Brasilien und Russland: Was Lawrows Besuch bedeutet

    Besuch von Lawrow:Wendet sich Brasilien vom Westen ab?

    Christoph Röckerath
    von Christoph Röckerath, Rio de Janeiro
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    Russlands Außenminister Lawrow besucht lateinamerikanische Diktaturen - und das demokratische Brasilien. Was das über Selbstverständnis und Interessen des Landes verrät.

    Archiv: Sergej Lawrow (r), Außenminister von Russland, und Mauro Vieira, Außenminister von Brasilien
    Freundlicher Empfang: Russlands Außenminister Sergej Lawrow (rechts)
    Quelle: dpa

    Havanna, Managua, Caracas, Brasilia: Die Reiseroute des russischen Außenministers Lawrow zeigt nicht nur, welche Länder im geographischen Westen überhaupt noch als Verbündete Russlands in Frage kommen.
    Sie sagt auch etwas darüber aus, wie sich das im Unterschied zu Kuba, Nicaragua und Venezuela demokratisch regierte Brasilien selbst verortet: als ein unabhängiger Akteur, der sich von keiner Seite vereinnahmen lassen will und sich auch nicht daran stört, am Ende einer kleinen Diktaturen-Tournee von Wladimir Putins treuestem Gehilfen zu stehen. Im Gegenteil: Brasilien legt Wert darauf, nicht zu "dem" Westen zu gehören.

    Brasiliens Außenpolitik: Bislang auf Distanz zu allen Großen auf der weltpolitischen Bühne

    Vor acht Wochen noch betonte Präsident Lula in Washington die Gemeinsamkeiten mit seinem US-amerikanischen Kollegen Joe Biden. Danach schickte er seinen wichtigsten außenpolitischen Berater Celso Amorim zu vertraulichen Gesprächen nach Moskau. Vor wenigen Tagen erst suchte er in Peking demonstrativ die Nähe zu China, Brasiliens größtem Handelspartner. Nun werden sie freundlich Sergej Lawrow empfangen.
    Trotz des Ukraine-Kriegs stehen viele Länder an Russlands Seite. Die ZDF-Korrespondenten wollen herausfinden, warum. Eine Spurensuche in China, Brasilien, Südafrika und Thailand.22.02.2023 | 62:37 min
    Es ist genau dieser gleiche Abstand zu allen Großen auf der weltpolitischen Bühne, die seit Jahrzehnten den Grundsatz brasilianischer Außenpolitik bildet - und an der Brasilien auch nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine festhalten will.
    Das größte Land Südamerikas ist wirtschaftlich und politisch auf ein Auskommen mit allen Großmächten angewiesen. Russlands Dünger ist der Treibstoff der mächtigen Agrarindustrie. China investiert in die Infrastruktur. Alle Welt kauft Brasiliens Agrarerzeugnisse und Rohstoffe - vor allem Fleisch, Soja, Eisenerz und Öl. Auch der Tourismus ist wichtig.

    Wachsende Zweifel an Lulas Neutralität

    Um nicht zwischen allen Stühlen zu sitzen, zimmert Brasilien an seinem eigenen Verhandlungstisch, an den sich die anderen dazu setzen sollen. Ihm schwebe ein "Friedensclub" vor, sagte Präsident Lula, eine Gruppe Nationen, die zwischen den Kriegsparteien vermitteln solle. Die Frage ist, wie realistisch - und ernst gemeint - diese Pläne wirklich sind.
    Chinas Staatschef Xi konnte Lula nicht für seinen Club gewinnen. Und Aggressor Russland übernimmt ohnehin keine Verantwortung für das eigene Handeln. Stattdessen spielt Lawrow konsequent auf der altbewährten Klaviatur des Anti-(US)-Amerikanismus. Eine neue Weltordnung müsse her, ohne US-Hegemonie, sagt er, als ob diese sowie der souveräne Wunsch der Ukrainer nach Westorientierung die zwingende Ursache für Angriffe und Kriegsverbrechen Russlands wären.

    Lawrow zu Friedensgesprächen
    :Russland fordert eine "neue Weltordnung"

    Russlands Außenminister Lawrow hält Friedensgespräche mit der Ukraine nur für möglich, wenn eine "neue Weltordnung" entstehe. Lawrow droht zudem mit dem Ende des Getreideabkommens.
    Sergej Lawrow
    mit Video

    Lula will Friedensclub

    Eine Täter-Opfer-Umkehr, die auch bei Präsident Lula zu verfangen scheint. Zwar hat sich Lula offiziell zur territorialen Integrität der Ukraine bekannt, doch wirklich entschlossen wirkt er dabei nicht.
    Anfang des Monats sagte er, der ukrainische Präsident Selensky könne "nicht alles bekommen", womit er auf die schon 2014 widerrechtlich von Russland annektierte Krim anspielte, was ihm umgehend scharfen Widerspruch aus Kiew einbrachte. Schon im Wahlkampf hatte sich Lula mit bestenfalls ungeschickten Relativierungen vor allem der Ukraine gegenüber nicht gerade als glaubwürdiger Vermittler empfohlen.
    Und auch eine ablehnende Haltung gegenüber den USA tritt bei Lula immer deutlicher zum Vorschein. Brasilianische Kommentatoren sehen unter seiner Herrschaft bereits das Ende der brasilianischen Neutralitätsdoktrin kommen. Erst recht nach seinen jüngsten Äußerungen am Rande des China-Besuches. Vor seinem Abflug am Freitag sagte er, die USA müssten aufhören, "den Krieg zu intensivieren." Eine Formulierung, die so auch aus Moskau hätte kommen können.

    Russland will Skepsis gegenüber den USA nutzen

    "In der brasilianischen Gesellschaft gibt es einen ausgeprägten Antiamerikanismus", sagt dazu Oliver Stuenkel, Professor für internationale Politik aus Sao Paulo, der unter anderem mit der langen Geschichte US-amerikanischer Einmischung in Lateinamerika zu tun habe.
    "Es gibt einen Konsens auf der Linken und auf der Rechten. Wir haben eine nationalistische Linke, bei der Wladimir Putin sehr beliebt ist, weil sie ihn als großen Gegenspieler der Vereinigten Staaten ansieht. Bei der Rechten ist er beliebt, weil er für sie den traditionellen Mann verkörpert. In Russland gibt es schließlich, in Anführungszeichen, nur zwei Geschlechter, und vor allem den konservativen Mann, der seine traditionelle Kultur beschützt."
    Lawrow wird versuchen, daraus Kapital zu schlagen, wenn er Lulas Außenminister trifft. Der brasilianische Präsident dagegen wird weiter darauf bauen, dass, egal, was er öffentlich von sich gibt oder welche Früchte seine Idee vom "Friedensclub" tatsächlich trägt, am Ende weiterhin alle mit seinem Land weiter Geschäfte machen. Denn für Brasilien und die meisten seiner Einwohner ist der Krieg in der Ukraine tatsächlich weit weg - und primär ein Problem der Anderen.
    Christoph Röckerath leitet das ZDF-Studio in Rio de Janerio.

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