in der Nachtschicht mit zwei Helfern über hundert Patienten versorgen, wenn jeder Schritt dabei noch schriftlich dokumentiert werden muss?

Um den steigenden Anforderungen an das Qualitätsmanagement eines Krankenhauses nachzukommen, gibt es mittlerweile spezielle Fortbildungen. Wie zum Beispiel die berufsbegleitende Ausbildung für Ärzte und Pflegekräfte zum "OP-Manager" am Institut für Managementberatung im Gesundheitswesen (IMBG) in Weinheim. Hier kann sich Pflegepersonal berufsbegleitend in Sachen Qualitätsmanagement fortbilden. Bleibt zu hoffen, dass die Gesetzgebung es schafft, Bürokratiehürden abzubauen, damit die Qualitätsstandards in Krankenhäusern tatsächlich gewährleistet werden können.

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