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Vermisst

Wenn Menschen spurlos verschwinden

Wenn ein Mensch plötzlich verschwindet, tauchen Fragen auf: Will er sich entziehen? Wurde er entführt oder vielleicht sogar getötet? Die Ungewissheit hinterlässt gebrochene Familien.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Sprachoptionen:
AD - UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.05.2023

Jedes Jahr werden in Deutschland 100 000 Menschen als vermisst gemeldet. Die meisten tauchen nach zwei bis vier Tagen wieder auf, doch tausende bleiben verschwunden. Wie gehen Verwandte damit um? Welche Möglichkeiten haben sie, nach den Vermissten zu forschen?

Der "37°"-Film widmet sich zwei Vermisstenfällen und geht der Frage nach, wie die Familienangehörigen die Ungewissheit verarbeiten. Sie müssen nicht nur mit ihrer eigenen Angst, sondern auch mit Spekulationen umgehen lernen, die von ihrer Umgebung an sie herangetragen werden. Der Film dokumentiert aber auch, was passiert, wenn plötzlich Gewissheit da ist und eine Familie mit dem Mord an einer Angehörigen konfrontiert wird.

Emotionale Achterbahnfahrt für die Angehörigen

Edith und ihr Mann Dirk sind sich von Anfang an sicher: Anna ist nicht einfach abgehauen. Anna muss etwas zugestoßen sein. Von der Kinderbetreuerin fehlt seit dem 23. Juni 2019 jede Spur. Am Abend haben Edith und ihre Zwillingsschwester noch im Kreis der Familie zusammengesessen. Doch zum geplanten Mittagessen am nächsten Tag erscheint Anna, die nur 150 Meter entfernt wohnt, nicht. Die Familie hat einen Schlüssel zur Wohnung der Vermissten, doch das Schloss wurde ausgetauscht. Die beiden Hunde der 35-Jährigen, die sie niemals alleine gelassen hat, sind in der Wohnung. Für die Familie aus Gelsenkirchen ist in diesem Augenblick klar: Anna ist etwas passiert. Sie informieren die Polizei, die sechs Tage später, in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Essen, einen Suchaufruf veröffentlicht. 5000 Euro Belohnung werden für sachdienliche Hinweise ausgeschrieben. Die Familie lebt in einem Albtraum. "Die Ungewissheit bringt uns um", sagt der Schwager der Vermissten.

Monate vergehen. Die Familie muss sich in dieser Zeit auch mit bürokratischen Anforderungen auseinandersetzen: Auflösung von laufenden Verträgen, Versicherungen und am Ende auch Annas Mietwohnung. Wochenlang war die von der Kriminalpolizei beschlagnahmt, weil die Spurensicherung nach Hinweisen suchte. "Wir können keine Krimis gucken, wir erleben einen realen Horror", sagt Dirk, der wie ein Schutzschild für Edith und ihre Eltern agiert. Seelische Unterstützung bekommt die Familie in dieser Zeit kaum. Die Kriminalbeamten gewähren keine Einblicke, immer mit der gleichen Begründung: " … dass aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit keine weiteren Auskünfte über den Ermittlungsstand erteilt werden." Wieder gehen Monate ins Land. Tränen und Trauer begleiten die Familie täglich.

Dann die Wende im Fall Anna: Im November 2019 steht die Polizei vor der Tür und bringt der Familie die traurige Nachricht: Anna ist tot, sie wurde ermordet. Die Polizei hat einen Mann verhaftet, der Videos besitzt, auf denen die tote Anna zu sehen ist. Es handelt sich um eine Person, gegen die die Familie bereits einen Verdacht hegte. Doch die grausige Gewissheit bringt keine Ruhe. Annas Leiche wurde bisher nicht gefunden, weil der mutmaßliche Täter schweigt. Der katholischen Familie bleibt bislang der letzte Trost verwehrt. Sie können sich nicht würdevoll bei einem Begräbnis von Anna verabschieden.

Nach spätestens zehn Jahren wird 'für tot erklärt'

Liegt ein Tötungsdelikt vor, geht die Kriminalpolizei in den meisten Fällen von einer Beziehungstat aus. Auch Petra und Stephanie, die ältere und die jüngere Schwester von Heidi D. glauben nicht, dass Heidi Opfer eines zufälligen Verbrechens ist. Im November 2013 wurde die 49-jährige Postbotin zuletzt in der Nähe ihres Zuhauses in Nürnberg gesehen. Seither fehlt jede Spur. Fünf Tage nach ihrem Verschwinden leitet das Bundeskriminalamt eine öffentliche Fahndung ein. Ohne Ergebnis, doch da man Heidis Portemonnaie, ihren Personalausweis und ihr Handy in ihrem Haus findet, gehen die Fahnder von einem Gewaltverbrechen aus. Über sechs Jahre sind seither vergangen, in denen die Schwestern eine Achterbahn der Gefühle durchleben mussten. Wer innerhalb eines Jahres nicht zurückkehrt, bleibt laut Statistik des Bundeskriminalamtes meist für immer verschollen und wird spätestens nach zehn Jahren für tot erklärt.

Petra ist als Abwesenheitspflegerin für die Vermisste eingesetzt, seit Jahren kümmert sie sich um die Vermögensverhältnisse von Heidi, hütet das Ersparte. Auch die Lieblingskleidung von Heidi haben sie und Stephanie behalten, für den Tag, an dem ihre Schwester hoffentlich wieder auftaucht. "Wir haben uns ein Versprechen gegeben", sagen Petra und Stephanie, "wir kämpfen für die Wahrheit bis zum Schluss".

Doch immer wieder geraten beide in emotionale Grenzsituationen: Mal glaubt jemand, Heidi erkannt zu haben, mal meldet die Presse einen Leichenfund. Auch die Suche bei "Aktenzeichen XY ungelöst" im Dezember 2017 schürt neue Hoffnung, doch auch sie bleibt ergebnislos. Im Mai 2018 ein weiterer Höhepunkt des Unerträglichen. Das Haus, in dem Heidi und ihr Lebensgefährte gewohnt haben, wird nach richterlichem Beschluss auf den Kopf gestellt. Die Kriminalpolizei hat Anlass zur Vermutung, dass Heidis Leiche dort versteckt sein könnte. Aber wieder nichts. Petra und Stephanie machen dennoch weiter. Jetzt haben sie die Ermittlungsakten angefordert, die ihnen Einblicke in die Vernehmungsprotokolle der Polizei geben. Vielleicht wurde etwas übersehen, vielleicht finden sie einen Hinweis. Es ist eine kräftezehrende Recherche. "Vieles, was wir über unsere Schwester durch Zeugenaussagen erfahren, hätten wir gar nicht wissen wollen." Seit ein paar Monaten haben sie in Nürnberg-Fischbach wieder Plakate mit der Verschwundenen aufgehängt. Heidi soll nicht in Vergessenheit geraten. Die Suche geht weiter.

37 Grad-Autorin Iris Bettray über ihren Film

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