Warum es Start-ups in Deutschland an Perspektive fehlt

    Standortproblem Deutschland:Die fehlenden Perspektiven für Start-ups

    Frank Bethmann berichtet von der Frankfurter Börse
    von Frank Bethmann
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    Zu viele deutsche Start-ups zieht es ins Ausland. Das ist schlecht für Wertschöpfung und Wohlstand hierzulande. Ein Grund sind die unterentwickelten Kapitalmärkte.

    Labor für Biotechnologie
    Auch Biotechnologieunternehmen finden Kapitalgeber oft im Ausland. (Symbolbild)
    Quelle: colourbox.de

    Deutschland und seine Konjunkturschwäche. Groß ist die Sorge, dass das Wachstum so schnell nicht zurückkehrt. Auch weil der Fokus viel zu stark auf die bestehende Industrie gerichtet ist - auf die Autohersteller, die Chemieindustrie und den Maschinenbau: "Aber wir können uns nicht drauf verlassen, dass die bisher tragenden Säulen der Wirtschaft weiterhin hohe Wachstumsraten erreichen", sagt Ulrike Malmendier.

    Gute Anschubfinanzierung für Start-ups reicht nicht

    Die in den USA lebende Wirtschaftsweise berät die Bundesregierung:

    Wir brauchen auch Biotechnologie, künstliche Intelligenz und viel mehr junge wachstumsorientierte Unternehmen.

    Ulrike Malmendier, Wirtschaftswissenschaftlerin

    Mit ihnen wären höhere Wachstumsziele zu erreichen, bestätigt auch Dirk Honold, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg. "Start-ups sind einer der wichtigsten Innovationstreiber in vielen Volkswirtschaften."
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    Doch noch immer zieht es erfolgreiche deutsche Start-ups zu häufig ins Ausland. Dabei sind die ersten Anschubfinanzierungen dank staatlicher Programme sogar besser als andernorts.

    Zu wenig Wagniskapital für junge Unternehmen

    Doch spätestens wenn die Unternehmen über eine bestimmte Größe hinausgewachsen sind, gibt es hierzulande viel zu wenig Wagniskapital. Die Fonds in Deutschland und Europa seien viel zu klein, moniert Verena Pausder, Unternehmerin und seit Kurzem auch die neue Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbandes.
    Dann kümmerten sich oft sehr viel größere Geldgeber aus den USA um die weitere Finanzierung der deutschen Jung-Unternehmen. "Da kann man noch sagen", erörtert Pausder, "was soll`s, so lange die Unternehmen noch alle hier sind, hier Steuern zahlen und das heimische Bruttoinlandsprodukt mithelfen zu steigern, ist das in Ordnung". Aber:

    Spätestens, wenn sie woanders an die Börse gehen, sind IT-Talent und Idee weg.

    Verena Pausder, Unternehmerin

    Bürokollegen im Coworking-Space
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    Und diese Entwicklung ist gefährlich für Deutschland, sagt sie. Beispiele dafür gab es zuletzt einige. Die bekanntesten: Biontech und der Flugtaxi-Pionier Lilium. In beiden Fällen besteht zumindest mittelfristig die Gefahr, dass Deutschland Wertschöpfung verloren geht.

    Von Frankreich lernen: Bündnis großer Kapitalgesellschaften

    "Das können wir uns auf Dauer nicht leisten", sagt Bundesbankvorstand Sabine Mauderer. "Denn es sind eben auch diese Unternehmen, die heute die Grundlagen für das Wachstum und die Arbeitsplätze von morgen legen."
    Frankreich macht seit einigen Jahren vor, wie es anders gehen kann. Dort hat Präsident Emmanuel Macron Start-ups zur Chefsache erklärt. Und eine Initiative gegründet, bei der große institutionelle Investoren sich bereit erklärt haben, bis 2023 insgesamt sechs Milliarden Euro in junge französische Technologiefirmen zu stecken.
    Eine Entwicklung, die bereits Früchte trägt. "Und das ist alles in den letzten vier Jahren passiert", ergänzt Pausder.

    Das ist keine Raketenwissenschaft. Und das können wir uns hier in Deutschland jetzt eigentlich perfekt abgucken - und das tun wir zum Glück auch schon.

    Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende Startup-Verband

    Nach französischem Vorbild und unter Führung der staatliche Förderbank KfW arbeitet nun auch Deutschland an einem solchen Wagniskapitalbündnis. Mit dabei: die Allianz, der Vermögensverwalter Blackrock, die Deutsche Bank, die Deutsche Börse und weitere potentielle Großinvestoren. Im Sommer sollen konkrete Ergebnisse vorgelegt werden.
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    Fehlende fachkundige Analysten für Startup-Bewertung

    Bis dahin gilt es weiter an einem anderen, seit Jahren bekannten Problem zu arbeiten. Dass es erfolgreiche Start-ups ins Ausland zieht, liegt auch an dem insgesamt schwachen deutschen Kapitalmarkt. Er gilt als unterentwickelt. Vor allem fehlt es an Expertise; beispielsweise an Spezialisten, die den Wert von Start-ups fachkundig analysieren und potentiellen Anlegern dann auch kommunizieren können.
    Einer der wichtigsten Gründe, warum heimische Start-ups lieber in den USA an die Börse gehen. Ein anderer: dort ist die Nachfrage nach Aktien sehr viel größer. Beides zusammen führt dazu, dass die jungen Unternehmen in den USA viel mehr Geld einsammeln können.

    Mangelnde Aktien- und Kapitalmarktkultur in Deutschland

    Die Deutschen stehen der Börse traditionell eher skeptisch gegenüber. Vielerorts gelten Aktien als zu spekulative Geldanlage. In Westdeutschland ist gerade mal jeder Fünfte am Aktienmarkt engagiert, in Ostdeutschland nur jeder Zehnte. Das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Kapitalmarkt, die Probleme der Gründer, an genügend Geld zu kommen und die deutsche Wachstumsschwäche haben daher auch mehr miteinander zu tun, als man denkt.
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    Für Unternehmerin Pausder ist klar: Es braucht einen attraktiveren Börsenstandort, "wenn wir Deutschland als einen führenden Technologiestandort mit unabhängigen Unternehmen auf der Weltkarte etablieren wollen."
    Bundesbänkerin Mauderer formuliert es anders: "Die Menschen müssen verstehen, dass der Finanzsektor eine elementare und unabdingbare Infrastruktur für das Wachstum unserer Wirtschaft bereitstellt - und damit auch für unseren Wohlstand."
    Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.

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