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Notruf im Mittelmeer

Das Geschäft der Schleuser

Das Mittelmeer ist zum Grab geworden. Die Politik ist sich weitgehend einig, wer für den Tod von mehr als 20 000 Geflüchteten verantwortlich ist: die Schleuser.

Datum:
22.08.2017
Verfügbarkeit:
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Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) spricht von kriminellen Netzwerken, "die Millionen aus diesen Menschen herauspressen und an ihnen verdienen und billigend in Kauf nehmen, dass Tausende ertrinken". Um die EU-Außengrenzen besser zu schützen, will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch gegen Schlepper und Schleuser entschlossen vorgehen.

Dabei befinden sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union seit Jahren in diesem Kampf gegen Schlepper und Schleuser. Ein Beispiel ist die Frontex-Operation "Triton" im Mittelmeer. Deutschland beteiligt sich außerdem mit der Bundeswehr am Militäreinsatz "Sophia" im westafrikanischen Mali - und hat den Bundesgrenzschutz an seinen Außengrenzen postiert. Die Regierung in Österreich will gar Panzer am Brenner auffahren lassen. Und das italienische Parlament hat gerade erst dem Einsatz von Kriegsschiffen vor der libyschen Küste zugestimmt.

Ali, der Schleuser

Doch die Schleuser zeigen sich davon wenig beeindruckt und gehen weiter ihren Geschäften nach. Teams des dänischen Fernsehens und von Frontal 21 haben in der Türkei, in Griechenland, in Libyen und Tunesien Schleuser getroffen, die ihre Sicht auf das schildern, was Politiker als Flüchtlingskrise bezeichnen.

Der 25-jährige Ali schleust seit drei Jahren Flüchtlinge von Izmir nach Griechenland und sagt: „Mir ist wichtig, dass ich niemanden ausbeute." Er nehme 1.000 Dollar. "Diese 1.000 Dollar machen ein Menschenleben besser.“ Dafür sorge er, soweit es in seiner Macht stehe, für eine sichere Überfahrt. Er zwinge niemanden in ein Schlauchboot. Seine Dienste seien nachgefragt. Er mache nur ein Angebot.

Passhändler Yahya

Passhändler Yahya hat sich auf Flugreisen mit geklauten Pässen und gefälschten Visa spezialisiert. Die Nachfrage sei größer geworden, seit der Landweg nach Westeuropa über den Balkan durch hohe Zäune versperrt ist. In Yahyas Fälscherwerkstatt können Flüchtlinge wählen: einen deutschen oder französischen Pass, Urlaubs- oder Business-Visa, alles eine Frage des Preises. Ein Krimineller sei er nicht, er sei eher ein Geschäftsmann.

In Sabha, mitten in der Sahara, warten Flüchtlinge auf ihre Weiterfahrt an die libysche Küste. Für Schleuser Mohammad Hamad sind sie das Geschäft seines Lebens „Es gibt hier wirklich keinen anderen Job mit einem besseren Einkommen“, erzählt er. Um das Wohl seiner Klienten schert er sich wenig. Ein Menschenleben ist in der Wüste kaum 600 Euro wert. Sklavenhandel sei Alltag in dem Land ohne Recht und Gesetz.

Kooperation mit Schleusern

Nahe der tunesischen Urlaubsinsel Djerba treffen wir einen Kommandanten des tunesischen Militärs: Er erzählt, dass er mit den Schleusern kooperiere. „Den Service, den ich anbiete, sind Informationen: Wo patrouilliert die Nationalgarde oder das Militär, gibt es Kontrollen am Strand? Ich gebe ihnen sogar die Info, welche Art von Booten unterwegs ist.“ Dafür kassiere er Tausende Euro – wöchentlich.

Immer mehr Flüchtlinge erreichen in diesem Sommer Italien. Unterstützung aus Europa – bisher Fehlanzeige. Dafür fast jeden Tag neue politische Ideen: Zusammenarbeit mit den libyschen Milizen, Zurückweisung der Bootsflüchtlinge im Zweifel mit Gewalt, Auffanglager in Nordafrika. Der Politikberater Gerald Knaus gilt als Erfinder des Abkommens der EU mit der Türkei. Er hält all die Vorschläge für „Scheindebatten, Theaterpolitik und Populismus“. Wer keine überzeugenden Lösungen für die Hundertausenden Flüchtlinge vor der Türen Europas hat, muss offenbar einen Schuldigen präsentieren: die Schleuser. Dass der Kampf gegen Schlepper das Flüchtlingsproblem eindämmen oder gar lösen könnte, bezweifelt Knaus. „Man muss Schlepper bekämpfen, weil sie oft Verbrechen begehen. Nur: Die Verbrecher sind das Symptom einer gescheiterten Politik - sie sind nicht die Ursache.“

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