Klimaschutz-Studie: Großes Potenzial durch Radverkehr

    Großes Potenzial für Klimaschutz:Studie: Fahrrad muss "Goldstandard" werden

    Mark Hugo
    von Mark Hugo
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    Das Potenzial ist riesig: Dreimal mehr Radverkehr bis 2035 würde den Treibhausgasausstoß im Verkehr spürbar senken, so eine Studie. Dafür müsste der Ausbau aber in Fahrt kommen.

    Hessen, Frankfurt/Main: Eine Fahrradfahrerin fährt auf einer Fahrradspur an einer Straße.
    In Deutschland gibt es laut European Cyclists' Federation (ECF) dreimal so viele Straßen wie Radwege. (Archivbild)
    Quelle: dpa

    In der Klimabilanz macht der Verkehrssektor in Deutschland keine gute Figur: 2023 ging der Treibhausgasausstoß nur minimal zurück. Die Klimaziele wurden krachend verfehlt. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI könnte der Radverkehr ein Hebel sein, um die Bilanz in Sachen Klima spürbar zu verbessern.
    Denn nach den Berechnungen des Instituts könnte der Treibhausgasausstoß im Nahbereich bis 2035 um stolze 34 Prozent oder 19 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente gesenkt werden. Dafür allerdings müsste der Radverkehrsanteil bei Wegen bis 30 Kilometer verdreifacht werden - auf 45 Prozent. Im Moment liegt er bei 13 Prozent.
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    Ausbau Infrastruktur: Lückenloses, sicheres Radnetz

    Ein Potenzial, das allerdings nur ausgeschöpft werden kann, wenn bis dahin eine "einladende Infrastruktur" geschaffen werde, sagt die Studie, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) in Auftrag gegeben hat.
    Heißt: Ein lückenloses Netz an sicheren, vom Autoverkehr getrennten Radwegen muss her, ebenso eine gute Verknüpfung von Rad und Bahn und Kommunen mit kurzen Wegen und angepasstem Verkehrstempo. Der ADFC-Bundesvorsitzende Frank Masurat sagt:

    Wenn es Deutschland mit den Klimazielen und hoher Lebensqualität ernst meint, muss das Fahrrad der neue Goldstandard für die alltägliche Mobilität sein.

    Frank Masurat, Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e. V.

    Die Verkehrspolitik müsse dazu aber "den ambitionslosen 'Weiter wie bisher'-Kurs" verlassen, fordert Masurat.
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    Die Bundesregierung will Deutschland laut Koalitionsvertrag zwar zum "Fahrradland" machen und fördert zum Beispiel den Bau neuer Radwege. Laut ADFC gehe der Ausbau trotzdem noch zu schleppend voran. Ein "schlechter Scherz" sei, dass nun bei den Mitteln des Bundes sogar der Rotstift angesetzt werden soll.

    Mehr als 40 Prozent Radverkehr in Utrecht und Münster

    Vieles hängt dabei auch vom Engagement einzelner Städte und Gemeinden ab. Wie gut eine Verkehrswende klappen kann, zeigen Städte wie Utrecht, Antwerpen, Kopenhagen oder auch Münster. Sie alle haben schon jetzt einen Radverkehrsanteil von insgesamt mehr als 40 Prozent. Den Grund nennt Stephanie Krone vom ADFC:

    Gute Fahrradstädte zeichnen sich dadurch aus, dass Politik und Verwaltung das Fahrrad als Verkehrsmittel für Alltagswege wirklich ernst nehmen.

    Stephanie Krone, ADFC

    Dazu gehörten breite Radwege an allen Hauptachsen oder auch Routen mit Vorfahrt für Drahtesel.
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    Deutschlands Radwegenetz: Rang fünf in Europa

    Wirklich schlecht steht Deutschland übrigens beim Blick auf das gesamte Radwegenetz im europäischen Vergleich derzeit nicht da. Die European Cyclists' Federation (ECF) hat das Verhältnis der ausgebauten Radinfrastruktur zu öffentlichen Straßen berechnet.
    In Deutschland liegt es bei 33,6 Prozent. Heißt: Es gibt etwa dreimal so viele Straßen wie Radwege. Deutschland steht damit im Ranking auf Platz fünf - hinter Liechtenstein, den Niederlanden, Belgien und Dänemark.
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    Allerdings: Eingerechnet sind dabei auch Fahrradspuren, die auf Straßen nur markiert sind, und außerdem Wege, die sich Radler mit Fußgängern teilen müssen.
    Schaut man ausschließlich auf reine Fahrradwege, dann liegt das Verhältnis demnach bei nur noch neun Prozent. Zum Vergleich: In Dänemark sind es fast 28 Prozent (insgesamt: 41,2 Prozent), im Fahrradland Niederlande sogar 70,5 Prozent (insgesamt; 79,3 Prozent).

    Studie: Deutsche würden auf Rad umsteigen

    Natürlich: Dort gehört das Fahrrad seit Jahrzehnten zur Kultur - anders als in Deutschland. Eine einladende Infrastruktur ist das eine - Menschen, die deshalb bereitwillig aufs Rad umsteigen eine andere Sache. Auch das hat das Fraunhofer ISI in der Studie auf Basis von Umfragen analysiert:

    Unsere Studie beantwortet letztendlich die Frage, ob sich Deutsche wesentlich anders verhalten würden als Niederländer, wenn die Bedingungen für das Radfahren hier ähnlich gut wären wie dort. Die Antwort ist: Würden sie nicht.

    Dr. Claus Doll, Fraunhofer ISI

    "Oft wird unterstellt, dass die Niederländer das Fahrradfahren irgendwie im Blut haben," ergänzt Stephanie Krone. Das aber sei "Humbug". "Sie haben einfach die weltbeste Radinfrastruktur." Und wenn auch in Deutschland das Angebot stimmt, dann würden auch hier die Menschen "im großen Stil" auf das Rad umsteigen. Da ist sie sich sicher.
    Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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