Sexualisierte Gewalt in Avignon:Soziologin: "Täter ist der Mann von nebenan"
von Luis Jachmann
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Ein Missbrauchsprozess wühlt Frankreich auf. Er zeichnet ein schonungsloses Bild von einem System, in dem Männer zu Tätern werden.
Weil er seine Frau jahrelang sediert und von anderen Männern vergewaltigen lassen hat, steht ein Mann in Avignon vor Gericht. Die Scham liegt bei den Tätern, das findet auch die Betroffene.04.09.2024 | 2:29 min
"La honte doit changer du camp". Auf Deutsch: "Die Scham muss die Seite wechseln". Diesen Spruch skandieren viele Frauen in Frankreich immer und immer wieder - auf Kundgebungen in Marseille, Rennes, Paris - und vor dem Gerichtsgebäude von Avignon. Sie solidarisieren sich mit Gisèle Pelicot. Über 10 Jahre hinweg hat ihr Mann sie unter Einfluss von Schlafmitteln vergewaltigt.
Der Mann hat sich zu seiner Schuld bekannt. Mit ihm müssen sich 50 Männer im Prozess verantworten, die sich ebenfalls an Gisèle Pelicot auf "Einladung" ihres Ehemannes vergangen haben. Mehr als 20 weitere mutmaßliche Täter haben die Ermittlerinnen und Ermittler nicht ausfindig machen konnten.
Gisèle Pelicot trägt Vergewaltigungsprozess öffentlich aus
"Noch immer glauben viele Männer, dass sie Sexualverbrechen begehen können, weil sie nicht entdeckt werden und unbestraft davonkommen", sagt Elsa Labouret vom französischen Kollektiv "Feminismus wagen". Gisèle Pelicot hat sich bewusst dazu entschieden, den Prozess öffentlich auszutragen. So lässt sie ganz Frankreich wissen, welches Martyrum sie jahrelang durchlebte.
Ich werde diesen Kampf bis zum Ende führen. Einen Kampf, den ich allen Frauen und Männern auf dieser Welt widme, die Opfer sexualisierter Gewalt sind. Ihr seid nicht allein.
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Gisèle Pelicot
"Wir fordern, dass EU-weit Einvernehmlichkeit ausschlaggebend dafür ist, ob ein Sexualakt eine Vergewaltigung ist oder nicht", so Kristina Lunz, Aktivistin für feministische Außenpolitik.08.02.2024 | 5:35 min
Soziologin: Fall in Avignon entblößt patriarchale Strukturen
So beispiellos das Ausmaß der Verbrechen an Pelicot sind, so sehr stünden sie exemplarisch für ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt Clara Le Gallic-Ach. Die Soziologin der Universität "Sciences Po Paris" sieht hinter den Sexualdelikten patriarchale Strukturen:
"Viele Angeklagte sagen, sie fühlten sich dazu berechtigt, die Frau zu vergewaltigen, weil der Ehemann zugestimmt hat. Genau diese Vorstellung der Männer, über den weiblichen Körper zu verfügen, führt zu einer Kultur des Missbrauchs", sagt Clara Le Gallic-Ach.
Auf der Anklagebank in Avignon sitzt ein Bäcker, ein Krankenpfleger, ein Journalist. Verschiedene gesellschaftliche Milieus. "Zu Tätern werden Männer jeden Alters, jeden Berufs", so die Soziologin.
Mohamed Al-Fayed, dem früheren Besitzer des britischen Kaufhaus Harrods, wird sexualisierte Gewalt vorgeworfen. 37 Frauen verklagen den im letzten Jahr verstorbenen Unternehmer. 20.09.2024 | 2:43 min
Vergewaltigungsdrogen auch im privaten Raum
In Frankreich sind laut offiziellen Zahlen jährlich über 200.000 Menschen Opfer sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen, zumeist Frauen. Mehr als 90 Prozent aller Täter sind Männer. In der Hälfte aller Fälle kennt das Opfer den Vergewaltiger persönlich. Häufig ist der eigene Partner der Täter.
Im Fall von Avignon verschwimmen privater und öffentlicher Raum. Der Ehemann habe die fremden Männer nach Hause eingeladen. Dass Gisèle Pelicot Schlafmittel zugeführt wurden, um sie zu vergewaltigen, bringe in der Gesellschaft mehr Bewusstsein für ein systemisches Problem, so die Soziologin: "Wir kennen diese Strategie aus Bars."
Jetzt sehen wir, dass Täter Vergewaltigungsdrogen auch im privaten Umfeld nutzen.
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Clara Le Gallic-Ach, Soziologin
Etliche Frauen realisieren womöglich jetzt, dass auch sie bewusstlos missbraucht wurden, so die Soziologin.
Anfang 2024 hatten sich das Europaparlament und die EU-Länder auf strengere Strafen für Gewalt gegen Frauen geeinigt. Bei Vergewaltigung gab es aber keine Einigung - auch wegen Deutschland.06.02.2024 | 11:42 min
Anzeigen nach Vergewaltigungen: Hemmschwelle für Opfer hoch
Aber führt diese Erkenntnis auch zu mehr Anzeigen? Zumindest könne der Prozess mehr Opfer ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, hofft die Aktivistin Elsa Labouret: "Wir sprechen gerade viel über dieses Thema, weil Gisèle Pelicot alles öffentlich macht. Sie hat viel Mut bewiesen."
Dieser Fall wird unsere Gesellschaft verändern.
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Elsa Labouret, Kollektiv "Feminismus wagen"
Sie und die Soziologin Le Callic-Ach sagen aber auch, dass die Hemmschwelle für viele Opfer weiter hoch bleibt. 2022 haben gerade einmal sechs Prozent der Opfer Anzeige erstattet.
Auch weil viele Männer, so die Expertinnen, sich gegenseitig decken und auch weil die Familie Opfern davon abrate, Anzeige zu erstatten. Nur jede zehnte Anzeige führe auch zu einem Strafverfahren. Die hohen Anforderungen, vor Gericht ausreichende Beweise vorzulegen, schütze viele Täter vor Strafen.
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